Der gro­ße Tri­umph der klei­nen Schwes­ter

An­ge­la Kön­neker holt als 17-Jäh­ri­ge 1972 in München über­ra­schend Staf­fel-Bron­ze und hängt da­mit auch ih­ren gro­ßen Bru­der ab

Saarbruecker Zeitung - - SPORT - Von SZ-Re­dak­teur Pe­ter Wil­helm

Vor ein paar Jah­ren war sie noch mal da. München, Olym­pia­Schwimm­hal­le. Der Ort des gro­ßen Tri­um­phes. „Wir ha­ben ein Bild ge­macht: Ich und mei­ne Bahn drei“, sagt An­ge­la Kön­neker und lacht. Oft kam sie seit dem En­de ih­rer Kar­rie­re nicht mehr hier­her. Ein­mal noch zur 25-Jahr-Fei­er mit den an­de­ren aus dem Team und dann halt 2011 mit ih­rem Mann. Da­bei hat die Bahn drei ei­ne gro­ße Be­deu­tung: 30. Au­gust 1972, Olym­pi­sche Spie­le in München. Das Fi­na­le über 4x100 Me­ter Frei­stil. „Mit uns hat ja über­haupt nie­mand ge­rech­net. Bei den Män­nern hat­ten al­le auf ei­ne Me­dail­le spe­ku­liert, aber bei uns? Nein“, sagt An­ge­la Kön­neker, die da­mals noch An­ge­la St­ein­bach hieß.

17 war sie bei den Spie­len von München. Und Schluss-Schwim­me­rin der deut­schen Staf­fel. „Ei­gent­lich war klar, dass die USA, die DDR und Aus­tra­li­en die Me­dail­len un­ter sich aus­ma­chen“, er­in­nert sich Kön­neker. „Die gal­ten als un­an­tast­bar.“Mor­gens im Vor­lauf tauch­te dann aber plötz­lich die Staf­fel der Gast­ge­ber auf Platz drei auf. „Das konn­ten wir gar nicht fas­sen. Wir wa­ren gut ge­schwom­men. Aber Dritt­schnells­te? Wir dach­ten: So schnell sind wir ja ei­gent­lich gar nicht. Das kön­nen wir nicht hal­ten.“

Doch es kommt an­ders. Jut­ta We­ber, Hei­de­ma­rie Reineck und Gu­drun Beck­mann, die ers­ten drei, schwim­men im Fi­na­le am Abend im Kiel­was­ser der USAund der DDR-Staf­fel tat­säch­lich er­neut auf Platz drei. An­ge­la St­ein­bach war­tet auf dem Start­block. Der gan­ze Druck las­tet auf ihr. „Ich muss­te ge­gen Sha­ne Gould ran“, er­zählt sie. Ei­gent­lich ei­ne un­lös­ba­re Auf­ga­be. Die Aus­tra­lie­rin war die er­folg­reichs­te Schwim­me­rin der Spie­le von München, das weib­li­che Pen­dant zu Mark Spitz. Drei Mal Gold – drei Mal Welt­re­kord. Gold-Gould. Und ge­gen die soll­te St­ein­bach Platz drei ver­tei­di­gen?

„Die hät­ten mich ge­lyncht“

An­ge­la Kön­neker sitzt in ih­rer Woh­nung in Dort­mund. Ein schö­ner Alt­bau mit ho­hen Stuck-De­cken. Mit­ten in der Stadt und doch ru­hig. Das West­fa­len-Sta­di­on ist nur ei­nen St­ein­wurf ent­fernt. Klar: Wer hier wohnt, ist BVB-Fan. Ihr Mann Jür­gen geht spä­ter noch ins Sta­di­on, Sohn Axel hat Kar­ten für die Süd­tri­bü­ne. Kön­neker nippt am Kaf­fee. Sie muss la­chen, als sie zu­rück­denkt: „Mich woll­ten sie ja am An­fang ei­gent­lich gar nicht. Ich war nur die klei­ne Schwes­ter“, sagt sie. „Aber mein Bru­der ging auf die­ses In­ter­nat – und das fand ich toll. Da woll­te ich auch hin.“

Der Bru­der ist Klaus St­ein­bach. Er ge­hör­te – wie auch ihr Ehe­mann Jür­gen Kön­neker – zu den ers­ten Sport­lern, die von der neu ge­grün­de­ten DSV-Schwimm­schu­le Max Rit­ter in Saar­brü­cken auf­ge­nom­men wur­den. 1969 wur­de die Schu­le im Hin­blick auf die Olym­pi­schen Spie­le als Leis­tungs­zen­trum für Ta­len­te aus ganz Deutsch­land ein­ge­rich­tet. An­ge­la Kön­neker kam ein Jahr spä­ter da­zu. „Ich war ganz gut, hat­te aber noch nicht die rich­tig gro­ßen Re­sul­ta­te. Mein Plus war letzt­end­lich, dass ich auch ganz gut in der Schu­le war. Da ha­ben sie ge­sagt: Okay, wir ver­su­chen es.“

