440 000 Fach­kräf­te feh­len

Man­gel kos­tet Wirt­schaft jähr­lich 30 Mil­li­ar­den Eu­ro

Schwaebische Zeitung (Alb-Donau) - - ERSTE SEITE - Von Brigitte Schol­tes und Andre­as Her­holz

DÜS­SEL­DORF/BERLIN (AFP/her) Der Fach­kräf­te­man­gel in Deutsch­land hemmt nach Ein­schät­zung von Wirt­schafts­ex­per­ten das Wachs­tum. Könn­ten deut­sche Fir­men die­sen Man­gel de­cken, „wür­de die Wirt­schafts­leis­tung in Deutsch­land um bis zu 0,9 Pro­zent oder rund 30 Mil­li­ar­den Eu­ro hö­her aus­fal­len“, heißt es in ei­ner am Mon­tag ver­öf­fent­lich­ten Stu­die des In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft (IW). Dem­nach fehl­ten 2017 rund 440 000 Fach­kräf­te, ei­ne Zahl, die seit Jah­ren ste­tig an­steigt. Im Jahr 2011 la­gen die Fach­kräf­teen­g­päs­se noch bei gut 152 000 Stel­len. Der Fach­kräf­te­man­gel sei ein Grund für nied­ri­ge Un­ter­neh­mens­in­ves­ti­tio­nen und über­las­te­te Ka­pa­zi­tä­ten.

IW-Chef Micha­el Hüt­her for­der­te des­halb im Ge­spräch mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“: „Wir brau­chen die Ren­te mit 70. Es muss auch ei­ne ge­ziel­te Ein­wan­de­rung ge­ben, um den Be­darf nach Fach­kräf­ten des Ar­beits­mark­tes zu de­cken.“

FRANKFURT - Der Fach­kräf­te­man­gel in der deut­schen Wirt­schaft wird all­mäh­lich zur Wachs­tums­brem­se. Ak­tu­ell fehl­ten et­wa 440 000 qua­li­fi­zier­te Ar­beits­kräf­te, heißt es in ei­ner ak­tu­el­len Stu­die des Köl­ner In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft (IW). Die­se Eng­päs­se sei­en, das ha­ben Um­fra­gen bei Un­ter­neh­men er­ge­ben, ein wich­ti­ger Grund für nied­ri­ge­re In­ves­ti­tio­nen und über­las­te­te Ka­pa­zi­tä­ten. „Wenn deut­sche Un­ter­neh­men die­sen Fach­kräf­te­be­darf de­cken könn­ten, wür­de die Wirt­schafts­leis­tung in Deutsch­land um bis zu 0,9 Pro­zent oder rund 30 Mil­li­ar­den Eu­ro hö­her aus­fal­len“, rech­nen die For­scher des IW vor.

Der Stu­die lie­gen Da­ten der Bun­des­agen­tur für Ar­beit zu­grun­de und die An­nah­me, dass den Ar­beits­agen­tu­ren nur je­de zwei­te of­fe­ne Stel­le ge­mel­det wird. Die­se Zahl ha­ben die IW-For­scher hoch­ge­rech­net, um die tat­säch­li­che Nach­fra­ge nach Ar­beits­kräf­ten zu be­stim­men. „Selbst wenn Fir­men je­den pas­send qua­li­fi­zier­ten Ar­beits­lo­sen in Deutsch­land ein­stel­len wür­den, ver­blie­ben of­fe­ne Stel­len, die nicht ad­äquat be­setzt wer­den könn­ten“, heißt es in der Stu­die. Das sei­en im ver­gan­ge­nen Jahr 440 000 ge­we­sen, 2011 wa­ren es le­dig­lich 152 000. Mit ei­nem ähn­li­chen Be­fund war­te­te jüngst der Deut­sche In­dus­trie­und Han­dels­kam­mer­tag (DIHK) auf, der in sei­nem Ar­beits­markt­re­port 24 000 Be­trie­be zu dem The­ma be­fragt hat­te: Die In­ter­es­sen­ver­tre­tung der deut­schen Wirt­schaft kommt da­bei zu dem Schluss, dass in­zwi­schen et­wa 1,6 Mil­lio­nen Stel­len auf län­ge­re Sicht nicht be­setzt wer­den kön­nen.

Ruf nach Ein­wan­de­rungs­ge­setz

Um das Pro­blem an­zu­ge­hen, will die Bun­des­re­gie­rung ver­mehrt qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te nach Deutsch­land lo­cken. Das be­grüßt Micha­el Hüt­her, Di­rek­tor des IW: „In der lau­fen­den Le­gis­la­tur­pe­ri­ode muss ein ent­spre­chen­des Ein­wan­de­rungs­ge­setz an­ge­strebt wer­den“, sagt der Öko­nom, denn ei­ne qua­li­fi­zier­te Zu­wan­de­rung leis­te ei­nen Bei­trag, die Fach­kräf­teen­g­päs­se zu be­kämp­fen.

