Vom War­ten und Er­war­ten

Schwaebische Zeitung (Bad Saulgau) - - BAD SAULGAU/SERVICE - Von Phil­ipp Frie­del, De­ka­nats­re­fe­rent der ka­tho­li­schen De­ka­na­te Bi­be­rach und Saul­gau

War­ten wird häu­fig als un­ge­nutz­te oder gar nutz­lo­se Zeit emp­fun­den. Beim War­ten auf den Zug, an der Su­per­markt­kas­se, beim Arzt oder im Stau wird häu­fig un­ge­dul­dig auf die Uhr ge­schaut und es be­steht der Wunsch, dass die­se schein­bar sinn­lee­re Zeit schnell vor­bei­geht.

Das Wort Er­war­ten hat viel mit War­ten ge­mein, aber wird doch an­ders ak­zen­tu­iert. Zu­nächst kann Er­war­ten ei­ne Art For­de­rung und Vor­stel­lung, wie et­was ver­mut­lich läuft oder auch zu lau­fen hat, sein. Et­was zu er­war­ten, be­deu­tet aber auch ak­tiv zu war­ten und schärft so die Auf­merk­sam­keit. Im War­ten auf be­son­de­re Din­ge, wie ein Wie­der­se­hen al­ter Freun­de, ein tol­les Kon­zert oder die Ge­burt ei­nes Kin­des, stei­gert sich die Vor­freu­de und Auf­re­gung und die Er­war­tung ist groß.

Der Ad­vent (An­kunft) ist ei­ne sol­che Zeit des War­tens und der Er­war­tung. Deut­lich wird das beim Blick auf die im Ad­vent üb­li­chen Bräu­che, vor al­lem für Kin­der. So wur­de im Jahr 1839 der Ad­vents­kranz von Jo­hann Hin­rich Wi­chern in ei­nem Wai­sen­haus in Ham­burg ent­wi­ckelt, um den Kin­dern dort die War­te­zeit auf Weih­nach­ten zu ver­kür­zen. Der Ad­vents­ka­len­der, wel­chen es heut­zu­ta­ge in al­len Va­ri­an­ten und For­men gibt, ist da­von ein Ab­le­ger. Da­bei geht es dar­um, die War­te­zeit auf Weih­nach­ten et­was zu ver­sü­ßen, die Vor­freu­de zu stei­gern und sich in­ner­lich auf Weih­nach­ten vor­zu­be­rei­ten. Aber wor­auf war­ten oder was er­war­ten wir schluss­end­lich? Auf das Fa­mi­li­en­fest? Auf Ge­schen­ke? Auf stim­mungs­vol­le Lie­der? Auf ei­ne Zeit der Ru­he? Je­de und je­der hat da­bei an­de­re Schwer­punk­te und Sehn­süch­te. Die­se für sich zu be­nen­nen, hilft die Vor­freu­de auf das Weih­nachts­fest im Ad­vent zu er­hö­hen und dem We­sent­li­chen des Fes­tes nä­her zu kom­men. Da­bei soll­te der Blick auch auf den Ur­sprung des Weih­nachts­fes­tes ge­hen. Auf die „An­kunft“von Je­sus in sei­nen drei Di­men­sio­nen: Je­su An­kunft durch sei­ne Ge­burt vor über 2000 Jah­ren; Je­su An­kunft im Hier und Jetzt; Je­su An­kunft am En­de der Zei­ten. Der Ad­vent lädt da­zu ein, auf­merk­sam zu er­war­ten, wo Gott in mei­nem Le­ben an­kommt.

Und er möch­te von uns ent­deckt wer­den: in mei­nem Nach­barn, in mei­ner Ar­beits­kol­le­gin, in mei­ner Fa­mi­lie, in der Na­tur oder in viel­leicht ganz „un­er­war­te­ten“Si­tua­tio­nen. Es lohnt sich der Ver­such, bei all dem Tru­bel in der Ad­vents­zeit auf­merk­sam zu sein und sich von ihm über­ra­schen zu las­sen.

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