Die Max-Rit­ter-Schu­le ist ei­ne an­de­re Welt. Pro Tag ei­ne St­un­de Trai­ning im Schwimm­bad, da­zu 45 Mi­nu­ten in der Fol­ter­kam­mer des Kraft­raums. „Zu Hau­se in Kle­ve sind wir vor­her bloß ge­schwom­men, drei Mal pro Wo­che. Jetzt war je­den Tag Trai­ning – und zum ers­ten Mal hat­te ich auch Ath­le­tik-Trai­ning. Gym­nas­tik, Lau­fen, Zir­kel­trai­ning, Kraft­trai­ning – ich konn­te in den ers­ten Wo­chen kei­ne Trep­pen mehr ge­hen, so ei­nen Mus­kel­ka­ter hat­te ich“, er­in­nert sich Kön­neker. „Im Ver­gleich zu heu­te war das aber ei­gent­lich über­haupt nichts. Heu­te sind vier bis sechs St­un­den zwin­gend not­wen­dig.“Für Kön­neker war es den­noch ein Quan­ten­sprung. „In Kle­ve hat­ten wir im Som­mer im Feu­er­lösch-Teich der Mar­ga­ri­nen-Uni­on trai­niert.“Die Fir­ma pro­du­ziert Ra­ma.

Nicht ein­mal zwei Jah­re spä­ter geht es in München um die Wurst – und die Me­dail­le. „Als ich ins Was­ser ge­sprun­gen bin, hat­te ich nur ei­nen Ge­dan­ken: Gould darf dich nicht ein­ho­len. Die an­de­ren lyn­chen dich, wenn du als Vier­te an­schlägst.“Kön­neker schwimmt auf Bahn drei, Gould di­rekt da­ne­ben. „Als ich bei der Wen­de ge­merkt ha­be, dass sie nicht ran­ge­kom­men war, hat mich das be­flü­gelt. Da dach­te ich nur noch: So, jetzt Kopf ins Was­ser und durch.“Das tut Kön­neker auch. Und wie: In 59,07 Se­kun­den fliegt sie durchs Was­ser, schwimmt per­sön­li­che Best­zeit – und schlägt tat­säch­lich als Drit­te an. Die Zeit für das deut­sche Quar­tett bleibt bei 3:57,93 ste­hen. Das ist un­ter dem al­ten Welt­re­kord!

Me­dail­len-Ge­win­ne­rin im ei­ge­nen Land. Den Welt­re­kord un­ter­bo­ten. Bei Olympia. Bis Kön­neker tat­säch­lich be­greift, was da ge­ra­de pas­siert ist, dau­ert es ein paar Ta­ge. „Im Sta­di­on ging al­les ra­send schnell: an­schla­gen, ab­trock­nen, Sie­ger­eh­rung, Eh­ren­run­de. Da blieb kaum Zeit zum Über­le­gen.“An was sie sich aber noch ge­nau er­in­nert: „Als bei der Sie­ger­eh­rung die Fah­ne hoch­ging, dach­te ich: Die geht jetzt für dich hoch.“

So rich­tig ge­nie­ßen kann sie ih­ren Er­folg den­noch zu­nächst nicht. Denn da ist die Sor­ge um den gro­ßen Bru­der, der am nächs­ten Tag ran muss. „Wir wa­ren ja die Über­ra­schung. Aber von den Män­nern hat­te man et­was er­war­tet“, er­in­nert sie sich. „Und ich war bei Ren­nen von Klaus so­wie­so im­mer auf­ge­reg­ter als bei mei­nen ei­ge­nen. Ich dach­te nur: Hof­fent­lich geht der jetzt nicht leer aus.“

Doch die Angst ist un­be­grün­det. Ei­nen Tag nach der klei­nen Schwes­ter legt der gro­ße Bru­der nach. Klaus St­ein­bach holt mit der Staf­fel so­gar Sil­ber. Kön­neker lacht: „Ein Ge­schwis­ter­paar mit Me­dail­len. In Kle­ve ha­ben sie Kopf ge­stan­den, bei un­se­ren El­tern war der Bär los.“Dass die klei­ne Schwes­ter dem be­kann­ten Bru­der da­bei ei­nen Tag zu­vor­kam, ist heu­te noch Grund für so man­che Sti­che­lei: „Klaus grinst dann im­mer und sagt: Ja, aber da­für ha­be ich Sil­ber.“

