Stadt ehrt Heinz Scheff­ler mit der Bür­ger­me­dail­le

Met­zin­gen Für sei­ne au­ßer­ge­wöhn­li­chen Leis­tun­gen und sei­nen viel­fäl­ti­gen Ein­satz für die Bür­ger­schaft wur­de der 90-Jäh­ri­ge von OB Fied­ler aus­ge­zeich­net. Von Re­gi­ne Lot­te­rer

Südwest Presse (Metzinger Uracher Volksblatt / Der Ermstalbote) - - Ermstal -

Der Krieg mit all sei­ner Grau­sam­keit, mit all sei­ner Gna­den­lo­sig­keit hat sich früh ins Le­ben von Heinz Scheff­ler ge­drängt. Ge­bo­ren am 24. März 1928 in Ost­preu­ßen er­leb­te er ver­hee­ren­de Bom­ben­näch­te, die gro­ße Tei­le sei­ner Hei­mat­stadt Kö­nigs­berg in Schutt und Asche leg­ten. Dann, mit 16 Jah­ren, wur­de er von sei­ner Fa­mi­lie weg­ge­ris­sen, als Sol­dat soll­te er Ost­preu­ßen ge­gen die her­an­na­hen­de Ro­te Ar­mee ver­tei­di­gen. Ei­ne rus­si­sche Pa­trouil­le nahm ihn schließ­lich ge­fan­gen. Mit­te Au­gust 1945 wur­de er ins rus­si­sche Wjas­ma trans­por­tiert, ei­ne Stadt, die et­wa drei­ein­halb St­un­den west­lich von Mos­kau ent­fernt liegt.

Die Mut­ter leb­te in Urach

Vie­le bit­te­re Ta­ge muss­te Heinz Scheff­ler in der Frem­de er­le­ben, bis er 1948 end­lich aus dem La­ger ent­las­sen wur­de. Wie es mit sei­nem Le­ben wei­ter­ge­hen soll­te, war un­ge­wiss. In die al­te Hei­mat konn­te der da­mals 20-Jäh­ri­ge nicht zu­rück, Fa­mi­lie und Freun­de wa­ren ent­we­der ge­flo­hen oder ver­trie­ben. Dann, ein ers­ter Hoff­nungs­schim­mer, die Mut­ter leb­te noch und hat­te sich in der würt­tem­ber­gi­schen Kle­in­stadt Urach nie­der­ge­las­sen. „Als ich sie in mei­ne Ar­me schlie­ßen konn­te, war ich der glück­lichs­te Mensch der Welt“, er­in­nert sich Heinz Scheff­ler heu­te an den Au­gen­blick des Wie­der­se­hens.

Sie­ben Jahr­zehn­te sind seit­her ver­gan­ge­nen, im März kann Scheff­ler sei­nen 91. Ge­burts­tag fei­ern. Wie vie­le an­de­re aus sei­ner Ge­ne­ra­ti­on pack­te er nach Kriegs­en­de mu­tig an, den Blick zu­ver­sicht­lich nach vor­ne ge­rich­tet. Und er fand ei­ne neue Hei­mat

in Met­zin­gen: „Ein ech­ter Glücks­fall für un­ser Stadt“, wie Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Ul­rich Fied­ler am Sonn­tag be­ton­te, als er Heinz Scheff­ler mit der Bür­ger­me­dail­le ehr­te. Der Neu­jahrs­emp­fang der Stadt bot für die­se Wür­di­gung den pas­sen­den Rah­men.

Die Bür­ger­me­dail­le der Stadt er­hielt Scheff­ler für sei­ne „au­ßer­ge­wöhn­li­chen Leis­tun­gen und sei­nen viel­fäl­ti­gen Ein­satz für die Bür­ger­schaft in un­se­rem schö­nen Met­zin­gen“, wie es der OB for­mu­lier­te. Über Jahr­zehn­te en­ga­gier­te sich Scheff­ler für sei­ne Mit­bür­ger, et­wa bei der Deut­schen An­ge­stell­ten Ge­werk­schaft, als eh­ren­amt­li­cher Rich­ter am Ar­beits­ge­richt in Stutt­gart so­wie als lei­den­schaft­li­cher Tisch­ten­nis­spie­ler bei der TUS Met­zin­gen.

