Der blaue Kol­le­ge kann nichts ver­ges­sen

In­dus­trie 4.0 Bei der Fir­ma Weiss Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung in Il­ler­tis­sen ar­bei­ten Mensch und Ro­bo­ter zu­sam­men – so­zu­sa­gen Hand in Hand, oh­ne Trenn­wand. Von Re­gi­na Frank

Südwest Presse (Ulm) - - Erste Seite -

Il­ler­tis­sen. Bei der Fir­ma Weiss Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung in Il­ler­tis­sen ar­bei­ten Mensch und Ro­bo­ter zu­sam­men – so­zu­sa­gen Hand in Hand, oh­ne Trenn­wand.

Der Mensch – legt Dich­tung, Ven­til­schei­be und Kunst­stof­fo­ber­teil auf­ein­an­der. Er ist es auch, der den grü­nen Knopf drückt, so­bald er fer­tig ist, und so­mit der Ma­schi­ne das Si­gnal gibt für ih­ren Ein­satz: Der Ro­bo­ter – greift ei­ne vier Mil­li­me­ter klei­ne Ku­gel aus dem Topf und packt sie oben­drauf. Er presst al­le Ein­zel­tei­le zu­sam­men und über­gibt dann das fer­ti­ge Teil der Qua­li­täts­kon­trol­le. Si­cher­heits­ven­ti­le für Schnell­koch­töp­fe wer­den in ei­ner Fa­brik in Il­ler­tis­sen von Mensch und Ro­bo­ter ge­mein­sam her­ge­stellt. Mehr noch: „Mensch und Ro­bo­ter ar­bei­ten im glei­chen Ar­beits­raum“, er­klärt In­ge­nieur Ro­bert Hel­ler, der die­se mo­der­ne Pro­duk­ti­ons­ma­schi­ne kon­stru­iert hat. Mensch und Ro­bo­ter sind hier al­so nicht mehr wie bei frü­he­ren Kon­zep­ten durch ei­ne Si­cher­heits­schei­be von­ein­an­der ge­trennt.

So funk­tio­niert In­dus­trie 4.0 in der Pro­duk­ti­ons­hal­le von Weiss Kunst­stoff­ver­ar­bei­tung in Il­ler­tis­sen. Ein Glas­kas­ten, in dem ein Ro­bo­ter­arm vor­ge­ge­be­ne Ar­beits­schrit­te er­le­digt. Da­vor ein Mit­ar­bei­ter, der sei­nen Part bei­trägt. Die Si­cher­heit war bei der Kon­struk­ti­on ei­ne heik­le Auf­ga­be: Zwei Licht­schran­ken an ei­nem Fens­ter im Glas­kas­ten ge­währ- leis­ten, dass sich Mensch und Ro­bo­ter nicht ins Ge­he­ge kom­men, sagt Hel­ler. Und mit­hil­fe ei­ner spe­zi­el­len Si­cher­heits­elek­tro­nik über­wacht sich der Ro­bo­ter so­zu­sa­gen sel­ber – al­so ob er wirk­lich si­cher ist und nicht ge­ra­de so et­was wie ei­nen Black­out hat. „So erst ist das Zu­sam­men­spiel von Mensch und Ro­bo­ter in ei­nem Raum mög­lich und er­laubt.“Sonst könn­te der Be­die­ner in Ge­fahr ge­ra­ten, wo­mög­lich sei­ne Hand ein­ge­klemmt wer­den. Die An­la­ge läuft bei Weiss seit Früh­som­mer 2018. Ei­ne zwei­te wur­de kurz dar­auf in Be­trieb ge­nom­men, sie be­schrif­tet Kunst­stoff­tei­le.