Klaus St­ein­bach wohnt heu­te in Le­bach, sei­ne Schwes­ter in Dort­mund. Die Saar­brü­cker Stra­ße ist „um­me Ecke“, wie sie hier sa­gen. Doch ins Saar­land kommt Kön­neker nur noch sel­ten. Die Staf­fel von da­mals ist mitt­ler­wei­le über die hal­be Welt ver­teilt, ab und zu trifft man sich noch. Der Kon­takt zum Bru­der ist je­doch nach wie vor eng. Kein Wun­der, wenn man so viel zu­sam­men er­lebt hat. „Oh­ne Klaus hät­te ich das Gan­ze da­mals in Saar­brü­cken nicht durch­ge­stan­den“, gibt Kön­neker zu. „Das war ge­ra­de am An­fang die ab­so­lu­te Höl­le. Das Trai­ning war hart, da­zu kam die Um­stel­lung mit der Schu­le. Ich hat­te frü­her Eng­lisch, im Saar­land war Fran­zö­sisch Haupt­fach.“Und dann wa­ren da noch Leh­rer, die – sa­gen wir – nicht ganz so viel Ver­ständ­nis für das neue Sport-In­ter­nat hat­ten. „Ei­ner sag­te mal zu mir: Ent­we­der Sie wol­len zu Olympia, oder Sie ma­chen Abitur. Bei­des zu­sam­men geht nicht. Und das wer­de ich auch zu ver­hin­dern wis­sen.“Mitt­ler­wei­le kann Kön­neker drü­ber la­chen. Auch Leh­rer ha­ben halt nicht im­mer recht.

Ne­ben dem Bru­der gab es ei­ne wei­te­re prä­gen­de Person: Bun­des­trai­ner Horst Pla­nert. „Er war nicht nur un­ser Trai­ner, son­dern qua­si auch der Er­satz­va­ter“, er­zählt Kön­neker. „Er war im­mer für uns da. Und was er in Saar­brü­cken in so kur­zer Zeit fer­tig ge­bracht hat, ist ei­gent­lich un­fass­bar.“Von null auf Olympia in kür­zes­ter Zeit, Pla­nert bringt fünf Schwim­mer nach München.

Auch Kön­neker. Erst 1970 nach Saar­brü­cken ge­kom­men wird 1972 ihr gro­ßes Jahr. Zu Be­ginn des Olympia-Jah­res schaff­te sie „von jetzt auf gleich“den Sprung in die Na­tio­nal-Aus­wahl: Bei ei­nem Län­der­kampf in Hannover schwimmt die 4x100-Me­ter-Staf­fel erst­mals in der Be­set­zung wie spä­ter in München. „Es war ein Ver­such“, sagt Kön­neker. Und ih­re Chan­ce. Sie nutzt sie. Bei der deut­schen Meis­ter­schaft, gleich­zei­tig auch Olympia-Qua­li­fi­ka­ti­on, wächst sie we­nig spä­ter über sich hin­aus. Mit ei­nem neu­en Ba­de­an­zug. Aus Strö­mungs­grün­den ist er an Bei­nen und Ar­men auf die Haut auf­ge­klebt. Pla­nert hat die An­zü­ge in der Schweiz ent­deckt. Kön­neker er­in­nert sich noch heu­te mit ei­nem Schau­dern: „Das Schlimms­te war das Aus­zie­hen nach dem Wett­be­werb – echt ek­lig.“ Doch es lohnt sich. Am En­de wird sie Zwei­te, löst das Ti­cket nach München.

Die Olympia-Me­dail­le liegt heu­te im Wohn­zim­mer-Schrank. In ei­ner Scha­tul­le mit dem Pro­to­koll der ge­schwom­me­nen Zei­ten – und der Gold­me­dail­le, die ihr Mann Jür­gen 1977 bei der Eu­ro­pa­meis­ter­schaft ge­won­nen hat. Auch Mark Spitz, der Su­per­star der Spie­le von München, saß schon hier in die­sem Wohn­zim­mer. „Klaus hat ihn mal mit­ge­bracht. Er trank Tee und hat Kek­se ge­ges­sen“, sagt Kön­neker und lacht. „Als wir spä­ter mal die Couch ent­sorgt ha­ben, sag­te un­ser Sohn: Die kön­nen wir doch ei­gent­lich nicht weg­wer­fen. Da hat Mark Spitz drauf­ge­ses­sen!“

Ob die Me­dail­le ihr Le­ben ver­än­dert hat? „Nein“, sagt Kön­neker. Die Me­dail­le nicht, wohl aber der Leis­tungs­sport und die Ma­xRit­ter-Schu­le. „Mit 15 von zu Hau­se weg­zu­ge­hen, auf sich al­lein ge­stellt zu sein, das hat ei­nen ge­prägt. Auf­ste­hen, Schu­le, Mit­tag­es­sen, Haus­auf­ga­ben, pünkt­lich beim Trai­ning sein, Pro­ble­me selbst­stän­dig lö­sen – da hat man Dis­zi­plin ge­lernt. Und für sich selbst ver­ant­wort­lich zu sein.“

