„Manch­mal hab ich auf dem Dach auch ge­sun­gen“

Vor 60 Jah­ren hat Gün­ter Mar­tin aus Hall sei­ne Meis­ter­prü­fung als Dach­de­cker ab­ge­legt. Am Sonn­tag wird er ge­mein­sam mit vie­len Alt­meis­tern ge­ehrt.

Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote - - MENSCHEN - Von Bet­ti­na Lo­ber

Ei­nen an­de­ren Beruf als Dach­de­cker? Die­se Fra­ge hat sich Gün­ter Mar­tin wohl nie wirk­lich ge­stellt: „In mei­ner Fa­mi­lie sind wir seit sie­ben Ge­ne­ra­tio­nen Dach­de­cker“, er­zählt der rüs­ti­ge 85-Jäh­ri­ge. Er sei in die­sen Hand­werks­be­ruf hin­ein­ge­wach­sen – da­mals in Bad Dür­ren­berg an der Saa­le. „Mit 16 Jah­ren hat­te ich schon aus­ge­lernt“, er­zählt der Se­ni­or.

Er ar­bei­te­te in sei­ner Hei­mat­stadt bei zwei Fir­men und auch im Be­trieb des Va­ters. Aber der jun­ge Mann, der in ei­ner christ­lich ge­präg­ten Fa­mi­lie groß wird, sieht die so­zia­lis­ti­sche Politik in der DDR kri­tisch – „das ge­fiel mir nicht so, au­ßer­dem war ich neu­gie­rig“. Al­so be­schließt er, in den Wes­ten zu ge­hen – ei­ne aben­teu­er­li­che Ak­ti­on: Er flüch­tet 1951 als 17-Jäh­ri­ger zu Fuß über den Harz.

Skep­sis und Gott­ver­trau­en

Der jun­ge Hand­wer­ker geht sei­nen Weg – kommt zu­nächst tat­säch­lich nach Schwä­bisch Hall, zieht dann aber wei­ter nach Ess­lin­gen. Die Un­ter­kunft dort im Lehr­lings­heim, die Ar­beit, der Wassersport auf dem Ne­ckar – das be­hagt ihm. Den­noch treibt es ihn nach zwei Jah­ren wei­ter: erst nach Düs­sel­dorf, spä­ter zu­rück nach Ess­lin­gen und zur Meis­ter­prü­fung – ge­wis­ser­ma­ßen ei­ne lo­gi­sche Kon­se­quenz. Ge­las­sen er­zählt Mar­tin von sei­nen Le­bens­sta­tio­nen. Zwar sei er im­mer eher skep­tisch ge­we­sen, ob al­les klappt, lässt er durch­bli­cken. Doch der Dach­de­cker­meis­ter scheint auch von ei­ner or­dent­li­chen Por­ti­on Gott­ver­trau­en ge­tra­gen zu sein.

Ehe­frau Han­ne­lo­re packt mit an

Schließ­lich lan­det er in Hall, wo er ei­nen Be­trieb über­nimmt und Fuß fasst. „Wir ha­ben ganz klein an­ge­fan­gen“, er­in­nert er sich. Zu­dem grün­det Mar­tin ei­ne Fa­mi­lie – und mit sei­ner Frau Han­ne­lo­re hat er fort­an ei­ne tat­kräf­ti­ge Un­ter­stüt­ze­rin. Sie küm­mert sich nicht nur ums Bü­ro: „Ich war auf man­chen Dä­chern in Hall“, er­zählt die 78-Jäh­ri­ge la­chend. Ei­nen Hand­werks­be­trieb zu füh­ren, be­deu­tet viel Ar­beit. „Sams­tags wur­de oft bis spät in der Nacht ge­schafft, sonn­tags die Bü­ro­ar­beit, und am Mon­tag ging’s wie­der von vor­ne los“, sagt Han­ne­lo­re Mar­tin. Die Kin­der sei­en „ne­ben­her groß ge­wor­den“.

„Im Schnitt hat­ten wir acht Leu­te“, be­rich­tet Gün­ter Mar­tin. Zu den be­son­de­ren Auf­trä­gen in sei­ner ak­ti­ven Zeit zäh­len Pro­jek­te wie das Dach der Sa­kris­tei der Hal­ler Micha­els­kir­che. Mit Schie­fer hat Mar­tin die Tür­me der Kir­chen in Ot­ten­dorf und in Sulz­bach-Lau­fen ge­deckt – „das macht nicht je­der“.

Und wenn die Ar­beit auf dem Dach mal nicht so op­ti­mal lief, half Gün­ter Mar­tin die Musik: „Manch­mal hab ich auf dem Dach auch ge­sun­gen“, er­zählt er schmun­zelnd. Dann sei das Tief schnell über­wun­den ge­we­sen.

1995 hat er sei­nen Be­trieb an Sohn Ro­land über­ge­ben. Aber ein Hand­werks­meis­ter wie er kann nicht von jetzt auf gleich auf­hö­ren. Klar, dass der Se­ni­or wei­ter­hin mit­misch­te – so­weit es auch sei­ne Ge­sund­heit zu­ließ. Und die ist bei dem pas­sio­nier­ten Ski­fah­rer nicht die schlech­tes­te. Dass es mit der Hand­werkstra­di­ti­on in sei­ner Fa­mi­lie wei­ter­geht, freut Mar­tin be­son­ders: Kürz­lich hat sein En­kel die Meis­ter­prü­fung be­stan­den – „das ist wie ein Ge­schenk“.

In­fo

Die Hal­ler Kreis­hand­wer­ker­schaft wird mor­gen, Sonn­tag, bei der Alt­meis­ter­fei­er ab 14 Uhr im Park­ho­tel in Ils­hofen zahl­rei­che ver­dien­te Alt­meis­ter eh­ren. Da­bei er­hal­ten Hand­werks­meis­ter, die vor 50 Jah­ren ih­re Meis­ter­prü­fung ab­leg­ten, den gol­de­nen Meis­ter­brief. Erst­mals wer­den auch dia­man­te­ne Meis­ter­brie­fe ver­lie­hen. Auch ein ei­ser­ner Meis­ter­brief wird ver­ge­ben.

Fo­to: Bet­ti­na Lo­ber

Gün­ter Mar­tin mit sei­nem Meis­ter­brief, der von der Hand­werks­kam­mer Stutt­gart aus­ge­stellt wur­de. Der 85-Jäh­ri­ge ge­hört zu je­nen Alt­meis­tern, die in Ils­hofen mit ei­nem dia­man­te­nen Meis­ter­brief ge­ehrt wer­den. Die Aus­zeich­nung wird erst­mals Mal ver­ge­ben.

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