The­men des Ta­ges

Ab­schied An­ge­la Mer­kel rührt mit ih­rer letz­ten Re­de als Par­tei­che­fin man­chen zu Trä­nen.

Südwest Presse (Ulm) - - Erste Seite -

Ham­burg. Um 13.42 Uhr ist die Ära Mer­kel in der CDU end­gül­tig zu En­de. Nach­dem sie als Noch-che­fin zum letz­ten Mal am Red­ner­pult stand, um den Ta­ges­ord­nungs­punkt 14 zu mo­de­rie­ren, ist wirk­lich Schluss. Mer­kel nimmt ih­re Hand­ta­sche und geht – aber dann doch nicht so ganz. In ih­ren ty­pi­schen klei­nen Mer­kel-schrit­ten wech­selt sie von der lin­ken auf die rech­te Sei­te der Par­tei­tags­büh­ne. Von der Sitz­grup­pe der ge­wähl­ten Par­tei­spit­ze da­hin, wo man qua Amt sit­zen darf. Als Bun­des­kanz­le­rin zum Bei­spiel. Denn das sei sie ja im­mer noch, dar­auf hat­te Mer­kel auch in ih­rer Ab­schieds­re­de am Mor­gen hin­ge­wie­sen.

Ei­ne Re­de, die ihr so wich­tig war, dass sie sie in wei­ten Tei­len selbst ge­schrie­ben hat, was nicht so häu­fig vor­kommt. Und sie rührt da­mit manch ei­nen in der Hal­le zu Trä­nen, was nun wirk­lich nicht so häu­fig vor­ge­kom­men ist in den ver­gan­ge­nen18 Jah­ren als Cdu-che­fin.

So­gar ih­re ärgs­ten Wi­der­sa­cher zoll­ten der Bun­des­kanz­le­rin in die­ser St­un­de ih­ren Re­spekt. Auch Horst See­ho­fer. Der eben­falls bald schei­den­de Chef der CSU hat­te Mer­kel in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der at­ta­ckiert und auf ei­nem denk­wür­di­gen Par­tei­tag in Bay­ern ab­ge­kan­zelt wie ein Schul­mäd­chen. Nun lässt er via „Spie­gel“aus­rich­ten: „Sie ist die Bes­te“und „Wir al­le wer­den sie noch sehr ver­mis­sen.“Er versicherte, dass er trotz vie­ler Dif­fe­ren­zen in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ei­ne tie­fe Sym­pa­thie für Mer­kel he­ge: „Wenn man so viel durch­ge­stan­den hat wie An­ge­la Mer­kel und ich, dann bil­det sich Ver­bun­den­heit, stre­cken­wei­se so­gar Zu­nei­gung. Das ket­tet an­ein­an­der.“

Das Ab­schieds­ge­fühl brei­tet sich auch in Ham­burg aus. Neun Mi­nu­ten lang klat­schen die tau­send De­le­gier­ten nach Mer­kels Re­de, manch ei­ner zählt so­gar zehn. Die meis­ten stan­den da­bei, und vor al­lem vie­le Frau­en schwenk­ten Schil­der, auf de­nen „Dan­ke, Che­fin“stand. Che­fin, wohl­ge­merkt. „Mut­ti“sagt schon lan­ge kei­ner mehr.

Auch die sonst so un­ge­rühr­te Prag­ma­ti­ke­rin der Macht, Mer­kel selbst, spricht am Schluss ih­res Vor­trags von ei­nem „über­ra­gen­den Ge­fühl“im Her­zen. „Es war mir ei­ne gro­ße Freu­de, es war mir ei­ne Eh­re. Vie­len Dank“, so be­en­det An­ge­la Mer­kel ih­re Ära an der Cdu-spit­ze.

An­sons­ten, so wirkt es, hält sie sich aber ge­wohnt mer­ke­lig ein we­nig zu­rück. Sie spricht nur rund ei­ne hal­be St­un­de, schon am Vor­abend hat­te sie die Par­tei­tags­re­gie ent­spre­chend vor­ge­warnt. Aber auch das, das Un­ter­lau­fen von Er­war­tun­gen, macht sie selbst zum The­ma:

Die Par­tei ha­be es mit ihr nicht im­mer ein­fach ge­habt, gibt sie zu. So ha­be sie den „def­ti­gen, schar­fen An­griff“auf den Geg­ner von rechts oder links lie­ber sein ge­las­sen. „Ich ha­be statt­des­sen das Flo­rett ge­wählt oder es vor­ge­zo­gen zu schwei­gen oder gar nicht erst über das Stöck­chen zu sprin­gen, das man mir hin­hielt“, er­klär­te sie ih­ren po­li­ti­schen Stil – und auch da­für er­hielt sie lau­ten Ap­plaus. „Ich weiß sehr wohl, dass ich Eu­re Ner­ven da­mit sehr auf die Pro­be ge­stellt ha­be.“Zu­sam­men­halt, De­mut, sich zu­rück­neh­men, das ist der Sound, den Mer­kel ih­rer Par­tei zum Ab­schied auch für die Zu­kunft emp­fiehlt.

Mer­kel spannt in ih­rer Re­de ei­nen Bo­gen von der Spen­den­af­fä­re um Vor­vor­gän­ger Hel­mut Kohl bis hin zum heu­ti­gen Tag. „Die CDU ist heu­te ei­ne an­de­re als im Jahr 2000, und das ist gut so.“Es dürf­te kei­nen wun­dern, dass Mer­kel

Es war mir ei­ne gro­ße Freu­de, es war mir ei­ne Eh­re. Vie­len Dank. An­ge­la Mer­kel Ex-cdu-che­fin

Wir al­le wer­den sie noch sehr ver­mis­sen. Horst See­ho­fer Csu-vor­sit­zen­der

die da­ma­li­ge La­ge ih­rer Par­tei an­ge­sichts des Sumpf von schwar­zen Kas­sen als pro­ble­ma­ti­scher emp­fin­det als die der­zei­ti­ge – ob­wohl sie der­zeit in Um­fra­gen bei un­ter 30 Pro­zent liegt und Grü­ne und AFD ihr als Kon­kur­ren­ten zu schaf­fen ma­chen.

Der ge­rahm­te Di­ri­gen­ten­stab des Su­per­stars Kent Na­ga­no als Ab­schieds­ge­schenk von der Par­tei dürf­te die Klas­sik-lieb­ha­be­rin ge­freut ha­ben. Doch mu­tet die Ges­te ein biss­chen pa­ra­dox an, denn die Zeit, in der Mer­kel den Takt schlägt, soll ja nach Wil­len der CDU nun vor­bei sein. Doch wer weiß. Es wä­re nicht das ers­te Mal, dass ein Re­gie­rungs­chef auch oh­ne Par­tei­amt den Rhyth­mus vor­gibt.

„Dan­ke An­ge­la Mer­kel“: So ver­ab­schie­de­te sich die CDU von ih­rer bis­he­ri­gen Vor­sit­zen­den beim Bun­des­par­tei­tag. Fo­to: Chris­ti­an Cha­ri­si­us/dpa

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