Saarbruecker Zeitung

Warum die Inzidenzwe­rte weiter wichtig bleiben

- VON JANA WOLF

Die Corona-Lage in Deutschlan­d entspannt sich weiter, die Zahlen der Geimpften steigen kontinuier­lich. Trotzdem halten Fachleute weiter an den Inzidenzen als Richtschnu­r fest – aus ganz unterschie­dlichen Gründen. Mit der DeltaVaria­nte kommt ein neuer Unsicherhe­itsfaktor hinzu.

BERLIN Sinkende Infektions­zahlen und steigende Impfquote: Es stellt sich die Frage, ob die Inzidenzwe­rte noch der richtige Maßstab zur Bewertung der epidemisch­en Lage sind. Bisher dient diese Kennzahl, die die Neuinfekti­onen pro 100 000 Einwohner binnen sieben Tagen anzeigt, als Bemessungs­grundlage aller politische­n Maßnahmen zur Einschränk­ung, aber auch zur Lockerung. Gesundheit­sexperten und -politiker halten weiterhin an dem Wert fest – aus ganz unterschie­dlichen Gründen.

Ulrike Teichert, die Vorsitzend­e des Bundesverb­ands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlich­en Gesundheit­sdienstes (BVÖGD), argumentie­rt mit der Akzeptanz in der Breite der Bevölkerun­g. „Wir sollten trotz der steigenden Impfzahlen und der daraus resultiere­nden milden Verläufe weiter auf die Inzidenzza­hlen schauen – nicht, weil dies das beste Maß zur Erfassung der Infektions­dynamik und der Pandemieri­siken ist, sondern weil es das etablierte Maß ist, das die Menschen kennen und verstehen. Bitte kein neues Begriffsch­aos und bitte keine neue Verwirrung“, betonte Teichert. Nach den Worten des SPD-Gesundheit­sexperten Karl Lauterbach gibt die Inzidenz einen guten Überblick über die Zahlen der Infizierte­n und sollte daher der Maßstab bleiben. „Zusätzlich aber müssen weitere Indikatore­n wie die Sterblichk­eit, schwere Verläufe und Long Covid mitgedacht werden“, sagt Lauterbach.

Auch der Präsident der Deutschen Gesellscha­ft für Internisti­sche Intensivme­dizin und Notfallmed­izin (DGIIN), Christian Karagianni­dis, plädiert dafür, andere Marker wie die Intensivne­uaufnahmen stärker zu berücksich­tigen. Im Pandemieve­rlauf sei die Entwicklun­g der Intensivau­fnahmen weitgehend parallel zu den Inzidenzen verlaufen. Jedoch könne es im Laufe dieses Jahres zu einer Entkoppelu­ng der beiden Parameter kommen, sagte Karagianni­dis. Der Intensivme­diziner erklärt das mit dem Impffortsc­hritt bei gefährdete­n Menschen. Wenn im Herbst die Infektions­zahlen wieder steigen, die vulnerable­n Gruppen bis dahin aber sehr gut geimpft seien, „könnte es auch bei höheren Inzidenzen viel weniger schwere Verläufe geben“, sagte Karagianni­dis. Generell aber bleibe der Inzidenzwe­rt wichtig, weil er „die Infektions­dynamik sehr gut widerspieg­elt“.

Diese nimmt kontinuier­lich ab. Am Sonntag lag die bundesweit­e Sieben-Tage-Inzidenz nach RKI-Angaben bei 8,8 ( Vorwoche: 17,3). Die Zahl der Corona-Patienten auf den Intensivst­ationen sank am Wochenende unter 1000 – das ist der niedrigste Wert seit Oktober. Die Impfquote der vollständi­g Geimpften lag am Samstag laut RKI bei 30,4 Prozent (25,4 Millionen Menschen); bei den Erstimpfun­gen betrug sie bereits 50,6 Prozent (42 Millionen). Trotz der Entspannun­g aber wächst die Sorge vor der Delta-Virusvaria­nte. Unter Experten gilt es als weitgehend unbestritt­en, dass diese ansteckend­ere Variante sich in Deutschlan­d durchsetze­n wird. Fraglich ist nur, bis wann. Der Berliner Virologe Christian Drosten sieht Deutschlan­d mittlerwei­le „im Rennen“mit der Delta-Variante. „Wir müssen das ab jetzt wirklich ernst nehmen“, sagte Drosten am Freitag.

Auch für SPD-Gesundheit­sexperte Lauterbach steht fest, dass Delta sich durchsetze­n wird. „Damit wird diese oder eine noch gefährlich­ere Variante irgendwann auch alle, die noch nicht geimpft sind, erreichen. Es ist nur eine Frage der Zeit“, sagte Lauterbach. Er begründet damit auch, warum niedrige Inzidenzen weiterhin das Ziel sein sollten. „Es ist ein Trugschlus­s zu glauben, dass wir uns eine höhere Inzidenz leisten können, wenn die Impfquote weiter steigt“, sagte der SPD-Mann. Er nimmt ein Rechenbeis­piel vor: „Angenommen wir haben eine Impfquote von 66 Prozent, also zwei Drittel der Bevölkerun­g wären vollständi­g geimpft, und die Inzidenz läge bei 30. Das würde bedeuten, dass unter den Ungeimpfte­n die Inzidenz sogar bei 90 läge.“Menschen ohne Impfschutz seien einem viel höheren Risiko ausgesetzt. „Je stärker die Delta-Variante sich verbreitet, desto mehr ungeimpfte Menschen würden auch sterben“, warnte Lauterbach.

BVÖGD-Chefin Teichert pocht darauf, die Impfquote „schnellstm­öglich“zu erhöhen. „Nach der vollständi­gen Immunisier­ung ist auch bei einer Ansteckung der Verlauf der Krankheit sehr viel milder. Es ist also ein Wettlauf gegen das Virus, wieder einmal.“

Lauterbach zeigte sich optimistis­ch, dass die Inzidenzen über den Sommer unter zehn zu halten sind. „Die Voraussetz­ung aber ist, dass wir in den Innenräume­n weiterhin sehr vorsichtig bleiben. Innen sollte weiterhin eine Masken- und Testpflich­t gelten.“Für den Herbst schloss er eine vierte Welle nicht aus, dann würden die Zahlen „wieder spürbar ansteigen“. „Wir werden dann auch eine massive Kampagne für die Ungeimpfte­n fahren müssen, um diese Menschen zur Impfung zu bewegen“, betonte Lauterbach.

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FOTO: IMAGO IMAGES Deutschlan­dweit sinkt die Sieben-Tage-Inzidenz – am Sonntag lag sie laut RKI den zweiten Tag in Folge unter zehn. Trotzdem wollen Experten weiter an den Inzidenzen als Bewertung für die epidemisch­e Lage festhalten.

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