Der Blick zu­rück zeigt, dass Deutsch­land oh­ne Zu­wan­de­rer schlech­ter da­stün­de. Nach Er­he­bun­gen des IW sei die Zahl der so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig Be­schäf­tig­ten in der Bun­des­re­pu­blik zwi­schen 2012 und 2017 um knapp 2,9 Mil­lio­nen ge­stie­gen – dar­un­ter wa­ren fast 1,3 Mil­lio­nen Aus­län­der. Von de­nen wie­der­um ka­men knapp 890 000 aus der EU, der Rest aus Dritt­staa­ten.

Der Be­darf an qua­li­fi­zier­ten Be­schäf­tig­ten nimmt je­doch wei­ter zu. Denn in den nächs­ten Jah­ren wer­den die ge­bur­ten­star­ken Jahr­gän­ge 1955 bis 1969 ver­mehrt in Ren­te ge­hen – das aber nicht nur in Deutsch­land, son­dern auch in an­de­ren EU-Län­dern. Was wie­der­um be­deu­tet, dass Deutsch­land mehr Zu­wan­de­rer aus den so­ge­nann­ten Dritt­staa­ten an­wer­ben muss. Aus der Flücht­lings­zu­wan­de­rung der ver­gan­ge­nen Jah­re lie­ßen sich nur zu ei­nem Teil die Fach­kräf­te ge­win­nen, die die deut­sche Wirt­schaft so drin­gend be­nö­ti­ge, meint IW-For­scher Wido Geis.

Be­son­ders pre­kär ist die Si­tua­ti­on vor al­lem bei In­for­ma­ti­kern, Tech­ni­kern und Na­tur­wis­sen­schaft­lern. Die müss­ten laut Geis ge­zielt an­ge­wor­ben wer­den. Doch da­für müss­ten zum ei­nen die Kri­te­ri­en für die Ver­ga­be von Auf­ent­halts­ti­teln trans­pa­ren­ter und bes­ser nach­voll­zieh­bar ge­stal­tet wer­den. Zur Zeit ge­be es vie­le ver­schie­de­ne Zu­gangs­we­ge für hoch­qua­li­fi­zier­te Er­werbs­tä­ti­ge mit sehr un­ter­schied­li­chen Ver­ga­be­kri­te­ri­en – und die lie­ßen gro­ße In­ter­pre­ta­ti­ons­spiel­räu­me, sagt Geis. Des­halb wüss­ten we­der in­ter­es­sier­te Men­schen aus dem Aus­land noch die Un­ter­neh­men, wie sie da­mit um­zu­ge­hen hät­ten.

Zum an­de­ren soll­ten vor al­lem jun­ge Men­schen mit Grund­qua­li­fi­ka­tio­nen ge­won­nen wer­den. Die­se könn­ten an deut­schen Uni­ver­si­tä­ten aus­ge­bil­det und dann hier be­schäf­tigt wer­den. Geis führ­te als Bei­spiel die rund 10 600 chi­ne­si­schen Aka­de­mi­ker an, die 2014 in Deutsch­land ge­lebt ha­ben. Die­se sei­en zum Stu­di­um ins Land ge­kom­men, hät­ten ih­ren Ab­schluss zwi­schen 2009 und 2014 ge­macht und da­nach ei­ne An­stel­lung ge­fun­den.

Wachs­tum könn­te stär­ker sein

IW-Chef Hüt­her rech­net trotz der lau­ter wer­den­den Kla­gen der Wirt­schaft über den Fach­kräf­te­man­gel für das lau­fen­de und das nächs­te Jahr mit ei­nem Wachs­tum des Brut­to­in­lands­pro­dukts um zwei Pro­zent. Grund da­für sei­en die gut ge­füll­ten Auf­trags­bü­cher und die ro­bus­te Welt­wirt­schaft. Hüt­her zu­fol­ge könn­te das Wachs­tum aber noch stär­ker sein.

Zu­dem las­se die Stim­mung lang­sam nach. Es ge­be ver­schie­de­ne Ri­si­ko­fak­to­ren, die je­der für sich das Po­ten­zi­al für ei­ne Wirt­schafts­kri­se hät­ten – an­ge­fan­gen von Chi­na und sei­ner ho­hen Ver­schul­dung bis hin zum Br­ex­it, der mit Kol­la­te­ral­schä­den ver­bun­den sein wer­de. „Auf­ga­be der Po­li­tik wä­re es jetzt, den Wachs­tums­pro­zess zu sta­bi­li­sie­ren“, sagt Hüt­her. Es müs­se end­lich mehr in die In­fra­struk­tur in­ves­tiert und das Frei­han­dels­ab­kom­men Ceta ver­ab­schie­det wer­den. Das wä­re ein wich­ti­ges Si­gnal.

FO­TO: DPA

Mon­ta­ge­ar­bei­ten an ei­nem Die­sel­mo­tor: Ei­ner Stu­die des Köl­ner In­sti­tuts der deut­schen Wirt­schaft zu­fol­ge feh­len hier­zu­lan­de ak­tu­ell et­wa 440 000 qua­li­fi­zier­te Ar­beits­kräf­te.

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