Der Mensch hat Vor­tei­le: Er ist fle­xi­bler. Aber der Mensch macht Feh­ler. Das hat Jür­gen Weiss, ei­ner der drei Ge­schäfts­füh­rer, selbst er­lebt, als er einst als Schü­ler im Fe­ri­en­job ei­ne „sehr stu­pi­de Ar­beit“er­le­dig­te: rech­te Tei­le hier­hin, lin­ke Tei­le dort­hin sor­tier­te. Stun­den­lang. „Da lässt man sich mal kurz ab­len­ken – und schon ist es pas­siert.“Sprich: ein Teil falsch ein­sor­tiert. Feh­ler pas­sie­ren auch in der Qua­li­täts­kon­trol­le, ver­se­hent­lich, weil et­was ver­ges­sen wird. „Der Ro­bo­ter kann nicht ver­ges­sen“, sagt In­ge­nieur Hel­ler. Des­halb lässt er ihn auch beim Schnell­koch­topf­si­cher­heits­ven­til die Qua­li­täts­kon­trol­le vor­neh­men.

Der Ro­bo­ter hat Vor­tei­le: Er macht im­mer ge­nau das, was pro­gram­miert ist. Doch so ei­ne Pro­gram­mie­rung ist mit ei­nem ho­hem tech­ni­schen Auf­wand ver­bun­den – für je­de wei­te­re Auf­ga­be, die der Ro­bo­ter über­neh­men soll. Ein Auf­wand, der sich nur bei gro­ßen Men­gen an zu pro­du­zie­ren­den Tei­len lohnt. Stück­zahl und Wirt­schaft­lich­keit – das sind die li­mi­tie­ren­den Fak­to­ren für sol­che High-tech-an­la­gen.

Der Il­ler­tis­se­ner Kunst­stoff­ver­ar­bei­ter (Um­satz 2018: 54,8 Mil­lio­nen Eu­ro) stellt mehr als 100 Mil­lio­nen Tei­le im Jahr her, da­von ent­ste­hen bis­lang erst 140000 in Mensch-ro­bo­ter-ko­ope­ra­ti­on. Un­ter­neh­mer Weiss sagt aber auch: „Die Gren­ze des Wirt­schaft­li­chen ver­schiebt sich.“Ro­bo­ter wer­den im­mer leich­ter pro­gram­mier­bar und da­mit kos­ten­güns­ti­ger.

Ei­gent­lich hat­te In­ge­nieur Hel­ler grö­ße­re Dis­kus­sio­nen in der Be­leg­schaft er­war­tet, Vor­be­hal­te wie „da hockt nun der blaue Kol­le­ge, der könn­te mei­nen Ar­beits­platz ge­fähr­den“. Das Ge­gen­teil sei der Fall: Die Be­die­ner-ar­beit vis-à-vis des blau­en Ro­bo­ter­arms sei be­gehrt. „Es ist nicht heiß, man macht sich die Fin­ger nicht dre­ckig.“

„Die Tech­nik bleibt“

Der viel­ver­wen­de­te Be­griff In­dus­trie 4.0 ist nach Ein­schät­zung von Ge­schäfts­füh­rer Jür­gen Weiss in­des oft nicht mehr als ein Schlag­wort, „es sagt al­les und nichts“, und für In­ge­nieur Hel­ler ein „Hy­pe“, ver­gäng­lich wie an­de­re auf­ge­bausch­te Trends. „Aber die Tech­nik bleibt“, weiß er aus Er­fah­rung. Für das in­ha­ber­ge­führ­te Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men in Il­ler­tis­sen, des­sen Stär­ke im Son­der­ma­schi­nen­bau liegt, ist die Op­ti­mie­rung der Au­to­ma­ti­on im Grun­de ein selbst­ver­ständ­li­cher Pro­zess. Ei­ner, der nun zu die­ser spe­zi­el­len Mensch-ro­bo­ter-zu­sam­men­ar­beit führ­te. Die ers­ten ein­fa­chen Ro­bo­ter stell­te Weiss, am Ran­de be­merkt, schon in den 1990er Jah­ren auf; sie ar­bei­ten al­lei­ne in ei­ner Ka­bi­ne. Hel­ler: „Das ist die Vor­gän­ger­welt.“

Die bis­her er­schie­ne­nen Fol­gen un­se­rer Se­rie gibt es zum Nach­le­sen auf swp.de/wirt­schaft­kon­kret

Ro­bert Hel­ler hat die High-tech-an­la­ge kon­stru­iert und über­nimmt fürs Fo­to die Rol­le des Be­die­ners. Fo­to: Lars Schwerdtfe­ger

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