Zu vie­le se­xu­el­le Be­geg­nun­gen

Haft­stra­fe für ehe­ma­li­gen Di­rek­tor der Münch­ner Mu­sik­hoch­schu­le we­gen se­xu­el­ler Nö­ti­gung in drei Fäl­len

Schwaebische Zeitung (Bad Saulgau) - - SEITE DREI - Von We­ra En­gel­hardt

MÜN­CHEN (dpa) - Dass er Feh­ler ge­macht hat, gibt er zu. Es ha­be in sei­nem Le­ben vie­le, zu vie­le se­xu­el­le Be­geg­nun­gen ge­ge­ben. U nd er ha­be da­bei nicht ge­trennt zwi­schen Be­ruf und sei­nem pri­va­ten Le­ben. Doch er ha­be Frau­en nie zu Din­gen ge­zwun­gen, die sie nicht woll­ten, be­teu­ert der 63-jäh­ri­ge frü­he­re Di­rek­tor der Münch­ner Mu­sik­hoch­schu­le am Mitt­woch vor Ge­richt. Es sind sei­ne letz­ten Wor­te, be­vor im Pro­zess um se­xu­el­le Über­grif­fe am Münch­ner Land­ge­richt das Ur­teil ge­gen ihn ver­kün­det wird.

Ge­gen den Mann wird ei­ne Haft­stra­fe von zwei Jah­ren und neun Mo­na­ten ver­hängt – we­gen se­xu­el­ler Nö­ti­gung in drei Fäl­len. Die Straf­kam­mer sieht es am En­de ei­nes lan­gen letz­ten Ver­hand­lungs­tags als er­wie­sen an, dass er ei­ne Frau bei drei Be­wer­bungs­ge­sprä­chen zwi­schen 2007 und 2013 se­xu­ell ge­nö­tigt hat – mit Be­rüh­run­gen und Küs­sen.

Die Staats­an­walt­schaft hat­te dem 63-Jäh­ri­gen zu­dem vor­ge­wor­fen, ei­ne an­de­re Frau im Jahr 2004 in sei­nem Bü­ro ver­ge­wal­tigt zu ha­ben. Von die­sem Vor­wurf wird er frei­ge­spro­chen. Mit letz­ter Si­cher­heit ha­be man nicht fest­stel­len kön­nen, dass der Sex ge­gen den Wil­len der Frau er­folg­te, er­klärt die Vor­sit­zen­de Rich­te­rin Ju­dith En­gel.

Nach dem al­ten Se­xu­al­straf­recht, das in die­sem Fall noch greift, lag ei­ne Ver­ge­wal­ti­gung dann vor, wenn ein Tä­ter Ge­walt an­wen­de­te oder mit Ge­walt droh­te, um se­xu­el­le Hand­lun­gen aus­füh­ren zu kön­nen. Heu­te da­ge­gen gilt der Grund­satz „Nein heißt Nein“: Ent­schei­dend ist, dass das Op­fer die se­xu­el­le Handlung nicht ge­wollt hat.

Es ist ein Fall, der in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten ho­he Wel­len ge­schla­gen hat. In ei­ner Zeit al­so, in der seit den Vor­wür­fen ge­gen den Hol­ly­wood-Pro­du­zen­ten Har­vey Wein­stein viel über se­xu­el­le Be­läs­ti­gung und Ver­ge­wal­ti­gung dis­ku­tiert wird und Frau­en welt­weit ih­re Er­fah­run­gen mit Über­grif­fen öf­fent­lich ge­macht ha­ben – in der #MeToo-De­bat­te.

So wie die bei­den Frau­en, die als Ne­ben­klä­ge­rin­nen in dem Pro­zess in Mün­chen auf­tre­ten. Und sie sind nicht die ers­ten, die sol­che An­schul­di­gun­gen ge­gen den 63-Jäh­ri­gen er­ho­ben ha­ben. Der Mann war be­reits im April 2017 we­gen se­xu­el­ler Nö­ti­gung ei­ner Pro­fes­so­rin in zwei­ter In­stanz zu neun Mo­na­ten Haft auf Be­wäh­rung ver­ur­teilt wor­den. Laut Ur­teil hat­te er die Frau in zwei Fäl­len se­xu­ell be­drängt. Der Fall liegt der­zeit beim Ober­lan­des­ge­richt.

Die Ver­tei­di­ger for­dern am Mitt­woch Frei­spruch für ih­ren Man­dan­ten, der im dun­kel­blau­en An­zug und mit ak­ku­rat ra­sier­tem Bart vor Ge­richt er­schie­nen ist. Es ge­be kei­ne Be­wei­se, die die Aus­füh­run­gen des 63-Jäh­ri­gen wie­der­leg­ten – Aus­sa­ge ste­he ge­gen Aus­sa­ge. Sie spre­chen von ei­nem „Kli­ma der Denun­zia­ti­on im Um­feld der Hoch­schu­le“. Zeu­gen hät­ten sich in Wi­der­sprü­che ver­strickt und wüss­ten vie­les nur vom Hö­rensagen. Nach dem Ur­teil kün­di­gen die Ver­tei­di­ger an, Re­vi­si­on ein­zu­le­gen.

Die An­kla­ge­be­hör­de da­ge­gen zwei­felt nicht an den Aus­sa­gen der bei­den Op­fer. Da sie ein­an­der nicht ge­kannt hät­ten, sei aus­ge­schlos­sen, dass es sich um ei­ne In­tri­ge han­deln kön­ne, ar­gu­men­tiert Staats­an­wäl­tin El­ke Bö­nisch. Der An­ge­klag­te selbst sieht in den Vor­wür­fen vor al­lem ei­ner der bei­den Frau­en ent­täusch­te Hoff­nun­gen auf ei­nen Job – und auf ei­ne mög­li­che Be­zie­hung. Nun, da sein „al­ter Sta­tus Ver­gan­gen­heit“sei, gin­ge es ihm nur noch um sei­nen „see­li­schen und exis­ten­zi­el­len Frie­den“, er­klärt er in sei­nem Schluss­wort noch.

FO­TO: DPA

Der frü­he­re Prä­si­dent der Münch­ner Mu­sik­hoch­schu­le mit sei­nen An­wäl­ten vor dem Land­ge­richt.

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