In­selhop­ping auf nord­frie­si­sche Art

Am­rum, Föhr und Sylt – drei Schwes­tern mit un­ter­schied­li­chen Rei­zen

Schwaebische Zeitung (Bad Saulgau) - - REISE & ERHOLUNG - Von Chris­tia­ne Pötsch-Rit­ter www.nord­see­tou­ris­mus.de

Der Na­tio­nal­park-Watt­füh­rer Dark Blo­me ge­hört zu den Am­ru­mern, die nach län­ge­rer Ab­we­sen­heit ir­gend­wann wie­der heim­ge­kehrt sind auf ih­re In­sel. Weil ihm die Welt da drau­ßen zu groß war oder zu klein, so ge­nau sagt er das nicht. Aber man ver­steht ihn auch so nur zu gut. Zu­mal, wenn man das ei­gen­tüm­lich schö­ne Ei­land vor der nord­frie­si­schen Küs­te schon nach drei Ta­gen wie­der ver­las­sen muss. Man fragt sich kurz, ob In­selhop­ping in dem Fall tat­säch­lich ei­ne gu­te Idee war. Ob­wohl das an­de­rer­seits auch wie­der ein biss­chen un­ge­recht ist mit Blick auf Föhr und Sylt, die bei­den Schwes­tern im Nor­den, die auch noch auf dem Rei­se­plan ste­hen und, wie sich schnell her­aus­stel­len wird, auf ih­re Art nicht min­der reiz­voll sind und sich mäch­tig ins Zeug le­gen für ih­re Gäs­te.

Wenn das Ge­fühl der Weh­mut beim Ab­schied von Am­rum bald Rich­tung freu­di­ge Er­war­tung kippt, ist das Dark Blo­me zu ver­dan­ken, der es über­nom­men hat, ei­nen auf dem Weg nach Föhr zu be­glei­ten. Ob­wohl sei­ne Watt­wan­de­rung ei­gent­lich et­was für Ta­ges­aus­flüg­ler ist. Die nut­zen die Zeit auf Föhr ger­ne für ei­nen Bum­mel durch die Gas­sen von Wyk oder ei­nen Be­such im his­to­ri­schen Dr.-Carl-Hä­ber­lin-Frie­sen-Mu­se­um, be­vor sie zu­rück­keh­ren in ihr Am­ru­mer Ur­laubs­quar­tier.

Schau­spiel der ein­bre­chen­den Flut

Dark Blo­me bie­tet die Tour auch in um­ge­kehr­ter Rich­tung an. Mitt­ler­wei­le so­gar im Win­ter, dann stat­tet er die Leu­te mit brust­ho­hen Wa­tho­sen aus. „Wo sonst auf der Welt kann man stun­den­lang auf dem Mee­res­bo­den wan­dern“, fragt er, be­vor er los­zieht, um ei­nem mit der Gr­ab­har­ke in der Hand auf denk­bar un­ter­halt­sa­me Wei­se die Welt zu er­klä­ren und wie al­les mit al­lem zu­sam­men­hängt. Eb­be und Flut und das Le­ben im end­los schei­nen­den Wat­ten­meer, das ein ei­ge­ner Kos­mos ist mit sei­nen Aber­tau­sen­den Ar­ten von Be­woh­nern und Gäs­ten auf Zeit. Zum Bei­spiel der Knutt, der hier für zwei bis drei Wo­chen auf Nah­rungs­su­che geht und der­weil sein Ge­wicht ver­dop­pelt von 100 auf gut 200 Gramm, um die 4500 Ki­lo­me­ter schnur­stracks in sein Brut­ge­biet in Si­bi­ri­en zu flie­gen – in drei Ta­gen non­stop. Die bar­fü­ßi­gen Wan­de­rer be­we­gen sich ver­gleichs­wei­se ge­mäch­lich in ei­nem zehn Ki­lo­me­ter wei­ten Bo­gen, woh­lig um­spült von Sand und Schlick und mit­un­ter knie­ho­hen Prie­len, bis zum Deich vor Dun­sum auf Föhr. Dark Blo­me hat es so ein­ge­rich­tet, dass sie dort nach gut vier St­un­den das Schau­spiel der ein­bre­chen­den Flut er­war­tet. Und der Bus, der vie­le glück­li­che Am­ru­mer Ta­ges­aus­flüg­ler zur Fäh­re zu­rück nach Witt­dün bringt.

Wie dort im „Ge­wo­ge der Witt­dü­ner Dü­nen“En­de des 19. Jahr­hun­derts in nur we­ni­gen Jah­ren ein quir­li­ger Ba­de­ort ent­stand, lässt man sich am bes­ten von Ge­org Que­dens aus Nord­dorf er­zäh­len: Fo­to­graf, Au­tor, Na­turund Hei­mat­for­scher so­wie Uren­kel des ge­wief­ten Strand­vogts Vol­ker Que­dens. Der hat­te sich 1889 die Ba­de­kon­zes­si­on für prak­tisch die ge­sam­te Am­ru­mer Süd­spit­ze ge­si­chert und das ers­te Ho­tel ge­baut. Witt­dün als Ein­gangs­tor zu der 2300-Ein­woh­ner-In­sel hat heu­te ein klein­städ­ti­sches Flair. Sei­ne einst­mals prä­gen­de Ju­gend­stil­ar­chi­tek­tur kann man seit den 1960er-Jah­ren nur noch in Ge­org Que­dens’ Di­a­samm­lung be­wun­dern. Die et­was aus der Zeit ge­fal­le­nen Licht­bil­der­vor­trä­ge des knor­ri­gen Frie­sen sind jetzt Kult, weil weit mehr als ein klas­si­sches Al­ter­na­tiv­pro­gramm für ver­reg­ne­te Ur­laubs­ta­ge. Sein kri­ti­scher, hu­mor­vol­ler Blick auf die wech­sel­vol­le, aben­teu­er­li­che In­sel­ge­schich­te ist ein Ge­schenk für je­den Gast, der sich ge­ra­de erst in Am­rum ver­liebt hat – und sich fragt war­um.

