Mehr Mut zur Mun­d­art

Oft wer­den Dia­lekt­spre­cher schon in der Schu­le dis­kri­mi­niert. Ei­ne Ta­gung mit Mi­nis­ter­prä­si­dent Kret­sch­mann, „Do­do­kay“und vie­len Ex­per­ten soll ein An­fang sein, das zu än­dern.

Südwest Presse (Ulm) - - Südwestumschau - Von Rai­mund Wei­b­le

Da­mit hat To­bi­as Do­mi­nik Kuhn, Künst­ler­na­me Do­do­kay, ei­nen Rie­sen­er­folg ge­lan­det. Er syn­chro­ni­siert Pro­mi­nen­te auf Schwä­bisch, gleich­gül­tig, ob sie Ba­rack Oba­ma oder An­ge­la Mer­kel hei­ßen. So­gar ei­nen Film­klas­si­ker hat er schwä­bisch ein­ge­färbt, „die 1000 Glotz­böb­bel des Dr. Ma­bu­se“. Doch in sei­ner Ju­gend hat der Reut­lin­ger „gar nicht so gu­te Er­fah­run­gen ge­macht“mit dem Dia­lekt. Da ha­be er die Mun­d­art ver­leug­net und hoch­deutsch ge­spro­chen, weil es ge­hei­ßen ha­be, „da kriagsch koi Weib“. Und als Er­wach­se­ner ge­nier­te er sich, schwä­bisch zu spre­chen, we­gen ne­ga­ti­ver Re­ak­tio­nen der Um­welt. Denn: „Mr hent so a brei­ige Sproch, da denkt je­der, dass i ein Gras­da­ckel bin.“

Das The­ma Dis­kri­mi­nie­rung der Dia­lekt­spre­cher griff am Frei­tag auch der Tü­bin­ger Pro­fes­sor Hu­bert Klaus­mann bei der Ta­gung „Da­heim schwät­zen die Leut´“auf, die das Staats­mi­nis­te­ri­um im Neu­en Schloss ver­an­stal­te­te. Schon im Kin­der­gar­ten wer­den Kin­der laut Klaus­mann von Er­zie­he­rin­nen auf­ge­for­dert, „sag es schö­ner“, wenn die Klei­nen sich in der Mun­d­art aus­drü­cken. Auch in der Schu­le rüg­ten Leh­rer Schü­ler we­gen ih­res ver­meint­lich fal­schen Aus­drucks.

„Mut­ter­spra­che wird im­pli­zit schlecht ge­macht“, be­ob­ach­tet Klaus­mann. Das be­stä­tig­te auch der In­ten­dant des Mel­chin­ger Lin­den­hof­thea­ters, Ste­fan Hall­may­er. Er ha­be eben­falls im Gym­na­si­um dar­un­ter ge­lit­ten, dass Leh­rer ihm Mun­d­art ab­zu­ge­wöh­nen ver­such­ten. Die­se Dis­kri­mi­nie­rung trägt laut Klaus­mann mit da­zu bei, dass we­ni­ger Dia­lekt ge­spro­chen wird.

Klaus­mann for­der­te da­zu auf, et­was ge­gen die Dis­kri­mi­nie­rung der Mun­d­art zu un­ter­neh­men. Man müs­se in der Öf­fent­lich­keit dar­über auf­klä­ren, dass Mun­d­art kei­nes­wegs ei­ne schlech­te­re Spra­che sei als das Hoch­deutsch. Pro­mi­nen­te Dia­lekt­spre­cher wie der Frei­bur­ger Fuß­ball­trai­ner Chris­ti­an Streich und Bun­des­trai­ner Joa­chim Löw könn­ten die Ak­zep­tanz der Mun­d­art er­hö­hen.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) selbst sieht sich da­zu ver­pflich­tet, die Mun­d­art zu schüt­zen und zu pfle­gen. Das ver­lan­ge auch die Unesco-kon­ven­ti­on von 2007 zum Schutz der Viel­falt kul­tu­rel­ler Aus­drucks­for­men. Der Ka­bi­netts­chef selbst ist dank­bar für sei­nen schwä­bi­schen Dia­lekt, der ei­ne Nei­gung zum Ur­tüm­li­chen und An­ar­chi­schen zei­ge. Dia­lek­te sei­en be­son­ders ge­eig­net, Emo­tio­nen mit­zu­tei­len und Re­so­nan­zen her­zu­stel­len. Die emo­tio­na­le Kraft kön­ne da­zu füh­ren, dass De­bat­ten fried­li­cher ver­lau­fen, mein­te Kret­sch­mann.

Von der Ta­gung er­hofft sich die Lan­des­re­gie­rung Im­pul­se für Maß­nah­men zur Dia­lekt­för­de­rung. Das sag­te Staats­mi­nis­te­rin The­re­sa Schop­per. Rund 100 Ex­per­ten ka­men zu dem Tref­fen.

In der Schweiz ge­nießt der Dia­lekt ei­ne weit hö­he­re Wert­schät­zung als in Ba­den-würt­tem­berg. „Die dia­lek­ta­le Münd­lich­keit“ sei in der Deutsch­schweiz der Nor­mal­fall, be­rich­te­te He­len Chris­ten, Pro­fes­so­rin der Uni­ver­si­tät Frei­burg im Üecht­land. Die Kin­der wach­sen mit dem Dia­lekt als Erst­spra­che auf. Und Deutsch­schwei­zer fühl­ten sich be­frem­det, wenn sie un­ter­ein­an­der nicht Dia­lekt spre­chen.

Um Leh­rer für Mun­d­art zu sen­si­bi­li­sie­ren, will die Päd­ago­gi­sche Hoch­schu­le in Wein­gar­ten (Kreis Ra­vens­burg) zu­sam­men mit der Mun­d­art­ge­sell­schaft Würt­tem­berg ei­ne Stif­tungs­pro­fes­sur ein­rich­ten. An die­ser Stel­le sol­le auch die Ve­rän­de­run­gen in der Mun­d­art un­ter­sucht und der Be­stand an Mun­d­ar­ten do­ku­men­tiert wer­den, sag­te Rek­to­rin Ka­rin Schwei­zer. Noch ist die ge­plan­te Pro­fes­sur fi­nan­zi­ell nicht ge­si­chert.

Für Do­do­kay je­den­falls gilt: „Wir müs­sen ein neu­es Kapitel der Mun­d­art schrei­ben.“

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Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann und der Reut­lin­ger Sprach­künst­ler Do­do­kay ali­as To­bi­as Do­mi­nik Kuhn ha­ben ei­nes ge­meins­sam: Sie kul­ti­vie­ren ih­ren Dia­lekt. Fo­tos: dpa

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