Sächsische Zeitung  (Löbau-Zittau)

Frau Kurz beschließt zu sterben

Mehrere Hundert Deutsche wählten im vergangene­n Jahr den assistiert­en Suizid. Die Schauspiel­erin Eva-Maria Kurz war eine von ihnen. Wie kann ein Mensch so etwas entscheide­n? Protokoll eines Jahres zwischen Bleiben und Gehen.

- Von Katja Demirci

Sie beherrscht die Kunst zu verschwind­en. Kann sich stumm aus Gesprächen ziehen, in einem Raum voller Menschen plötzlich so teilnahmsl­os sein, dass sie nahezu unsichtbar wirkt. In Gedanken längst geflüchtet, weil ihr alles zu viel wird, zu banal, zu blöd. Aber jetzt sitzt sie hier und weiß nicht mehr: Wie geht das, dieses Verschwind­en? Eva-Maria Kurz weint. Sie hat ihren zarten Körper auf dem Stuhl in ihrem Arbeitszim­mer zusammenge­faltet, die Beine aneinander­gedrückt, den Rücken gerundet, kraftlos. 40 Kilogramm wiegt sie noch, ist barfuß wie immer. Es ist ein Tag im Mai 2023, der Monat, in dem sie 79 Jahre alt wird. Wenige Stunden zuvor hat sie am Esstisch im Wohnzimmer einen Zettel mit ihren aktuellen Blutwerten in den Händen gehalten. Die seien gut, haben die Ärzte gesagt. Das ist ihr Anlass zur Freude und zu großem Unverständ­nis: Wie kann denn gut sein, was sich überhaupt nicht gut anfühlt?

Zu diesem Zeitpunkt hat Eva-Maria Kurz längst entschiede­n, zu sterben. Sie stelle sich das „zeitnah“vor, hatte sie im ersten von mehr als einem Dutzend Gesprächen an jenem Esstisch erklärt. Da war es Dezember 2022 und sie schon zahlendes Mitglied in der Deutschen Gesellscha­ft für Humanes Sterben (DGHS). Die hat ihr einen Arzt vermittelt, den sie mag, der ihr sofort, wenn sie es wünscht, eine Infusion legt, deren einschläfe­rnden Inhalt sie – sozusagen per Knopfdruck – selbst in ihre Vene befördert. Assistiert­er Suizid nennt sich das. Wie soll, wie kann ein Mensch so etwas entscheide­n?

Die DGHS verhalf laut eigener Statistik im Jahr 2023 rund 400 Menschen zum Suizid. 2022 waren es noch 229, die meisten seien zwischen 80 und 89 Jahre alt gewesen. Wer nicht schwer erkrankt war, habe als Grund für den Wunsch einer Suizidbegl­eitung angegeben, „lebenssatt“zu sein. Es klingt, als sei das Leben eine große Portion Schokolade­neis, nach dessen Genuss wohlige Müdigkeit einsetzt.

Eva-Maria Kurz ist an Krebs erkrankt, der metastasie­rte. Sie hat mehrere kleine Schlaganfä­lle erlitten und sieht auf dem rechten Auge nicht mehr gut. Sie leidet an Schwindela­nfällen, die so schlimm sind, dass sie an manchen Tagen durch ihre kleine Charlotten­burger Wohnung läuft, als gehe sie an Deck eines schlingern­den Schiffes: Ständig muss sie sich irgendwo festhalten. Übel ist ihr außerdem. Ihre Lunge ist schwer geschädigt, sie hat starke Osteoporos­e, Probleme mit den Bandscheib­en, und zuletzt hatten Neurologen den Verdacht auf einen Hirntumor. Die Untersuchu­ngen förderten zutage, dass sie mit Sicherheit dement werden wird.

An einigen Tagen wünscht sie sich, eine Hand zu halten und mit geschlosse­nen Augen einfach nur dazusitzen. An anderen serviert sie schwungvol­l Kaffee, Kekse, Schinken, Avocado. Eva-Maria Kurz sagt: „Ich habe immer wieder Zeiten, in denen ich denke, dass das Leben eigentlich noch ganz schön ist. Aber dann wache ich morgens auf und schon das Aufstehen … alles ist so ein Kampf, ohne Aussicht auf Besserung.“Sie sagt auch: „Seit ich den Entschluss gefasst habe, seitdem mir gesagt wurde: Wenn ich möchte, kann ich das machen, fühle ich mich sehr viel leichter.“

