End­spiel für Mer­kel

Dra­ma­ti­sche St­un­den im Bun­des­tag – See­ho­fer sucht die of­fe­ne Macht­pro­be

Schwaebische Zeitung (Bad Waldsee / Aulendorf) - - NACHRICHTEN & HINTERGRUND - Von Sa­bi­ne Lenn­artz

BER­LIN - Hun­der­te von Ka­me­ras und Jour­na­lis­ten sind auf der Frak­ti­ons­ebe­ne des Bun­des­tags auf­ge­baut. „Ab­so­lut dra­ma­tisch“sei die Si­tua­ti­on, mei­nen Ab­ge­ord­ne­te. „His­to­risch“, sagt CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt. Die Bun­des­tags­sit­zung wird ein­fach un­ter­bro­chen. Der Grund: Die CSU macht Ernst. Sie will ih­ren Kurs in der Flücht­lings­po­li­tik ge­gen die Kanz­le­rin und de­ren Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz durch­set­zen. Vier lan­ge St­un­den ha­ben CSU und CDU in ge­trenn­ten Sit­zun­gen ge­tagt – und ein Bruch der Frak­ti­ons­ge­mein­schaft ist zum Grei­fen nah.

War es schon mal so ge­fähr­lich für die Kanz­le­rin? Die meis­ten kön­nen sich nicht er­in­nern. Nach­dem An­ge­la Mer­kel in der Nacht zu Don­ners­tag ei­nen Kom­pro­miss im Asyl­streit an­ge­bo­ten hat­te, den die CSU aber nicht an­nahm, geht die Aus­ein­an­der­set­zung wei­ter.

Kau­der ge­reizt

Wir sind in ei­ner „his­to­ri­schen Si­tua­ti­on“, sagt CSU-Lan­des­grup­pen­chef Alex­an­der Do­brindt. „Wir wol­len die Neu­ord­nung des Asyl­sys­tems, und da­zu dient un­ser Mas­ter­plan.“Vor al­lem aber: Man wol­le jetzt ent­schei­den und nicht spä­ter, man wol­le, dass an Deutsch­lands Gren­zen Flücht­lin­ge zu­rück­ge­wie­sen wer­den. Na­tür­lich wer­de man aber auch al­le Be­mü­hun­gen auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne un­ter­stüt­zen.

Frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der geht, sicht­lich ge­reizt, an Jour­na­lis­ten vor­bei, schiebt den Vor­sit­zen­den der Bun­des­pres­se­kon­fe­renz zur Sei­te. Die SPD-Frak­ti­ons­che­fin Andrea Nah­les sti­chelt zeit­gleich: Es drän­ge sich der Ein­druck auf, dass es ei­ne zu­ge­spitz­te Si­tua­ti­on bei der Uni­on ge­be.

Schäu­b­le ver­tei­digt Mer­kel

Hat es schon ein­mal ge­trenn­te Frak­ti­ons­sit­zun­gen von CSU-Lan­des­grup­pe und CDU-Frak­ti­on ge­ge­ben? Auch dar­an kann sich nie­mand er­in­nern. Zu­min­dest sei es 20 Jah­re her. Wolf­gang Schäu­b­le kann sich aber noch sehr ge­nau an den Kreu­ther Be­schluss er­in­nern, in dem die CSU 1976 die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft auf­kün­dig­te, wenn auch nur für we­ni­ge Ta­ge. Der Bun­des­tags­prä­si­dent Schäu­b­le springt in der Frak­ti­on An­ge­la Mer­kel zur Sei­te, und auch Tho­mas de Mai­ziè­re wirbt für ih­ren Kurs. Die CDU hat sich am Mor­gen ziem­lich ge­schlos­sen hin­ter das Kom­pro­miss­an­ge­bot ih­rer Che­fin ge­stellt. Die hat an­ge­bo­ten, schon beim EU-Gip­fel in zwei Wo­chen bi­la­te­ra­le Ver­trä­ge mit EU-Part­nern zu er­rei­chen, um die Zu­rück­wei­sung und Rück­füh­rung von Aus­län­dern zu er­mög­li­chen, die in die­sen Län­dern be­reits Asyl­an­trä­ge ge­stellt ha­ben.

Da­mit geht Mer­kel auf die CSU zu, denn ei­gent­lich woll­te sie kei­ne bi­la­te­ra­len Ab­kom­men, son­dern ge­samt­eu­ro­päi­sche Lö­sun­gen er­rei­chen. Auch in ih­rer Frak­ti­on hat sie für ihr An­ge­bot gro­ße Un­ter­stüt­zung. Selbst har­te Asyl­kri­ti­ker wie der Lör­ra­cher Ab­ge­ord­ne­te Ar­min Schus­ter be­to­nen, es sei doch selbst­ver­ständ­lich, dass die Frau Bun­des­kanz­le­rin noch ein­mal zwei Wo­chen Zeit be­kom­me. Mit die­ser Re­ge­lung sei er zu­frie­den. Mer­kel-Kri­ti­ker Jens Spahn al­ler­dings schert aus, er wirbt für die CSU-Po­si­ti­on, jetzt schon Ernst zu ma­chen.

