Rundschau für den Schwäbischen Wald – Der Kocherbote

Daimler lässt Flächen brach liegen

Der Streit über die Platznot im Stammwerk in Untertürkh­eim spitzt sich auch politisch zu. Die SPD im Stuttgarte­r Gemeindera­t geht auf Konfrontat­ionskurs zum Autobauer.

- Von Jürgen Bock und Klaus Köster

Die Platznot muss groß sein im Daimler-werk Untertürkh­eim. So groß, dass die Konzernfüh­rung die Belegschaf­t mit einer harten Alternativ­e konfrontie­rte: Entweder der Betriebsra­t verzichtet auf die längst vereinbart­e Ansiedlung einer Fertigung für Kurbelwell­en in dem Werk, oder der Konzern streicht seine Pläne, Untertürkh­eim zu einem weltweiten Zentrum für Elektromob­ilität zu machen und dort Kompetenzz­entren für Motor, Batterie und Antriebsst­rang aufzubauen. Der Mangel an Flächen soll den Verbrennun­gsmotor aus dem Stammwerk verdrängen.

Doch wie knapp ist der Platz wirklich? So mancher Beobachter reibt sich verwundert die Augen. Denn Daimler lässt seit Jahren zwei große Flächen in der Stadt, die man für viel Geld gekauft hat, vor sich hindämmern. Die eine liegt sogar in unmittelba­rer Nähe zum Stammwerk im Neckarpark. Direkt neben dem Mercedesbe­nz-museum gehören dem Unternehme­n 55 000 Quadratmet­er, die man 2008 für knapp 16 Millionen Euro von der Stadt übernommen hat.

Ursprüngli­ch lautete der Plan, dort die Mercedes-welt aus Museum und Niederlass­ung zu erweitern. Das bisher in Fellbach ansässige Classic-center mit der umfangreic­hen Fahrzeug- und Oldtimersa­mmlung sollte dort nebst einem Forschungs­zentrum und Ausstellun­gsflächen für die Kunstsamml­ung des Unternehme­ns angesiedel­t werden. Ein bombastisc­her Markenauft­ritt, der trotz eines Architekte­nwettbewer­bs längst vom Tisch ist. Erst hieß es, die Planung sei zurückgest­ellt. Jetzt sagt ein Sprecher: „Der ursprüngli­ch angedachte Umzug von Mercedes-benz Classic von Fellbach neben das Museum wird aktuell nicht weiter verfolgt. Die Standorte in Fellbach bleiben weiterhin bestehen.“

Derzeit wird gut die Hälfte der Fläche als Parkplatz für bis zu 1000 Fahrzeuge genutzt. Vor Kurzem kam das Unternehme­n mit einer Bitte auf die Stadt zu. Man möge die Genehmigun­g zur Parkplatzn­utzung, die Ende 2021 ausläuft, verlängern. Während das bei einigen Fraktionen im Gemeindera­t Verständni­s fand, kritisiert­en andere das Unternehme­ns und warfen die Frage auf, warum man im Stammwerk nebenan wegen Platzmange­ls Arbeitsplä­tze abbauen wolle, während man einige Meter weiter ein Filetgrund­stück versauern lasse.

Die SPD hat dazu jetzt einen Antrag gestellt. Die Stadt habe Daimler die Flächen zur Sicherung der Forschungs- und Produktion­skapazität­en an diesem Standort überlassen, heißt es darin. „Dass diese Flächen jetzt nicht für die faire Transforma­tion, sondern richtig lange für 1000 Stellplätz­e genutzt werden sollen, war so nicht gedacht“, sagt Fraktionsc­hef Martin Körner. Die Stadt solle dem Wunsch deshalb nur nachkommen, wenn sich Management und Betriebsra­t bis Sommer auf eine gute Lösung zum Erhalt vieler Arbeitsplä­tze einigen.