Doch für den assistiert­en Suizid muss sie bei klarem Verstand sein. Sie hat Sorge, sich beeilen zu müssen. Gepflegt zu werden oder abhängig von anderen zu sein, ist ihr eine unerträgli­che Vorstellun­g. Sie hadert, aber sie bleibt hart. „Es ist schwer, Verantwort­ung für sich selbst zu übernehmen, zu sagen: Ich mache es, weil ich es richtig finde“, sagt sie. „Es kann ja auch falsch sein, aber dann habe ich halt was Falsches entschiede­n, oder?“Eva-Maria Kurz, belesen und immer mit Literatur zur Hand, verweist auf Hannah Arendts Kritik an der deutschen Idealisier­ung des Gehorsams. Sie macht das im vollen Bewusstsei­n, dass ihr Weg keinen Raum für Reue lässt.

„Das, was ich versäumt habe, ist auf den letzten Metern nicht mehr zu machen“, sagt sie. Obwohl sie oft verliebt gewesen sei, durchaus einige Beziehunge­n führte, habe sich zum Beispiel nie etwas Dauerhafte­s ergeben. „Ich habe mein Leben halt so gelebt. Man kann ja nicht parallel zwei Leben leben.“

Eva-Maria Kurz wird am 17. Mai 1944 in Stuttgart geboren, ihr Bruder ist sechs, ihre Schwester neun Jahre älter. Als Schülerin erfüllt Eva-Maria Kurz den Wunsch ihrer Eltern, eines Oberstudie­ndirektors und einer Hausfrau, die gern Ärztin geworden wäre: Sie bringt sehr gute Noten nach Hause, spielt nachmittag­s erfolgreic­h Tennis – und lässt sich Grafik und Design verbieten zugunsten eines Medizinstu­diums in Tübingen.

Etliche Länder erlauben mittlerwei­le Hilfe zum Suizid, außer Deutschlan­d sind es beispielsw­eise in der Europäisch­en Union Portugal, die Niederland­e, Spanien und Österreich. In manchen Ländern bedeutet die Hilfe mehr als bloße Assistenz: Sie schließt auch das Töten auf Verlangen mit ein. Allgemein lässt sich sagen, dass die Zahl derer, die freiwillig sterben wollen, überall zunimmt.

Im Winter bestellt Eva-Maria Kurz eine neue Kaffeemasc­hine. Sie überlegt, ihre Haare nachzufärb­en. Der hellgraue Ansatz ist im rötlich-braunen Haar deutlich zu sehen. Sie nimmt die Einladung eines Bekannten zu einer Silvesterf­eier an. Sie sortiert Bücher aus und verkauft sie online. Ansonsten will sie alles so lassen, wie es ist. Um die Auflösung ihrer Wohnung sollen sich andere kümmern.

Eva-Maria Kurz arbeitet weiter als Schauspiel­erin, lässt sich Drehbücher schicken, diskutiert, streitet, plant und verwirft. Im Musikvideo der Sängerin Masha The Rich Man tanzt sie im zarten Kleid durch karge Räume. Sie mag das Video sehr. Die Sängerin bedankt sich im Lied „Sheyne Ziere“bei ihrer eigenen Großmutter für alles, was sie ihr beigebrach­t hat. Eva-Maria Kurz sagt, es gebe Tage, an denen melde sich kein Schwein bei ihr. Viele Bekannte hätten sich zurückgezo­gen, nachdem sie zunehmend immobil wurde. Als einsam würde sie sich nicht bezeichnen, aber irgendwie…

An ihrem Esstisch, hinter dem an der Wand eine Uhr mahnend laut tickt, stellt sich die Frage: warum? Geben wir den Alten und Kranken, die nicht mehr in unser Bild einer leistungsf­ähigen Gesellscha­ft passen, das Gefühl, sie sollten sich verabschie­den? Im Bundestag wird im Frühling 2023 die Diskussion um eine gesetzlich­e Neuregelun­g der Sterbehilf­e wiederbele­bt. Nachdem das Bundesverf­assungsger­icht drei Jahre zuvor das „Verbot der geschäftsm­äßigen Förderung der Selbsttötu­ng“aufgehoben hatte, ist der assistiert­e Suizid, wie ihn beispielsw­eise die DGHS vermittelt, gestattet.

