„Es war mir ei­ne Eh­re“

Sach­lich, schnör­kel­los und selbst­be­wusst ver­ab­schie­det sich An­ge­la Mer­kel vom Par­tei­vor­sitz und ruft zum Zu­sam­men­halt auf.

Saarbruecker Zeitung - - Themen des tages - VON WER­NER KOL­HOFF

Nach neun Mi­nu­ten Bei­fall be­wegt An­ge­la Mer­kel bei­de Ar­me weit aus­ge­brei­tet nach un­ten. Wie ei­ne Leh­re­rin, die die Klas­se be­ru­hi­gen muss. Erst da set­zen sich die De­le­gier­ten wie­der. Man kann sich un­ge­fähr vor­stel­len, wie an­de­re nach 18 Jah­ren Par­tei­vor­sitz ab­ge­tre­ten wä­ren. Emo­tio­nen, Pa­thos, viel­leicht Trä­nen. Nicht so An­ge­la Mer­kel. Ih­re letz­ten, wirk­lich letz­ten Wor­te im Amt sind: „Es war mir ei­ne gro­ße Freu­de, es war mir ei­ne Eh­re.“Nur dass ih­re Wan­gen leicht ge­rö­tet sind, deu­tet auf ei­ne ge­wis­se Rüh­rung hin.

Mer­kel hat im­mer ganz per­sön­lich das Mot­to be­stimmt, das über den Par­tei­ta­gen hing. Sie lässt die Sprü­che Re­vue pas­sie­ren und fängt mit ih­rem ers­ten Par­tei­tags­mot­to an, im Jahr 2000 in Es­sen. Es hieß „Zur Sa­che“. Das, sagt sie selbst­iro­nisch, sei „tpy­isch Mer­kel“ge­we­sen, „kno­chen­tro­cken“. Et­li­che De­le­gier­te la­chen. Wolf­gang Schäu­b­le nicht. Er ist am En­de auch der ein­zi­ge, der kaum klatscht. Denn An­ge­la Mer­kel sagt, sie ha­be die Par­tei da­mals über­nom­men, als sie „po­li­tisch, mo­ra­lisch und üb­ri­gens auch fi­nan­zi­ell vor dem Aus stand“. Vor ihr war Wolf­gang Schäu­b­le der Chef. Er muss­te we­gen der Spen­den­af­fä­re zu­rück­tre­ten. Mer­kel sagt, zwar kön­ne man heu­te von sehr schwie­ri­gen Zei­ten spre­chen, we­gen der AfD und we­gen der Po­la­ri­sie­rung. „Aber die Schick­sals­stun­de der CDU war vor 18 Jah­ren.“Star­ker To­bak.

Ei­gent­lich ist sie gar nicht auf Abrech­nung aus. Aber ers­tens hat sich Schäu­b­le mit sei­ner Wahl­emp­feh­lung für Fried­rich Merz aus dem Fens­ter ge­hängt, und zwei­tens will die schei­den­de Vor­sit­zen­de oh­ne­hin ein paar Din­ge ge­ra­de­rü­cken. Denn „Mer­kel muss weg“fin­det neu­er­dings auch in der CDU Wie­der­hall. Ein De­le­gier­ter aus Ba­den-Würt­tem­berg wirft ihr in der Aus­spra­che zum Bei­spiel die „Ent­ker­nung“der Par­tei vor. Er ist nicht der Ein­zi­ge, der so denkt und re­det. Mer­kel hält die­ser Stim­mung ih­re per­sön­li­chen Grund­sät­ze ent­ge­gen und be­zieht sich auf den Leit­spruch, den sie für die­ses Mal ge­wählt hat. „Zu­sam­men­füh­ren und zu­sam­men füh­ren“heißt er und ist an­ders als vor 18 Jah­ren in Es­sen nicht aus Sty­ro­por, son­dern kommt zeit­ge­mäß aus dem Bea­mer. Mer­kel liebt sol­che Wort­spie­le. Die­ser Satz ist ihr Ver­mächt­nis, ih­re Ab­schieds­bot­schaft.