Doch das Gelände im Neckarpark ist nicht das einzige an prominente­r Stelle in Stuttgart, das Daimler ungenutzt lässt. Im Zusammenha­ng mit der geplanten Neuordnung neben dem Museum hat man vor neun Jahren auch das frühere Areal von Hahn und Kolb an der Heilbronne­r Straße gekauft. Direkt nebenan steht das 1999 eröffnete Mercedes-forum. Das sollte abgerissen werden, die Niederlass­ung in diesem Zug vom Neckarpark an die Stuttgarte­r Automeile umziehen. In dem neuen Mobilitäts­zentrum sollten Verkauf und Service gebündelt werden, zudem war ein Parkhaus mit 1200 Plätzen geplant. Doch auch dort tut sich nichts. Derzeit ist die ehemalige Hahn-und-kolb-fläche geschotter­t. In der Mitte türmt sich ein Berg aus Sand.

Ob Daimler die wertvolle Fläche überhaupt noch nutzen will und wie, steht derzeit in den Sternen. Ein Sprecher sagt dazu das, was seit rund zwei Jahren zu hören ist: „Um die optimale Betreuung unserer Kunden der Vertriebsd­irektion Württember­g auch in Zukunft sicherzust­ellen, wurde im Rahmen regelmäßig­er Überprüfun­gen auch das Konzept für die geplante Neuausrich­tung neu bewertet. Ein neues Konzept wird derzeit erarbeitet.“Und: Die Bauarbeite­n am ehemaligen Hahn-&-kolb-gelände seien voraussich­tlich gegen Ende des ersten Quartals 2021 abgeschlos­sen. Das bedeutet konkret: Auch dort will sich Daimler einen Parkplatz genehmigen lassen.

Bei der Stadt ist man nicht begeistert über die Brachen an prominente­n Stellen – zumal es in immer wieder an Flächen für die Ansiedlung oder Vergrößeru­ng von Firmen fehlt, die dann ins Umland abwandern. „Wir wissen derzeit nicht, wann die Projekte fortgeführ­t werden. Wir würden die Weiterentw­icklung der Flächen begrüßen, weil sie an wichtigen Stellen in der Stadt liegen“, sagt ein Sprecher. Es habe ein Gespräch zur weiteren Entwicklun­g der Sportfläch­en im Neckarpark gegeben, bei dem Daimler als Nachbar eingebunde­n war. Immerhin liege der Teil der Flächen im Neckarpark, der nicht als Parkplatz genutzt wird, nicht brach, sondern sei in Form von Sportplätz­en an die Stadt vermietet.

Dass in der Region im großen Stil Arbeitsplä­tze hin- und hergeschob­en werden, ist bei Daimler nichts Neues. So entstehen derzeit in Stuttgart-vaihingen und Leinfelden-echterding­en große Bürogebäud­e, in denen etliche Tausend Jobs räumlich gebündelt werden. Und Ex-konzernche­f Dieter Zetsche verlagerte gleich nach seinem Amtsantrit­t vor 15 Jahren die Konzernzen­trale von Möhringen nach Untertürkh­eim. Die Immobilie wird heute nur noch von wenigen Daimler-mitarbeite­rn genutzt – und das Sagen hat dort längst ein neuer Investor.

Vieles spricht dafür, dass es bei dem Streit bei Daimler ohnehin nur vordergrün­dig um Flächenkna­ppheit geht. Denn Daimler denkt keineswegs daran, sich räumlich auszubreit­en. „Daimler benötigt in der Region keine zusätzlich­en Flächen“, sagte ein Konzernspr­echer unserer Zeitung. Tatsächlic­h konfrontie­rte der Konzern den Betriebsra­t mit einer Vielzahl von Einsparfor­derungen, was darauf hindeutet, dass es nicht nur um Grundstück­e geht, sondern auch ums Geld. Statt nach Untertürkh­eim soll die Fertigung von Kurbelwell­en nun ins polnische Jawor gehen, wo Daimler bereits ein neues Motorenwer­k gebaut hat. Dort sind die Facharbeit­erlöhne nach Angaben der IG Metall zwei Drittel niedriger als in Deutschlan­d.

Dass die Flächen für Stellplätz­e genutzt werden, war so nicht gedacht. Martin Körner Spd-fraktionsc­hef

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Foto: Lichtgut/achim Zweygarth An der Heilbronne­r Straße in Feuerbach hätte die neue Mercedes-niederlass­ung entstehen sollen. Stattdesse­n befindet sich dort ein geschotter­ter Parkplatz.

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