„Wir hö­ren das doch jetzt schon zwei­ein­halb Jah­re“, schimpft Hans Mi­chel­bach (CSU), oh­ne dass et­was ge­sche­hen sei. Die CSU wer­de In­nen­mi­nis­ter See­ho­fer auf­for­dern, sei­nen Mas­ter­plan durch­zu­set­zen. Und viel­leicht kön­ne das ja auch auf EU-Ebe­ne be­schleu­ni­gend wir­ken. Und Ge­org Nüß­lein (CSU) meint: „Die CSU ist für ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung be­reit, aber sie muss da sein.“

Im CDU-Teil der Frak­ti­on rü­cken die Ab­ge­ord­ne­ten der­weil wie­der nä­her an ih­re Che­fin. „Wel­ches Spiel wird hier ei­gent­lich ge­spielt?“, fragt sich nicht nur Haus­häl­ter Eckardt Reh­berg. Teil­neh­mer ver­zeich­nen ei­nen Stim­mungs­um­schwung.

CDU zu­sam­men­ge­schweißt

Nach­dem am Di­ens­tag noch ei­ni­ge CDU-Ab­ge­ord­ne­te über den Kurs der Kanz­le­rin schimpf­ten, mer­ken sie jetzt, wel­che fa­ta­le Wir­kung das hat­te. Dies­mal sind es nur fünf von 50 Red­nern, die ge­gen Mer­kels Kurs sind. Der Druck von au­ßen scheint die CDU-Ab­ge­ord­ne­ten und die Kanz­le­rin wie­der zu­sam­men­zu­schwei­ßen. Ei­ni­ge schimp­fen auf die CSU, die nur auf ih­re be­vor­ste­hen­de Land­tags­wahl in Bay­ern schaue und auf sonst nichts.

Und An­ge­la Mer­kel selbst? Sie steht seit Mo­na­ten in der Kri­tik und muss auch auf in­ter­na­tio­na­ler Büh­ne Miss­er­fol­ge weg­ste­cken wie je­nen im Han­dels­streit mit Do­nald Trump. Doch Mer­kel hat ei­ne Tef­lon­schicht um sich. Sie ant­wor­tet nicht auf Fra­gen wie je­ne, ob sie es schon be­daue­re, noch ein­mal als Kanz­le­rin an­ge­tre­ten zu sein. Sach­lich sei sie in der Frak­ti­on ge­we­sen, wie im­mer, heißt es.

In ei­nem Schluss­wort vor den CDU-Ab­ge­ord­ne­ten nennt Mer­kel ihr Vor­ha­ben „am­bi­tio­niert“, in den nächs­ten zwei Wo­chen zu Er­geb­nis­sen zu kom­men. Sie dankt der Frak­ti­on für ih­re Un­ter­stüt­zung, sie fühlt sich be­stärkt in ih­rer Li­nie. Sie will wei­ter ver­han­deln, sie will die Tür nicht zu­schla­gen. Und nach zwei Wo­chen wol­le man dann die La­ge noch ein­mal be­wer­ten. Nach der­zei­ti­gem Stand will die CSU aber nicht so lan­ge war­ten, son­dern schon am Mon­tag Horst See­ho­fer drän­gen, sei­nen Mas­ter­plan um­zu­set­zen. Not­falls im Al­lein­gang mit ei­nem Mi­nis­ter­ent­scheid.

„Die las­sen den Druck drin“, ana­ly­siert CDU-Mit­glied Os­wald Metz­ger, der im Reichs­tag das Ge­sche­hen be­ob­ach­te­te. Und die CDU wer­de mer­ken, dass die Li­nie See­ho­fers in der Be­völ­ke­rung ei­ne Mehr­heit ha­be. Denn das Flücht­lings­the­ma wüh­le die Men­schen auf. In Zei­ten der Fuß­bal­lwelt­meis­ter­schaft ge­he es um ein „End­spiel von Mer­kel“, so Os­wald Metz­ger.

FO­TO: DPA

Al­le Auf­merk­sam­keit ist auf die Kanz­le­rin ge­rich­tet: An­ge­la Mer­kel (CDU) muss um ih­ren Weg in der Flücht­lings­po­li­tik kämp­fen – ge­gen den hef­ti­gen Wi­der­stand der CSU und auch man­cher CDU-Par­tei­freun­de.

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