Mes­ser ma­chen Män­ner

Kri­mi­na­li­tät Die Zahl der An­grif­fe mit Stich­waf­fen steigt. Stu­di­en se­hen ei­nen Zu­sam­men­hang mit kul­tu­rell be­ding­ten, mas­ku­li­nen Vor­stel­lun­gen. Von Stefan Ke­gel und Ca­ro­li­ne Ho­lo­wiecki

Südwest Presse (Ulm) - - Themen Des Tages / Politik -

Das „Mes­ser des Mo­nats“be­sticht durch ei­ne sa­ti­nier­te Klin­ge aus Hoch­leis­tungs­stahl, Ti­tan-griff­scha­len und ei­nen Fra­me­lock-ver­schluss. Mo­ni­ka Grü­ner be­wirbt es im Fens­ter und auf der The­ke. Seit den 80ern lei­tet sie den Mes­ser­la­den ih­res Ur­groß­va­ters in der Geis­lin­ger Alt­stadt. Frü­her gab es bei „Au­gust Feh­ren­bach“Ei­sen­wa­ren. Heu­te macht Grü­ner ihr Geld fast aus­schließ­lich mit Waf­fen. Ne­ben Pis­to­len und Ge­weh­ren sind das al­ler­lei Mes­ser – vor­aus­ge­setzt, sie sei­en in Deutsch­land frei ver­käuf­lich, be­tont die 54-Jäh­ri­ge.

Mes­ser­an­grif­fe wie die Blut­tat von Vier­sen las­sen Mo­ni­ka Grü­ner nicht kalt. In der nie­der­rhei­ni­schen Stadt ist am Mon­tag ei­ne 15-Jäh­ri­ge er­sto­chen wor­den. Ähn­li­che Vor­fäl­le zei­gen: Mes­ser sind häu­fi­ger Tat­werk­zeu­ge. In Ber­lin stieg die Zahl seit 2014 um 13 Pro­zent, in Hes­sen um 29 Pro­zent. In Ba­den-würt­tem­berg wuchs sie bin­nen fünf Jah­ren um rund 16 Pro­zent – von 5255 auf 6231. Ge­zählt wer­den al­ler­dings nicht nur Sti­che; auch ein Mes­ser, das beim Tä­ter ge­fun­den wird oder mit dem er droht, taucht in der Sta­tis­tik auf.

Die AFD dia­gnos­ti­ziert be­reits ei­ne „Mes­se­re­pi­de­mie“. Da­bei ist die­ser Trend in an­de­ren Bun­des­län­dern nicht so ein­deu­tig. In Schles­wig-hol­stein zum Bei­spiel ge­hen die Zah­len zu­rück. Und wie­der an­de­re Län­der, dar­un­ter Ham­burg, Bay­ern und das Saar­land, er­fas­sen Mes­ser­an­grif­fe gar nicht se­pa­rat. Um dem Phä­no­men auf den Grund zu ge­hen, ha­ben die In­nen­mi­nis­ter der Län­der be­schlos­sen, ei­ne ge­mein­sa­me Zäh­lung zu be­gin­nen. „Ei­ne ein­heit­li­che Er­fas­sungs­pra­xis ist letzt­lich die Grund­la­ge, um ziel­ge­nau kri­mi­nal­po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen auf Bun­des­ebe­ne tref­fen zu kön­nen“, sagt Ba­den-würt­tem­bergs In­nen­mi­nis­ter Tho­mas Strobl (CDU), der das Vor­ha­ben auf den Weg ge­bracht hat.

Die Ge­werk­schaft der Po­li­zei for­dert ein här­te­res Durch­grei­fen. „Ich er­war­te von Rich­tern und Staats­an­wäl­ten, dass sie ei­ne sol­che Straf­tat als ver­such­te Tö­tung wer­ten“, ver­langt de­ren Chef Oli­ver Mal­chow. Bis­lang zählt ein Mes­ser­an­griff meist als schwe­re Kör­per­ver­let­zung. Was Mal­chow Sor­gen be­rei­tet, ist der ho­he An­teil von Mi­gran­ten un­ter den Tä­tern. In man­chen Bun­des­län­dern, zum Bei­spiel Bran­den­burg, sind es mehr als 40 Pro­zent. Al­ler­dings fin­det ei­ne Viel­zahl die­ser Ta­ten un­ter­ein­an­der statt.

