Glei­chung mit Un­be­kann­ten

Russ­land Der Wm-gast­ge­ber geht als kras­ser sport­li­cher Au­ßen­sei­ter in das Tur­nier. We­gen feh­len­der Spiel­ide­en baut das Team auf die Un­ter­stüt­zung der Fans. Von Stefan Scholl

Südwest Presse (Ulm) - - Fussball−wm In Russland -

Der Gast­ge­ber geht bei der Fuß­ball-wm in Russ­land als An­ti­fa­vo­rit an den Start. Das liegt an feh­len­den Spiel­ide­en, der chao­ti­schen Nach­wuchs­ar­beit der 90er Jah­re, aber auch an der Aus­län­der­quo­te im rus­si­schen Pro­fi­fuß­ball. Doch Wla­di­mir Pu­tin pre­digt pa­trio­ti­schen Op­ti­mis­mus: „Wir bau­en dar­auf, dass un­se­re Mann­schaft bei der be­vor­ste­hen­den WM durch­star­tet“, sag­te der Prä­si­dent vor dem Er­öff­nungs­spiel heu­te (17 Uhr MESZ/ARD) ge­gen Sau­di-ara­bi­en.

Die rus­si­sche Fuß­ball­öf­fent­lich­keit rät­selt, wel­che Ei­gen­schaf­ten ihr Team über­haupt be­sitzt. „Die­se Mann­schaft stellt ei­ne Glei­chung dar, die nur Un­be­kann­te hat“klagt die Zei­tung Trud. Tat­säch­lich geht Russ­land als kras­ser sport­li­cher Au­ßen­sei­ter ins Tur­nier. Sie­ben sieg­lo­se Spie­le in Fol­ge, in den letz­ten bei­den Vor­be­rei­tungs­spie­len ge­gen Ös­ter­reich und die Tür­kei nur ein ein­zi­ger Tor­schuss – prompt ha­gelt es Hä­me ge­gen Trai­ner Sta­nislaw Tschertsches­sow.

„Ei­ne Spiel­idee ist nicht zu er­ken­nen“, klagt Igor Ra­bi­ner, Fuß­ball­ex­per­te der Zei­tung Sport Eks­press. „Das deut­lichs­te Ele­ment ist noch das Pres­sing.“Aber der Plan hin­ter die­sem Pres­sing sei pri­mi­tiv bis zur Häss­lich­keit, schimpft die In­ter­net­zei­tung ga­ze­ta.ru: Den Ball mög­lichst nah am frem­den Tor ab­zu­fan­gen, mit mög­lichst we­nig Geg­nern da­vor, da­mit die rus­si­schen Stür­mer ir­gend et­was draus ma­chen… – dies klingt nicht nach dem tech­nisch star­ken Kom­bi­na­ti­ons­spiel, mit dem die so­wje­ti­sche Sbor­na­ja einst glänz­te. Wenn schnel­le und ball­si­che­re Ge­gen­mann­schaf­ten das rus­si­sche Pres­sing aus­he­beln, tref­fen sie nicht un­be­dingt auf die flin­kes­te Ab­wehr die­ser WM.

Nach­dem Tschertsches­sow jah­re­lang mit drei In­nen- und zwei Au­ßen­ver­tei­di­gern spie­len ließ, wech­sel­te er vor ei­ni­gen Wo­chen über­ra­schend zu ei­ner Vie­rer­ket­te. Um die ver­letz­ten In­nen­ver­tei­di­ger Ge­or­gi Dschi­ki­ja und Vik­tor Was­sin (bei­de Kreuz­band­riss) zu er­set­zen, ver­such­te der Trai­ner, die 36jäh­ri­gen Zwillinge Ale­xei und Was­si­li Be­re­suz­ki zu re­ak­ti­vie­ren, die bis zur EM 2016 das Rück­grat der Verteidigung stell­ten. Bei­de sag­ten ab.

Im Bent­ley auf der Ge­gen­spur

Im­mer­hin kehr­te ihr Zska-kol­le­ge Ser­gei Ig­na­sche­witsch zu­rück. Er ist 38. Auch sein Ne­ben­mann Wla­di­mir Gra­nat (31) gilt nicht als Sprin­ter. Doch nicht nur Top­ver­tei­di­ger sind knapp ge­wor­den. „Die Ge­ne­ra­ti­on um And­rei Ar­scha­win, die bei der EM 2008 be­geis­tern­den Fuß­ball spiel­te, hat noch in der So­wjet­uni­on an­ge­fan­gen zu ki­cken“, er­klärt Sam­wel Awak­jan, Chef­re­dak­teur des Fach­por­tals cham­pio­nat.ru.

Nicht nur die chao­ti­sche Nach­wuchs­ar­beit in den neun­zi­ger Jah­ren ist Schuld an der Mi­se­re, son­dern das ge­sam­te rus­si­schen Pro­fi­sys­tem. Vie­le Spit­zen­klubs las­sen sich von Groß­kon­zer­nen mit viel Geld auf­rüs­ten, aber auf­grund der Aus­län­der­quo­te in der rus­si­sche Pre­mier-li­ga dür­fen sie nicht mehr als fünf Le­gio­nä­re auf­stel­len. Das be­deu­tet für Ta­len­te ei­ne Stamm­platz­ga­ran­tie bei Bun­des­li­ga­rei­fen Ge­häl­tern. So soll Ze­nit-stür­mer Alex­an­der Ko­ko­rin 3,3 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr ver­die­nen. Auf dem Platz pro­fi­tiert der Tor­jä­ger, der we­gen ei­ner Ver­let­zung nicht im Ka­der ist, von der Klas­se sei­ner ar­gen­ti­ni­schen Mit­spie­ler, im All­tag taucht er mit sei­nem Bent­ley auch mal auf der Ge­gen­fahr­bahn auf.

Spek­ta­ku­lä­rer Fuß­ball sei von die­ser Sbor­na­ja nicht zu er­war­ten, sagt Awak­jan. „Aber es bleibt die Hoff­nung auf die Tri­bü­nen.“Viel­leicht be­flüg­le die Un­ter­stüt­zung der vol­len Wm-sta­di­en in Mos­kau, Sa­ma­ra und Pe­ters­burg ja die Spie­ler. An ein Wun­der will Awak­jan aber nicht glau­ben. „Mi­ni­mal­ziel ist das Über­ste­hen der Grup­pen­far­be. Das ist wohl auch das Ma­xi­mal­ziel.“

Kein Sprint­wun­der: Wla­di­mir Gra­nat. Fo­to: Joe Kla­mar/afp

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