Fa­ta­le Si­gna­le

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Themen Des Tages / Politik - leit­ar­ti­kel@swp.de Axel Ha­ber­mehl zu 20 Jah­ren Kopf­tuch­streit

Heu­te vor 20 Jah­ren lehn­te das Ober­schul­amt Stuttgart die Über­nah­me ei­ner Leh­re­rin in den ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Schul­dienst ab. Das ein­zi­ge, was ge­gen die fer­tig aus­ge­bil­de­te Re­fe­ren­da­rin mit gu­ten No­ten sprach, war ihr Kopf­tuch, be­zie­hungs­wei­se ih­re Wei­ge­rung, es im Un­ter­richt ab­zu­le­gen.

Das Tuch war letzt­lich Sym­bol ei­nes ge­sell­schaft­li­chen Kon­flikts, und die Leh­re­rin, die mus­li­mi­sche Deutsch-af­gha­nin Fe­resh­ta Lu­din, da­mals 26 Jah­re alt, wur­de zur Sym­bol­fi­gur. Völ­lig bei­ge­legt und be­frie­det ist der „Kopf­tuch­streit“bis heu­te nicht, und dar­an tra­gen Lan­des­re­gie­rung und Land­tag von Ba­den-würt­tem­berg er­heb­li­che Mit­schuld – sie wei­gern sich näm­lich ein­fach, ein ver­fas­sungs­wid­ri­ges Ge­setz zu än­dern.

Im Kopf­tuch­streit bün­deln sich bis heu­te gro­ße Fra­gen der Ein­wan­de­rungs­ge­sell­schaft. Es geht um Aus­gren­zung und Selbst­ab­gren­zung, um Un­ter­drü­ckung und Frei­heit, um das Ver­hält­nis von Po­li­tik und Re­li­gi­on, Abend­land und Is­lam, In­te­gra­ti­on und Iden­ti­tä­ten. Auf­zu­lö­sen sind sol­che Fra­gen nie, sie wer­den im­mer neu ver­han­delt. Ge­richt­lich ent­schie­den aber hat den Streit 2015 das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt. Pau­scha­le Kopf­tuch­ver­bo­te in öf­fent­li­chen Schu­len, so die Rich­ter, sei­en nicht mit der Glau­bens- und Be­kennt­nis­frei­heit ver­ein­bar. Das Grund­recht der Leh­re­rin, ih­ren Glau­ben tex­til zu be­kun­den, wie­ge schwe­rer als das der Schü­ler, staat­li­che Er­zie­her als neu­tral wahr­zu­neh­men. Ver­bo­te sei­en nur mög­lich, wenn im kon­kre­ten Fall ein Kopf­tuch den Schul­frie­den stört.

Da­mals sieg­ten Leh­re­rin­nen aus Nord­rhein-west­fa­len. Fe­resh­ta Lu­din da­ge­gen hat­te zwölf Jah­re vor­her nur ei­nen scha­len Er­folg in Karlsruhe er­rin­gen kön­nen. In ih­rem Fall 2003 zo­gen sich die Rich­ter noch aus der Af­fä­re. Sie ent­schie­den nur for­mell: Lud­ins An­lie­gen – sie hat­te zu­vor jah­re­lang er­folg­los durch die In­stan­zen ge­klagt – sei be­rech­tigt, denn das Stutt­gar­ter Kopf­tuch­ver­bot ha­be kei­ne aus­rei­chen­de ge­setz­li­che Ba­sis.

Das nahm die da­ma­li­ge Cdu/fdplan­des­re­gie­rung zum An­lass, die­se Ba­sis zu schaf­fen, mit ei­ner Schul­ge­setz-no­vel­le, de­ren Zweck war, Leh­re­rin­nen das Kopf­tuch zu ver­bie­ten.

Ein Lan­des­ge­setz, das nicht ver­fas­sungs­kon­form ist, wird ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt.

Das Ge­setz ist, trotz des Ur­teils 2015, bis heu­te in Kraft. „Der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts wird seit­her – auch oh­ne Ge­set­zes­än­de­rung – Rech­nung ge­tra­gen“, teilt die Lan­des­re­gie­rung da­zu mit. Es wer­de Leh­re­rin­nen nun nicht mehr ge­ne­rell ver­wehrt, im Un­ter­richt Kopf­tuch zu tra­gen. Das nicht ver­fas­sungs­kon­for­me Ge­setz wird al­so „ver­fas­sungs­kon­form aus­ge­legt“.

Mal ab­ge­se­hen da­von, dass die grün-schwar­ze Re­gie­rung im Ko­ali­ti­ons­ver­trag zu­ge­sagt hat, das Ge­setz zu än­dern, ist die­se Hal­tung an­ma­ßend. Wer oft staats­tra­gend den Rechts­staat be­schwört, soll­te höchst­in­stanz­li­che Ur­tei­le auch dann in Ge­set­ze um­wan­deln, wenn es schwer fällt, weil man sich in­tern nicht ei­nig ist – oder fürch­tet, die Kir­chen zu ver­prel­len. Und wer un­ter je­dem Kopf­tuch ei­ne un­ter­drück­te Frau or­tet, soll­te über­le­gen, wel­che Si­gna­le aus­sen­det, wer selbst Klei­der­ord­nun­gen für die­se Frau­en ver­hängt.

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