Sohn ver­passt Olympia knapp

Nicht zu­letzt lern­te sie durch den Sport auch ih­ren Mann ken­nen. 1970 hat­ten sich die bei­den in Saar­brü­cken zum ers­ten Mal ge­se­hen. Doch Lie­be auf den ers­ten Blick war es nun nicht ge­ra­de. „Nein“, lacht Kön­neker. „Das kam erst vie­le, vie­le Jah­re spä­ter. Wir ha­ben meh­re­re An­läu­fe ge­braucht.“Da­für hält es aber. „Wir sind jetzt schon 34 Jah­re ver­hei­ra­tet“, sagt sie stolz. Es ist ei­ne ech­te Schwim­mer-Fa­mi­lie. Schon An­ge­las El­tern wa­ren ak­tiv. Und auch die Söh­ne Axel und Ro­bert sind gu­te Schwim­mer. Um ein Haar hät­te Ro­bert so­gar die Fa­mi­li­en­ge­schich­te bei Olympia fort­ge­schrie­ben. Der Mi­li­tär­welt­meis­ter von 2007 ver­pass­te die Qua­li­fi­ka­ti­on für Pe­king 2008 nur knapp. Heu­te geht er als Pi­lot lie­ber in die Luft – doch bei den deut­schen Meis­ter­schaf­ten 2014 war er noch mal am Start und hol­te den Ti­tel mit der Mann­schaft.

Sei­ne Mut­ter wie­der­hol­te 1973 mit der Staf­fel bei der ers­ten Schwimm-Eu­ro­pa­meis­ter­schaft noch mal den Bron­ze-Platz von München und wur­de 1974 deut­sche Meis­te­rin über 100 Me­ter. Zwei Jah­re spä­ter aber folg­te der gro­ße Rück­schlag: Sie ver­pass­te die fest ein­ge­plan­te Qua­li­fi­ka­ti­on für Olympia 1976 in Mon­tre­al. „Das war mei­ne größ­te sport­li­che Nie­der­la­ge“, gibt sie zu. „Für mich war klar: Ich fah­re dort­hin, denn ich war vor der Qua­li im­mer un­ter den bes­ten Vier. Ich hat­te mich schon dar­auf ge­freut, denn ich hät­te das mit 21 auch al­les viel be­wuss­ter wahr­neh­men kön­nen als vier Jah­re vor­her.“Doch dann läuft al­les schief. „Die Ner­ven sind mit mir durch­ge­gan­gen. Ich war su­per ner­vös, weil ich mich nicht wohl ge­fühlt hat­te. Ich hat­te ein Se­mes­ter Pau­se ge­macht, um bes­ser trai­nie­ren zu kön­nen. Aber ich hat­te zu viel ge­macht und war nicht aus­ge­ruht ge­nug. Da­mit hat­te ich lan­ge zu kämp­fen“, gibt sie zu. „Spä­ter bin ich mit we­ni­ger Trai­ning viel schnel­ler ge­schwom­men.“Doch auch das ge­hört zu dem, was man als Sport­ler lernt: Nie­der­la­gen ver­kraf­ten.

Und heu­te? Auch lan­ge nach dem Kar­rie­re-En­de ist Kön­neker top­fit. Vor dem Fern­se­her liegt ei­ne Iso-Mat­te be­reit. Al­ler­dings: „Bah­nen zie­hen, das brau­che ich nicht mehr. Wenn ich schwim­me, dann nur noch im Ur­laub im Meer“, sagt sie. Ins Schwimm­bad geht sie nicht mehr. Es sei denn, es geht um ein Wie­der­se­hen mit ih­rer Bahn drei. In München.

„Mich woll­ten sie ja am An­fang ei­gent­lich gar nicht.“ An­ge­la Kön­neker über ih­ren Wech­sel nach Saar­brü­cken

FOTO: IM­A­GO

Klaus St­ein­bach mit sei­ner Schwes­ter An­ge­la im Saar­brü­cker To­to­bad, ei­ner von zwei Trai­nings­stät­ten der Max-Rit­ter-Schu­le. Zu Hau­se in Kle­ve hat­ten die bei­den zu­vor in ei­nem Feu­er­lösch-Teich trai­niert.

FOTO: KÖN­NEKER

An­ge­la Kön­neker vor „ih­rer“Bahn drei. 2011 be­such­te die Bron­ze­me­dail­len-Ge­win­ne­rin noch mal den Ort des Tri­um­phes. Am 30. Au­gust 1972 hol­te sie hier Bron­ze mit der 4x100-Me­ter-Frei­stil-Staf­fel.

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