Nur 35 Mi­nu­ten re­det sie, ziem­lich schnör­ke­los. Sie weist dar­auf hin, dass es ihr im­mer­hin ge­lun­gen sei, für die CDU vier Mal in Fol­ge die Kanz­ler­schaft zu si­chern. Und zum Bei­spiel 2017 Rot-Rot-Grün zu ver­hin­dern. Das sol­len die Kri­ti­ker mal nach­ma­chen, ist die ver­steck­te Bot­schaft. Sie er­mahnt die Par­tei. Man müs­se im­mer ver­su­chen, die Welt auch mit den Au­gen der an­de­ren zu se­hen. Nichts sei nur schwarz-weiß. Es ge­he nicht um schnel­le Ant­wor­ten, son­dern um trag­fä­hi­ge Lösungen. „Wir gren­zen uns ab, aber nie­mals gren­zen wir aus“, sagt sie. Und: „Wir strei­ten, aber nie­mals het­zen wir.“Es sind die Grund­sät­ze ei­ner gu­ten De­mo­kra­tin, die in­ter­na­tio­nal denkt und Po­la­ri­sie­rung ab­lehnt.

An­ge­la Mer­kel steht auch in ih­rer Ab­schluss­re­de zu ih­rer Flücht­lings­po­li­tik, ver­langt „Men­sch­lich­keit“. Im Vi­deo, das die Par­tei­zen­tra­le zum Ab­schied zu­sam­men­ge­stellt hat, sind die Sel­fies mit den Flücht­lin­gen zu se­hen. An­ge­la Mer­kel be­reut nichts. Und sie steht auch zu ih­rem Stil, mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on Selbst­iro­nie. Sie ha­be es manch­mal an „def­ti­gen An­grif­fen“ge­gen den po­li­ti­schen Geg­ner feh­len las­sen, räumt sie ein. Aber ih­re be­vor­zug­te Waf­fe sei nun ein­mal das Flo­rett. Und manch­mal das Schwei­gen. „Ich weiß wohl, das hat eu­re Ner­ven stra­pa­ziert.“Hier bran­det Bei­fall auf.

Vol­ker Bouf­fier ob­liegt es, den of­fi­zi­el­len Dank der Par­tei­füh­rung aus­zu­spre­chen. Er bit­tet An­ge­la Mer­kel zu sich ans Red­ner­pult. Sie sagt la­chend: „Da­mit ha­be ich schlech­te Er­fah­run­gen ge­macht.“Sie meint die Sze­ne, als Horst See­ho­fer sie beim CSU-Par­tei­tag in Mün­chen En­de 2015 auf of­fe­ner Büh­ne vor­führ­te. Der Saal ist amü­siert.

An­ge­la Mer­kel be­kommt als Ab­schieds­ge­schenk ei­nen hübsch ge­rahm­ten Takt­stock, mit dem Kent Na­ga­no beim G20-Gip­fel in der Elb­phil­har­mo­nie di­ri­giert hat. Als An­spie­lung auf ih­re Lei­den­schaft für die Oper und auf ih­re Leis­tung als Di­ri­gen­tin der Par­tei. Mer­kel freut sich wirk­lich und lacht ein biss­chen.

„Wir gren­zen uns ab, aber nie­mals gren­zen

wir aus.

Wir strei­ten, aber nie­mals het­zen wir.“

„Für mei­ne Ver­bun­den­heit mit der Par­tei brau­che ich kei­nen Par­tei­vor­sitz –

und Bun­des­kanz­le­rin

bin ich ja auch noch.“

„Wir wuss­ten im­mer, dass kon­ser­va­tiv nicht

von Kon­ser­ve kommt, son­dern

da­von, zu be­wah­ren, was uns stark macht, und zu ver­än­dern, was

uns hin­dert.“

„Die Schick­sals­stun­de der CDU war vor 18 Jah­ren.“

FO­TO: KAP­PELER/DPA

Gro­ßes Pa­thos ist An­ge­la Mer­kels Sa­che nicht, doch ih­re Ab­schieds­wor­te spricht sie mit ge­rö­te­ten Wan­gen: „Es war mir ei­ne gro­ße Freu­de.“

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