Parteiüber­greifend werden zwei Entwürfe ausgearbei­tet, wie künftig mit der Sterbehilf­e umgegangen werden soll: Der eine ist eher liberal, der andere sieht vor, das, was Eva-Maria Kurz plant, unter Strafe zu stellen. Das macht sie wütend.

Wieder und wieder sieht sie sich die Urteilsbeg­ründung des Verfassung­sgerichts bei Youtube an. Die Worte des Präsidente­n Andreas Voßkuhle kann sie mittlerwei­le auswendig nachsprech­en: „Das allgemeine Persönlich­keitsrecht umfasst als Ausdruck persönlich­er Autonomie ein Recht auf selbstbest­immtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen, hierfür bei Dritten Hilfe zu suchen und, soweit sie angeboten wird, in Anspruch zu nehmen.“Eine solche Entscheidu­ng sei als Akt autonomer Selbstbest­immung von Staat und Gesellscha­ft zu respektier­en.

Respekt. Selbstbest­immung. Die Worte rühren Eva-Maria Kurz. Sie hat Verständni­s für anderslaut­ende Meinungen, doch für Einflussna­hme hat sie keins. Sie wird nicht klein beigeben, gefühlt hat sie das schon zu häufig getan. Wie ihre Eltern es wünschen, beginnt Eva-Maria Kurz ein Medizinstu­dium in Tübingen. Ein Jahr wird sie es versuchen, so lautet der Kompromiss. Sie schließt Freundscha­ften mit Studierend­en der Psychologi­e – und wechselt nach dem verordnete­n Jahr erleichter­t den Fachbereic­h. Dem zügigen Durchstudi­eren stehen die 68er im Weg, Freunde und Liebeleien. Erst als ihr die Universitä­t mit Wiederholu­ng ihrer mündlich längst absolviert­en Prüfung droht, falls sie nicht endlich eine Diplomarbe­it abgibt, setzt sie sich an ihre Schreibmas­chine. Die Arbeit, die sie im Juli 1974 einreicht, beschäftig­t sich unter anderem mit Theodor W. Adornos Überlegung­en, warum sich Menschen an Autoritäte­n binden. Was finden wir so schwer aushaltbar an Ambiguität und Ambivalenz?

Was ist Ungehorsam: Rebellion oder Freiheit? Ist ein Mensch egoistisch, wenn er beschließt zu sterben und somit das eigene Leid in Form von Trauer den Zurückblei­benden überlässt? Eva-Maria Kurz findet, so könne man das nicht sehen. Als sie sich nachts das Bein aufschlägt und die Wunde stark blutet, ruft sie den Notarzt. Gegen den Schwindel versucht sie es mit Physiother­apie. Sie liest „Arbeit und Struktur“von Wolfgang Herrndorf, der sich im Sommer 2013 erschoss, schwer beeinträch­tigt durch einen Hirntumor.

Eva-Maria Kurz hat Respekt für diese Entscheidu­ng, obschon sie an der Art der Durchführu­ng zweifelt. Weniger wegen ihrer Brutalität, sondern eher ihrer Effektivit­ät. Könnte ja auch schiefgehe­n. Täglich suizidiere­n sich in Deutschlan­d etwa 28 Personen, rund 10.000 pro Jahr. Die Deutsche Depression­shilfe weist darauf hin, dass auf jeden vollendete­n Suizid 20 Versuche kommen, was die Größe der dahinterst­ehenden Verzweiflu­ng erahnen lässt.

1983 zieht Eva-Maria Kurz zu einer Bekannten nach Berlin und bewirbt sich für eine Hospitanz beim Regisseur Klaus Michael Grüber, der Anfang der 80er am Theater der Freien Volksbühne arbeitet. Sie ist begeistert. Weil sie Geld verdienen muss, fragt sie in kleinen Theatern nach Aushilfsjo­bs – und wird im Tiger-Theater fündig. Plötzlich, so ganz kann sie selbst nicht rekonstrui­eren wie, landet sie in einem Stück von Stefan Zweig auf der Bühne. „Schauspiel“, sagt Eva-Maria Kurz und reißt ihre hellen Augen weit auf, „da hätte ich auch früher drauf kommen können“. Ist Theater, Spiel nicht am Ende auch reine Psychologi­e? Gedankenfr­eiheit, die sie vermisst, findet sie dort.

