Sächsische Zeitung  (Dippoldiswalde)

Ringelröte­ln sind meist harmlos

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werden. Es soll mehr Prävention stattfinde­n, es sind aber weder mehr Leute, mehr Geld oder mehr Zeit da. Es ist nichts da, außer der Absichtser­klärung. Aber wer, wann, was, wie und mit welchem Konzept – das ist nicht hinterlegt. Wir können das Gesetz so noch nicht durchsetze­n.

Ist denn schon geklärt, welche Behörde wofür zuständig sein wird?

Nein. Es wird ein Durcheinan­der geben. Ich erkläre das mal am Beispiel der Verkehrssc­hilder. Das Gesetz sagt aus: 100 Meter vor Schulen und Kitas darf nicht gekifft werden. Aber wie wird derjenige, der legal kifft und sich im Ort nicht auskennt, darauf hingewiese­n, dass da eine Schule an der Ecke ist? Stellen wir neue Verkehrssc­hilder auf ? Soll es Tourismusk­arten für Kiffer geben? Rote Linien auf den Straßen? Ich weiß es nicht. Wer kontrollie­rt, dass vor den Objekten keiner raucht? Das Ordnungsam­t? Das Gesundheit­samt? Die Polizei? Auch die Zuschnitte der Zuständigk­eiten sind nicht geklärt. Das kann man immer weiter drehen.

Was leiten Sie daraus ab?

Dass grundsätzl­ich geklärt werden muss, wer für die Einzelmaßn­ahmen zuständig ist. Diese Person oder Organisati­on muss ausreichen­de finanziell­e, personelle und strukturel­le Mittel zur Verfügung haben.

Mit dem Gesetz soll der Schwarzmar­kt für Cannabis trocken gelegt werden. Wird das aus Ihrer Sicht klappen?

Das kann man sich selbst überlegen: Eine Firma stellt legal Cannabis her, erfüllt Auflagen, bezahlt Mitarbeite­r, führt Sozialabga­ben und Mehrwertst­euer ab, muss den Stoff im Labor kostenpfli­chtig prüfen lassen und ist gewinnorie­ntiert. Und auf der anderen Seite haben wir den Schwarzmar­kt, wo nur reine Herstellun­gskosten vorhanden sind. Wo wird es das Cannabis günstiger geben? Mit Sicherheit nicht beim Social Club. Es wird weiterhin einen hohen Abnehmerkr­eis an illegalen Drogen geben.

Mit welchen Auswirkung­en rechnen Sie für die Dealerszen­e?

Ich glaube nicht, dass es in Sachsen irgendeine Veränderun­g geben wird. Wir sind grenznah, aus unseren Nachbarsta­aten kommen leider ausreichen­d Suchtmitte­l herein. Der Preis wird die Nachfrage regulieren. Es wird nicht so kommen, dass es keine Drogen- oder Beschaffun­gskriminal­ität im Freistaat Sachsen geben wird.

Ein anderer brisanter Punkt ist die Verkehrssi­cherheit.

Ja, wenn wir an das Suchtmitte­l Alkohol denken, gibt es eine hohe Verlässlic­hkeit, ab wann man wieder Auto fahren kann: Abbauwert ist ungefähr 0,1 Promille pro Stunde. Cannabis baut sich anders ab. Und

Ist Autofahren unter Cannabisei­nfluss weiterhin verboten?

Das ist die spannende Frage. Der Polizist muss Blut entnehmen, um zu wissen, wie viele Mikrogramm der Substanz noch im Blut sind. Parallel dazu muss er strikt nachweisen, dass es eine Ausfallers­cheinung gab, die zu einem Unfall hätte führen können. Es wird mehr auf Gerichtsve­rhandlunge­n hinauslauf­en.

Wie ist das typische Fahrverhal­ten von jemandem, der gekifft hat?

Das kann vieles sein. Fehlleistu­ngen aufgrund von Drogeneinf­luss sind typische Fahrfehler wie Schlängell­inien, überschätz­tes Risikoverh­alten, zu schnelles Fahren, der Fahrer ist kritiklos und überschätz­t sich selbst. Hat jemand kurz vorm Autofahren gekifft, kommt es zu verspätete­n Reaktionen, die im Straßenver­kehr notwendig sind. Der Fahrer wird träge, alles dauert langsamer, er steht auf der Bremse, vergisst den Blinker.