Be­son­ders am Her­zen la­gen ihm je­ne Men­schen, die wie er ih­re al­te Hei­mat ver­lo­ren und spä­ter in Met­zin­gen ei­ne neue ge­fun­den ha­ben. 1992 trat er des­halb der Met­zin­ger Orts­grup­pe der Lands­mann­schaft der Ost­preu­ßen, West­preu­ßen und Pom­mern bei, von 2000 bis 2018 lei­te­te er de­ren Ge­schi­cke. Wäh­rend die­ser Zeit or­ga­ni­sier­te er un­ter an­de­rem meh­re­re Rei­sen in die ehe­ma­li­gen deut­schen Ost­ge­bie­te und er­öff­ne­te da­mit vie­len die Chan­ce, ih­re eins­ti­ge Hei­mat wie­der­zu­se­hen. „Für die Teil­neh­mer“, so OB Fied­ler, „wa­ren die­se Rei­sen von un­schätz­ba­rem Wert.“Im Herbst ver­gan­ge­nen Jah­res en­de­te die Ver­eins­ar­beit der Lands­mann­schaft. Als Er­in­ne­rung an je­ne, die aus der Frem­de ka­men und im Erm­s­tal neue Wur­zeln schlu­gen, steht seit­her ei­ne Bank vor der Bo­ni­fa­ti­us­kir­che. Dass die Ver­trie­be­nen in Met­zin­gen ei­ne neue, gu­te Hei­mat fan­den, dass sie sich hier ge­bo­ren ge­fühlt ha­ben und füh­len, da­zu trug Heinz Scheff­ler ent­schei­dend bei, be­ton­te Ul­rich Fied­ler in sei­ner Lau­da­tio.

Nach Met­zin­gen ist Heinz Scheff­ler üb­ri­gens der Lie­be we­gen ge­zo­gen. 1952, er ab­sol­vier­te gera­de ei­ne Aus­bil­dung zum Tex­til­tech­ni­ker in Reut­lin­gen, lern­te er wäh­rend der Fahrt mit dem „Urä­cher­le“sei­ne zu­künf­ti­ge Frau Il­se ken­nen. De­ren Fa­mi­lie ist seit Ge­ne­ra­tio­nen in Met­zin­gen an­säs­sig, und als das Paar 1954 hei­ra­te­te, sie­del­te es sich in der Sie­ben-kel­tern-stadt an.

Sei­ne Er­in­ne­run­gen an die schreck­li­chen Jah­re des Krie­ges, an die Lei­den der Ver­trei­bun­gen und den Schmerz über den Ver­lust der Hei­mat hat Heinz Scheff­ler auf­ge­schrie­ben. „Als Sech­zehn­jäh­ri­ger in den Krieg“lau­tet der Ti­tel des Ban­des, der Kin­dern und En­keln die Mög­lich­keit er­öff­net, An­teil an dem Schick­sal der Kriegs­ge­ne­ra­ti­on zu neh­men. Bit­ter über all die­se schlim­men Er­leb­nis­se ist Heinz Scheff­ler glück­li­cher­wei­se nicht ge­wor­den. Er sei, so be­rich­te­te er es am Sonn­tag dem Fest­pu­bli­kum, im Lau­fe sei­nes Le­bens zum Schluss ge­kom­men, dass es kei­ne schlech­ten Völker ge­be. Schlech­te Men­schen aber schon.

Es gibt kei­ne schlech­ten Völker, aber es gibt schlech­te Men­schen. Heinz Scheff­ler Trä­ger der Bür­ger­me­dail­le

Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Ul­rich Fied­ler (links) hat Heinz Scheff­ler die Bür­ger­me­dail­le ver­lie­hen. Nach Met­zin­gen zog der ge­bür­ti­ge Ost­preu­ße einst der Lie­be we­gen, sei­ne Frau Il­se stammt aus der Kel­tern­stadt. Fo­to: Tho­mas Kiehl

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