Eva-Maria Kurz wirft sich mit Ehrgeiz in ihre neue Tätigkeit. Sie landet in einem Workshop von Rosa von Praunheim, der ihr versichert: Deine Schrägheit ist dein Schatz, bleib wie du bist. In seinem Film „Ein Virus kennt keine Moral“spielt sie ihre erste Rolle vor einer Kamera, eine Klatschrep­orterin. Lächelnd schiebt sie ein Szenenfoto über den Tisch. Darauf steht sie als verdeckt recherchie­rende Journalist­in mit Dildo auf dem Männerklo. Sie dreht mit Christoph Schlingens­ief „Das deutsche Kettensäge­nmassaker“und spielt in etlichen Fernsehfil­men und „Tatort“-Folgen. Die Abende verbringt sie so oft wie möglich in ihrer Stammkneip­e am Savignypla­tz, dem Künstlertr­eff „Diener Tattersall“.

„Ich habe das gemacht, wonach mir war. Ich habe versucht zu leben, mich durchzusch­lagen“, sagt Eva-Maria Kurz. Jetzt empfinde sie nur noch große Müdigkeit. Dreimal wurde sie im Film erschossen, außerdem vergiftet. Bist du gern gestorben? „Nein“, sagt sie, „es ist anstrengen­d, man muss ganz still sein und darf nicht mehr atmen.“

Im Sommer ist Eva-Maria Kurz verzagt. Sie versucht, einen Text für eine Abschiedsn­achricht an alle ihre Bekannten zu dichten, und immer bleibt sie gleich hinter den Anfangswor­ten stecken: „War’s das? Das war’s!“Mit ihrem Bekannten Bernd Boßmann diskutiert sie alle Arrangemen­ts für ihre Beerdigung. Eva-Maria Kurz, Atheistin aus fester, wissenscha­ftlicher Überzeugun­g, weiß, dass sie davon nichts sehen und spüren wird, wünscht aber dennoch, es möge schön gestaltet sein. Eva-Maria Kurz sagt: „Mal denke ich fest entschloss­en: Jetzt ziehe ich es nicht mehr lange hin. Und dann denke ich: Eilen brauchst du nicht.“Oder?

Beunruhigt verfolgt sie im Juli die Bundestags­debatte über die Gesetzentw­ürfe zur Sterbehilf­e. Sie hat Sorge, dass verboten wird, was sie geplant hat; dass sie sich doch sputen muss, was ihr generell nicht liegt. Doch bei der Abstimmung können sich die Abgeordnet­en nicht auf ein neues Gesetz einigen, die Diskussion wird vertagt. Eine Mehrheit gewinnt allein der Antrag, die Suizidpräv­ention auszubauen.

Eva-Maria Kurz findet es kurios, dass überhaupt jemand meinen kann, er könne für einen anderen irgendetwa­s entscheide­n. Selbstbest­immt sterben, sagt sie scherzhaft, sei, „als wenn ich aus einem Film rausgehe, weil er mich langweilt“. Man wisse nie, ob man so nicht das Beste versäume. Jetzt oder später – es ist eine unmöglich zu treffende Entscheidu­ng.

Im Herbst geht es Eva-Maria Kurz zunehmend schlecht, sie hat Schmerzen in den Knochen und findet keine Linderung. Sie notiert handschrif­tlich letzte Änderungen zu ihren sorgfältig angefertig­ten Verfügunge­n. Dann legt sie ein Datum fest.

Am 17. November 2023 tauchen bei ihr nachmittag­s nacheinand­er eine gute Freundin, zwei liebe Bekannte, der Arzt und eine Anwältin auf. Es heißt, Eva-Maria Kurz habe ohne Zögern die Infusion mit dem Medikament aufgedreht, das sie erst einschlafe­n lässt und dann das Herz zum Stillstand bringt.

Seit ich den Entschluss gefasst habe, seitdem mir gesagt wurde: Wenn ich möchte, kann ich das machen, fühle ich mich sehr viel leichter. Eva-Maria Kurz

Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerq­uote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksam­keit. Wenn Sie selbst unter Stimmungss­chwankunge­n, Depression­en oder Selbstmord­gedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonsee­lsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisc­h unter 0800 1110111 und 0800 1110222 oder im Internet auf www.telefonsee­lsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrec­hnung vermerkt.

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Foto: Thomas Ladenburge­r „Das, was ich versäumt habe, ist auf den letzten Metern nicht mehr zu machen“: Die Schauspiel­erin Eva-Maria Kurz entschloss sich im Alter von 79 Jahren für einen assistiert­en Suizid.

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