Po­grom­nacht: Ge­den­ken an jü­di­schen Tex­til­un­ter­neh­mer

Laichin­ger Fa­mi­lie von na­tio­nal­so­zia­lis­ti­scher Ver­fol­gung be­trof­fen – Flucht, Tod und die neue Hei­mat Ame­ri­ka

Schwaebische Zeitung (Alb-Donau) - - LAICHINGEN - Von Chris­tia­ne Schmelz­kopf

LAICHINGEN - Am 9./10. No­vem­ber jährt sich zum 80. Mal die Po­grom­nacht von 1938, in der von or­ga­ni­sier­ten SA-Trupps fast al­le jü­di­schen Got­tes­häu­ser Deutsch­lands ver­wüs­tet und ver­brannt wur­den und eben­so jü­di­sche Pri­vat­woh­nun­gen und Ge­schäf­te dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Hass und Zer­stö­rungs­wahn zu Op­fer fie­len. Als am 10. No­vem­ber al­ler­orts die jü­di­schen Män­ner in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­bracht und miss­han­delt wur­den, war dies auch das Schick­sal des Be­sit­zers der Laichin­ger Tra­di­ti­ons­fir­ma Kahn, Al­fred Ru­dolf Kahn.

Die­ser hat­te sei­nen Wohn­sitz in­zwi­schen ganz in Stutt­gart, nach­dem er in Laichingen ge­zwun­gen wor­den war, sei­ne vom Va­ter und Groß­va­ter über­nom­me­ne Fir­ma, die „Mecha­ni­sche Lei­nen­we­be­rei Laichingen“, zum Schleu­der­preis an ei­nen Na­ziPar­tei treu­en In­ter­es­sen­ten zu ver­kau­fen.

In sei­nen Er­in­ne­run­gen, die 2010 in Stutt­gart mit dem Ti­tel „In der Höh­le des Lö­wen“un­ter sei­nem nach der ret­ten­den Flucht in die USA an­ge­nom­me­nen Na­men Al­fred R. Kand­ler er­schie­nen, be­schreibt er, wie er am 10. No­vem­ber, dem Ge­burts­tag sei­ner Frau Gre­te, mor­gens früh aus dem Bett ge­klin­gelt wur­de, mit dem Be­fehl, sich zum Ab­trans­port ins Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Dach­au fer­tig zu ma­chen, und wie er auf dem Sam­mel­platz der Stutt­gar­ter Ju­den sei­nen al­ten Va­ter wie­der­trifft. Er schreibt über die Quä­le­rei­en sa­dis­ti­scher Ge­fäng­nis­wär­ter, Hun­ger und De­mü­ti­gun­gen in die­sen Wo­chen, die er ei­nen „der de­mü­ti­gends­ten Ab­schnit­te mei­nes Le­bens“nennt.

Nach die­sem Po­grom vom 9./10. No­vem­ber, das in der gan­zen Welt Ent­set­zen über die un­ver­gleich­li­che Schan­de für Deutsch­land und das En­de al­ler mensch­li­chen Zi­vi­li­sa­ti­on in die­sem Land her­vor­rief, öff­ne­te En­g­land sei­ne Gren­ze für ei­ne gro­ße An­zahl von jü­di­schen Kin­dern, die mit den so­ge­nann­ten „Kin­der­trans­por­ten“, von ih­ren El­tern ge­trennt, ein­rei­sen durf­ten, wäh­rend sich jü­di­sche Er­wach­se­ne vor den Kon­su­la­ten ge­sit­te­ter aus­län­di­scher Staa­ten dräng­ten, um ih­re Aus­wan­de­rung zu be­trei­ben – so auch das Ehe­paar Kahn nach Al­f­reds schließ­lich er­folg­ter Ent­las­sung aus Dach­au. Schwe­ren Her­zens hat­ten sie sich ent­schlos­sen, ih­re bei­den Söh­ne, sechs und neun Jah­re alt, mit dem Kin­der­trans­port nach En­g­land zu schi­cken.

Stol­per­stein in Stutt­gart

Dass spä­ter bei­den El­tern die Flucht in die USA ge­lang, wo sie nach fünf Jah­ren der Tren­nung auch ih­re Kin­der wie­der bei sich auf­neh­men konn­ten, war ei­ne re­la­tiv glück­li­che Wen­dung – der al­te Va­ter Paul Kahn hat­te die­ses Glück nicht; er starb 1942 im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger The­re­si­en­stadt. Für ihn wur­de in Stutt­gart 2010 ein Stol­per­stein ver­legt – ein An­lass, zu dem auch sein nun hoch­be­tag­ter Sohn Hen­ry Kand­ler an­reis­te. Dass die­ser dann im Jah­re 2013 zu­sam­men mit sei­ner Fa­mi­lie auch ei­ne Ein­la­dung der Stadt Laichingen an­nahm und sich be­reit er­klär­te, auch vor Schü­lern über sein Le­ben zu spre­chen, ha­ben vie­le Laichin­ger Bür­ge­rin­nen und Bür­ger noch in dank­ba­rer Er­in­ne­rung.

In Laichingen gibt es in die­sem Jahr zwar kei­ne Ge­denk­ver­an­stal­tung am 9./10. No­vem­ber. Den­noch soll zu ei­nem spä­te­ren Zeit­punkt ei­ne Ver­an­stal­tung da­zu die­nen, zum Nach­den­ken über die Si­tua­ti­on heu­te in Deutsch­land le­ben­der Ju­den und ih­rer Be­dro­hung durch den wach­sen­den An­ti­se­mi­tis­mus an­zu­re­gen – nicht un­wich­tig in ei­ner Zeit, in der ein Ber­li­ner Po­li­ti­ker sich nicht scheut, die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen an den Ju­den als „Vo­gel­schiss“in der Ge­schich­te Deutsch­lands zu be­zeich­nen.

So soll am Sams­tag, 24. No­vem­ber, um 16.30 im Al­ten Rat­haus der Spiel­film „Kad­disch für ei­nen Freund“ge­zeigt wer­den, ein Film, in dem es um die heu­ti­ge Be­dro­hung von Ju­den geht, der je­doch auch zeigt, wie durch per­sön­li­che Be­geg­nung ein Wan­del von blo­ßem Hass in freund­schaft­li­che Ko­ope­ra­ti­on mög­lich wird, und der auch für Ju­gend­li­che gut ge­eig­net ist. Nä­he­res da­zu folgt in den nächs­ten Wo­chen.

FO­TO: PR

Das Ehe­paar Gre­te und Al­fred Kand­ler (ehe­mals Kahn).

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