Ei­ne Stu­die der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld ist die­ser Häu­fung nach­ge­gan­gen. Dem­nach ha­ben aus­län­di­sche Ju­gend­li­che, vor al­lem in so­zia­len Brenn­punk­ten, ein Mes­ser als Zei­chen der Stär­ke bei sich, nicht in ers­ter Li­nie, um es auch ein­zu­set­zen. Das be­stä­tigt Mal­chow. „Mes­ser sind in man­chen Kul­tur­krei­sen ein Zei­chen von Männ­lich­keit.“Um­so wich­ti­ger fin­det er es, dass hier Auf­klä­rungs­pro­gram­me an­set­zen. „Ein mit­ge­führ­tes Mes­ser kann in ei­ner auf­ge­heiz­ten Si­tua­ti­on da­zu füh­ren, dass es auch ein­ge­setzt wird.“Am bes­ten sei es, Waf­fen in der Öf­fent­lich­keit erst gar nicht zu tra­gen.

Be­reits seit ei­ni­gen Jah­ren sind be­stimm­te Mes­ser in Deutsch­land ver­bo­ten: Butterfly-mes­ser mit schwenk­ba­ren Grif­fen oder sol­che mit ei­ner fest­ste­hen­den Klin­ge, die län­ger als zwölf Zen­ti­me­ter ist. Aus­nah­men gibt es für Jä­ger, Ang­ler oder Pfad­fin­der. Ob der Käu­fer da­zu­ge­hört, prüft Waf­fen­händ­le­rin Grü­ner al­ler­dings nicht. Wie auch? Ein Rest Un­si­cher­heit bleibt da­her im­mer. „Bei ei­ne Ma­che­te mit 30 Zen­ti­me­ter Klin­ge weiß ich nicht, nimmt der Käu­fer sie, um Brenn­nes­seln weg­zu­ma­chen, oder springt er sei­ner Frau hin­ter­her?“, sagt sie.

Meh­re­re Bun­des­län­der ha­ben in ge­fähr­li­chen Ge­gen­den Waf­fen­ver­bots­zo­nen ein­ge­rich­tet. Ob das ein Mo­dell für ganz Deutsch­land sein kann – wie Hes­sen das

for­dert –, ist un­klar. „Es gibt recht­li­che Be­den­ken“, wen­det Nrw-in­nen­mi­nis­ter Her­bert Reul ein. Und in Schu­len könn­ten die Schul­lei­ter be­reits heu­te Waf­fen­ver­bo­te ver­hän­gen.

Bei Kin­dern sei sie hart, sagt auch die Geis­lin­ger Waf­fen­händ­le­rin. Ob­wohl an vie­le ih­rer Wa­ren kein Al­ters­li­mit ge­kop­pelt ist, ver­kau­fe sie erst ab 14, und auch nur Schwei­zer Of­fi­ziers­mes­ser. Dass die­se spä­ter auf dem Schul­hof auf­tau­chen könn­ten, leug­net sie nicht. Die Ver­ant­wor­tung weist sie aber von sich, zu­mal vie­le Bu­ben schon zur Kom­mu­ni­on ein Mes­ser be­kä­men. Für den Ruf nach mehr Ein­schrän­kun­gen ist Grü­ner nicht emp­fäng­lich. „Auch ein Kü­chen­mes­ser von WMF“kön­ne ge­fähr­lich sein.

Ich er­war­te von Rich­tern, dass sie ei­ne sol­che Tat als ver­such­te Tö­tung wer­ten. Oli­ver Mal­chow Bun­des­vor­sit­zen­der der GDP

Tat­ort Ham­burg-wands­bek: Ein Mann hat­te Pas­san­ten und Po­li­zis­ten mit ei­nem Mes­ser be­droht und wur­de nie­der­ge­schos­sen. Fo­to: Da­ni­el Bock­woldt/dpa

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