Der Re­sti­tu­ti­ons-rück­zie­her

Beu­te­kunst Ba­den-würt­tem­bergs Grü­ne woll­ten die Rück­ga­be ko­lo­nia­ler Ob­jek­te und von Na­zi-raub­kunst in ei­nem Rutsch vor­an­trei­ben. Nun hat sie der Ko­ali­ti­ons­part­ner aus­ge­bremst. Von Axel Ha­ber­mehl

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Feuilleton -

Ba­den-würt­tem­bergs Mu­se­en müs­sen vor­erst nicht um ih­re um­fang­rei­chen Be­stän­de an Ob­jek­ten aus frü­he­ren Ko­lo­ni­en fürch­ten. Wis­sen­schafts­mi­nis­te­rin The­re­sia Bau­er (Grü­ne) hat ih­re fer­tig aus­ge­ar­bei­te­ten Plä­ne zur Schaf­fung ei­ner „all­ge­mei­nen haus­halts­recht­li­chen Er­mäch­ti­gungs­grund­la­ge für die Rück­ga­be von im ko­lo­nia­lem Kon­text er­wor­be­nen Kul­tur­gü­tern“zu­rück­ge­zo­gen. An­lass sind Be­den­ken des Ko­ali­ti­ons­part­ners CDU.

Das grün-schwar­ze Ka­bi­nett soll nächs­te Wo­che zwei Pa­pie­re aus Bau­ers Haus be­schlie­ßen. Ers­tens ei­nen Plan zur Er­ar­bei­tung ei­ner sol­chen Er­mäch­ti­gungs­grund­la­ge „für die Rück­ga­be von Ns-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­ge­nem Kul­tur­gut“– al­so Na­zi-raub­kunst. Zwei­tens ei­ne Ein­zel­fall-ge­neh­mi­gung zur un­ent­gelt­li­chen Ab­ga­be von zwei Ob­jek­ten des Stutt­gar­ter Lin­den-mu­se­ums an Na­mi­bia: ei­ne Bi­bel und ei­ne Peit­sche, die Hen­drik Wit­booi (1830-1905) ge­hör­ten, ei­nem An­füh­rer des in­di­ge­nen Na­mavolks in der frü­he­ren Ko­lo­nie Deutsch-süd­west­afri­ka.

Ei­gent­lich ver­folg­te Bau­er grö­ße­re Zie­le. Sie ver­such­te, das Land in ei­ne bun­des­wei­te Vor­rei­ter­rol­le bei der Rück­er­stat­tung von Raub- und Beu­te­kunst zu rü­cken. Denn in öf­fent­li­chen Mu­se­en, und da­mit in Be­sitz von Land oder Kom­mu­nen, be­fin­den sich vie­le un­ter zwei­fel­haf­ten Um­stän­den dort­hin ge­lang­te Ob­jek­te. Sie ge­hö­ren for­mell dem Staat, der kann sie nicht ein­fach her­ge­ben, auch wenn das his­to­rischmo­ra­lisch ge­bo­ten wä­re. Al­so er­ar­bei­te­te Bau­er ein Pa­pier als Ba­sis der Rück­ga­be von Na­zi-raub­kunst wie Ko­lo­nia­lis­ten-beu­te. Im­mer soll­ten vor ei­ner mög­li­chen Re­sti­tu­ti­on Her­kunft und Er­werbs­um­stän­de des Ob­jekts er­forscht wer­den.

Doch die Cdu-land­tags­frak­ti­on blo­ckier­te den Vor­stoß. Im Ein­zel­fall der Wit­booi-re­lik­te, die bei ei­ner Schlacht er­beu­tet wur­den, stimm­te sie zwar zu und auch die Grund­la­ge für die Re­sti­tu­ti­on von Ns-raub­kunst trägt die CDU mit. So soll hier­für nun „bei nächs­ter Ge­le­gen­heit“ei­ne ent­spre­chen­de Re­ge­lung ins Haus­halts­ge­setz auf­ge­nom­men wer­den, wie sie Bay­ern und der Bund schon ha­ben.

Als Bei­spiel führt Bau­ers Ka­bi­netts­vor­la­ge das Ge­mäl­de „Ge­schwis­ter“ von Erich He­ckel auf. Es liegt in der Kunst­hal­le Karls­ru­he. Die Er­ben des jü­di­schen Samm­lers Max Fi­scher ha­ben die Re­sti­tu­ti­on be­an­tragt, da es nach de­ren An­sicht Ns-ver­fol­gungs­be­dingt ent­zo­gen wur­de. Der Fall ist, wie so oft, kom­pli­ziert. Die Lan­des­re­gie­rung sieht „be­züg­lich der kon­kre­ten Er­werbs­um­stän­de ei­ne nicht mehr auf­klär­ba­re Sach­ver­halts­lü­cke“und schlägt, eben­so wie die Kunst­hal­le, vor, den Fall der 2003 ein­ge­rich­te­ten „Be­ra­ten­den Kom­mis­si­on“vor­zu­le­gen. An de­ren Ur­teil wür­de sich das Land dann hal­ten.

So ei­ne Kom­mis­si­on gibt es für Ko­lo­nial­ob­jek­te nicht. Die CDU stopp­te Bau­er, denn sie fin­det, hier sei der Bund ge­fragt. „Das The­ma hat gro­ße au­ßen­po­li­ti­sche Re­le­vanz“, sagt die Ab­ge­ord­ne­te Ma­ri­on Gent­ges. „So ei­ne Re­ge­lung muss in Ab­stim­mung von Bund, Län­dern und Kom­mu­nen ge­schaf­fen wer­den“, for­dert sie. Ei­ne ent­spre­chen­de Ar­beits­grup­pe wur­de jüngst ein­ge­rich­tet. Die Grü­nen sind ent­täuscht. Das Wis­sen­schafts­mi­nis­te­ri­um stel­le sich der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung und ge­he „mit Mut vor­an“, fin­det der zu­stän­di­ge Ab­ge­ord­ne­te Alex­an­der Sa­lo­mon. Die Frak­ti­on ha­be sich „ge­wünscht, dass die­ser Mut auch be­lohnt wor­den wä­re.“Sei­ne Frak­ti­on wol­le sich wei­ter „für ei­ne um­fas­sen­de Re­ge­lung“ein­set­zen.

Kom­pli­zier­ter Fall: Erich He­ckels „Ge­schwis­ter“(1913). Fo­to: Mau­ri­ti­us Images/pe­ter Hor­ree/ala­my

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