Bei der Su­che nach ei­ner Ant­wort ist auch Hen­ning Vol­mer be­hilf­lich, der jun­ge Bio­lo­ge und Chef des Na­tur­schutz­zen­trums in Nord­dorf. Als Kind hat er fast all sei­ne Fe­ri­en auf der In­sel ver­bracht, spä­ter als Zi­vi hier ge­ar­bei­tet. Er fin­det, es ist ein gu­ter Ort, um aus Gäs­ten „na­tur­sen­si­ble Ur­lau­ber“zu ma­chen, ganz im Sin­ne von Kon­rad Lo­renz sagt er: „Man schützt nur, was man liebt, und man liebt nur, was man kennt.“Das bes­te Bei­spiel: die fast al­pin an­mu­ten­de Dü­nen­land­schaft mit ih­rer ein­zig­ar­ti­gen Tier- und Pflan­zen­welt, die man hier über vie­le Ki­lo­me­ter Holz­boh­len wan­dernd er­kun­den kann, oh­ne Scha­den an­zu­rich­ten.

Un­weit von Ne­bel, ei­nem Frie­sen­dörf­chen wie aus dem Bil­der­buch, er­hebt sich 66 Me­ter über dem Mee­res­spie­gel der Am­ru­mer Leucht­turm. Ge­nau 295 Stu­fen sind es hier bis zum Blick aus der Vo­gel­per­spek­ti­ve. Zwi­schen den Dü­nen und dem fer­nen Meer er­streckt sich in schier end­lo­ser Wei­te der Kniep­sand, auf den, wie es heißt, vor al­lem die Syl­ter nei­disch sind. Nicht we­gen sei­ner pu­der­zu­cker­haf­ten Fein­heit, son­dern weil er Am­rum seit Jahr­hun­der­ten ge­gen die Ge­wal­ten des Mee­res schützt, die Sylt so zu­set­zen. Es kom­men ei­nem hier oben aber auch die un­ge­zähl­ten Schif­fe in den Sinn, de­nen der Kniep­sand zum Ver­häng­nis wur­de, bis der Bau des Leucht­turms dem 1875 ein En­de setz­te. Dank Ge­org Que­dens weiß man nun: Es war auch das En­de der Strand­räu­be­rei, für die Am­ru­mer über Ge­ne­ra­tio­nen ein ein­träg­li­ches Ge­schäft.

Auf dem Fried­hof der Na­men­lo­sen un­weit der al­ten Müh­le von Ne­bel pfle­gen die Am­ru­mer das An­den­ken an die einst hier Ge­stran­de­ten mit schlich­ten Kreu­zen. An ih­re ei­ge­nen To­ten er­in­nern die In­sel­frie­sen mit „spre­chen­den Gr­ab­stei­nen“, die in St­ein ge­mei­ßelt in gro­ßer Aus­führ­lich­keit von de­ren Freu­den und Küm­mer­nis­sen er­zäh­len. Auch Hel­den­ge­schich­ten, denn sie stam­men aus der Zeit, da es man­cher In­su­la­ner durch Wal­fang und Han­dels­schiff­fahrt zu be­trächt­li­chem Reich­tum ge­bracht hat.

Spre­chen­de Gr­ab­stei­ne auf Föhr

Mit be­son­ders schö­nen Ex­em­pla­ren kön­nen die Föh­rer auf­war­ten, in Wieblum zum Bei­spiel im Schat­ten des Frie­sen­doms St. Jo­han­nis. Ein schö­ner Ort für ein Pau­se auf dem Rad­weg von Wyk nach Al­ker­sum. Dort ha­ben die Föh­rer mit ih­rem neu­en, auch in­ter­na­tio­nal be­deut­sa­men Mu­se­um Kunst der West­küs­te noch mal ei­nen be­son­de­ren An­zie­hungs­punkt ge­schaf­fen.

Die Syl­ter, möch­te man mei­nen, ha­ben das al­les nicht mehr nö­tig. Aber das wä­re ge­mein. Denn es gibt auch hier um ih­re In­sel be­sorg­te Men­schen, die ei­nen durch das Watt füh­ren und die Augen öff­nen für die Schön­heit der al­ten Frie­sen­häu­ser von Keit­um.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen Tel.: 04841/897575, In­ter­net:

bei Nord­see-Tou­ris­mus-Ser­vice, Die Re­cher­che wur­de un­ter­stützt von Nord­see-Tou­ris­mus.

FO­TOS: PÖTSCH-RIT­TER

Über den Boh­len­weg kön­nen Be­su­cher die ein­zig­ar­ti­ge Welt der Am­ru­mer Dü­nen er­kun­den.

Dark Blo­me weiht sei­ne Mit­wan­de­rer in die Ge­heim­nis­se des Watts ein.

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