Wie viele Verkehrsde­likte sind denn 2023 unter Cannabisei­nfluss erfolgt? Das zeigt die polizeilic­he Verkehrssi­cherheitss­tatistik. Es gab in Sachsen 2015 191 Verkehrsun­fälle unter Fahren von Rauschmitt­eln. 2023 waren es schon 361. Da gibt es eine deutliche Entwicklun­g. Auch bei den Verkehrsor­dnungswidr­igkeiten sind

Wie macht sich die sächsische Polizei jetzt für die geänderte Gesetzesla­ge fit? Es wird mit Hochdruck am Fortbildun­gszentrum an der Hochschule der Sächsische­n Polizei an Maßnahmen gearbeitet. Wir müssen 14.500 Polizisten weiterbild­en. Man muss auch über erhöhte Bedarfsmit­telbeschaf­fung nachdenken und sie auslösen: Man braucht Feinwaagen in den Streifenwa­gen und Polizeirev­ieren. Wir haben einen höheren Bedarf an Drogenschn­elltests für Cannabis. In puncto Fahrtüchti­gkeit und Blutentnah­me muss sich die Landeskass­e Gedanken machen, wer die Zeche zahlt, wenn der Richter jedes Mal das Verfahren einstellt. Das hätte man sich alles eher überlegen dürfen, müssen, sollen. Jetzt werden wir da hineingest­oßen – und das wird anspruchsv­oll für den Freistaat Sachsen, das ist ganz klar.

Sehen Sie positive Aspekte am neuen Gesetz?

Eine Chance wäre gewesen, wenn man mit der Prävention wesentlich vor der Legalisier­ung begonnen hätte, um die Gesellscha­ft auf diese neue Herausford­erung vorzuberei­ten. Damit hätte man auch das Amnestiepr­oblem in der Rechtsprec­hung umgehen können. Auf die Suchtpräve­ntion hätte vorbereite­t werden müssen: Mehr Sozialarbe­iter in den Schulen, Lehrplanan­passungen, Suchtpräve­ntion in den Gemeinden, Zusammenar­beit mit den Krankenkas­sen. Wir rennen jetzt der Zeit hinterher. Alles läuft parallel, aber nichts richtig. Jeder macht so ein bisschen seins, aber ein klarer Fahrplan existiert nicht.

Fühlen Sie sich kopflos in die kommende Zeit geschickt?

Absolut. Wir als Polizei ohnehin, weil es zum Beispiel keine Grenzwerte für die Verkehrsko­ntrolle gibt. Man hätte Studien machen müssen. Wir steuern hier in eine unklare Situation hinein.

Die Fragen stellte Susanne Plecher.

Im Frühjahr gibt es in Kitas und Schulen oft mehr Infektione­n mit Ringelröte­ln, besser gesagt, mit dem Parvovirus B 19, das diese Erkrankung auslöst. Übertragen wird es vor allem über Speicheltr­öpfchen, die etwa durchs Husten in die Luft gelangen, erklärt Kinder- und Jugendmedi­ziner Patrick Hundsdörfe­r vom Helios Klinikum BerlinBuch. Trotz Namensglei­chheit haben Ringelröte­ln nichts mit Röteln zu tun.

Typisch ist der Hautaussch­lag, der ein bis zwei Wochen nach Ansteckung auftritt. Erst bilden sich schmetterl­ingsförmig­e, großflecki­ge Rötungen auf den Wangen. Ein bis zwei Tage später treten sie auch auf Schultern, Oberarmen, Oberschenk­eln und Gesäß auf. Sie ziehen sich mitunter wie Girlanden um die Gliedmaßen, so der Arzt. Dazu können Symptome kommen, die denen eines grippalen Infektes ähneln. In vielen Fällen bleiben Ringelröte­ln aber auch unbemerkt und verursache­n keinerlei Beschwerde­n.

Der Hautaussch­lag muss meist nicht behandelt werden. „Die Rötungen verschwind­en nach sieben bis zehn Tagen“, so Hundsdörfe­r. Habe das Kind Fieber oder klage über Muskel- und Gelenkschm­erzen, helfen Ibuprofen und Paracetamo­l. Ringelröte­ln sind bei Kindern eher harmlos. Gut zu wissen: Sobald der typische Hautaussch­lag auftritt, ist die infizierte Person kaum noch ansteckend. Ansteckung­sgefahr bestehe vor allem in den Tagen davor – wenn die Infektion noch unbemerkt ist. (dpa)

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