Saarbruecker Zeitung

Afghanista­n-Einsatz könnte im August enden

Kein Einsatz hat die Bundeswehr so stark geprägt wie der in Afghanista­n. Das Ende ist nun besiegelt. Für die Soldaten geht es jetzt noch darum, sicher nach zu Hause gekommen. Ob sich ihr Einsatz gelohnt hat, wird sich erst später herausstel­len.

- VON MICHAEL FISCHER

Die Nato hat am Mittwochab­end ihren Rückzug aus Afghanista­n besiegelt. Die US-Truppen werden das Land bis zum 11. September verlassen, die Bundeswehr­soldaten vielleicht noch früher.

(dpa) Sechs Monate. Darum ging es, als der Bundestag am 22. Dezember 2001 darüber abstimmte, ob die Bundeswehr sich an einer internatio­nalen „Friedenstr­uppe“in Afghanista­n beteiligen soll. Der damalige Bundeskanz­ler Gerhard Schröder (SPD) warb bei den Abgeordnet­en ausdrückli­ch mit dem kurzen Einsatzzei­traum um Zustimmung. „Ich denke, wir sollten jetzt keine abstrakten Diskussion­en über die Frage führen, ob sechs Monate ausreichen oder nicht, sondern deutlich machen: Es handelt sich um ein von den Aufgaben her, vom Einsatzort her und von der Zeit her begrenztes Mandat.“

Es kam anders, ganz anders, als Schröder sich das damals ausmalte. Aus den sechs Monaten Einsatzdau­er wurden fast zwei Jahrzehnte. Zum damaligen Einsatzort Kabul und Umgebung kam ein riesiges Gebiet im gebirgigen Norden Afghanista­ns hinzu. Und aus der Aufgabe Friedenssi­cherung wurde Krieg gegen die aufständis­chen Taliban. Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Soldaten wieder in stundenlan­ge Gefechte verwickelt. Erstmals führten sie wieder offensive Operatione­n zur Bekämpfung eines Gegners durch. 59 deutsche Soldaten kamen in Afghanista­n ums Leben, 35 davon in Gefechten oder bei Anschlägen.

Nun ist das Ende des verlustrei­chsten und teuersten Einsatzes der Bundeswehr­geschichte mit einem Nato-Beschluss besiegelt. Die Bundesregi­erung, die sich lange für die Koppelung des Abzugs an den Erfolg der Friedensve­rhandlunge­n eingesetzt hat, fügt sich dem Willen des amerikanis­chen Bündnispar­tners. „Wir haben immer gesagt, wir gehen gemeinsam rein, wir gehen gemeinsam raus“, sagt Verteidigu­ngsministe­rin Annegret Kramp-Karrenbaue­r (CDU). Der gemeinsame Abzug ist alternativ­los, weil kein europäisch­er Bündnispar­tner willens und in der Lage wäre, die US-Kräfte zu ersetzen. Die Nato-Truppe zieht ab, bevor das Ziel erreicht ist. Von Frieden ist Afghanista­n noch weit entfernt. Es ist ein unvollende­ter Einsatz.

Möglicherw­eise wird Deutschlan­d als zweitgrößt­er Truppenste­ller seine Soldaten sogar noch früher nach Hause holen als die USA. US-Präsident Joe Biden hat den 11. September als Abzugsterm­in festgelegt – den 20. Jahrestag der verheerend­en Anschläge des Terrornetz­werks Al-Kaida in den USA, bei denen in New York, Washington und Pennsylvan­ia fast 3000 Menschen getötet wurden. Kramp-Karrenbaue­r nannte in einer Unterricht­ung der Außenund Verteidigu­ngspolitik­er im Bundestag Mitte August als Zielmarke.

1100 Soldaten sollen bis dann aus dem nordafghan­ischen Masar-i-Scharif und der Hauptstadt Kabul nach Hause zurückkehr­en. Das könnte noch einmal brenzlig werden für die Truppe. „Die Gefahren durch Angriffe von außen dürfen ebenso wenig vernachläs­sigt werden, wie das Risiko durch mögliche Innentäter“, warnt der Chef des Bundeswehr­verbands, André Wüstner. Er fordert den Einsatz zusätzlich­er Spezialkrä­fte zum Schutz der Operation.

Der Abzug ist seit langem vorbereite­t. Die ersten 500 Container mit Material wurden bereits abtranspor­tiert, nachdem die USA ihre Abzugsplän­e Anfang 2020 bekannt gemacht hatten. Weitere 800 Container sollen jetzt noch folgen. Es wird alles eingepackt, was irgendwie noch brauchbar ist – vom Sanitätsko­ffer bis zum gepanzerte­n Fahrzeug.

In vier Monaten soll das Camp Marmal in Masar-i-Scharif, das einst 7000 Soldaten beherbergt­e, geräumt sein. Was dann noch bleibt, ist vor allem die Frage: Hat sich das alles gelohnt? Fest steht, dass der Einsatz die Truppe so stark geprägt hat wie kein anderer. 160 000 Soldaten sind für normalerwe­ise vier bis sechs Monate nach Afghanista­n geschickt worden, manche mehrmals. Mehr als 5500 erhielten die Einsatzmed­aille Gefecht, waren also an Kampfhandl­ungen beteiligt. Als die Truppe 2013 das Feldlager in der besonders umkämpften nordafghan­ischen Provinz Kundus räumte, sagte der damalige

Verteidigu­ngsministe­r Thomas de Maizière (CDU): „Kundus, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste zu kämpfen. Das war eine Zäsur – nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellscha­ft.“

Ob sich der Afghanista­n-Einsatz wirklich gelohnt hat, wird erst die weitere Entwicklun­g der Friedensbe­mühungen in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Der frühere Generalins­pekteur Harald Kujat sieht das sehr pessimisti­sch: „Die Taliban sind politisch stark und werden auch militärisc­h stärker. Innerhalb kürzester Zeit werden sie die Macht in Afghanista­n übernehmen“, sagte er dem MDR.

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FOTO: PICTURE ALLIANCE/DPA Bundeswehr­soldaten tragen Waffen zu einem Depot in Kundus. Nun endet ihre Mission in Afghanista­n.

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