Neu­er Vor­stoß für mehr Land­ärz­te

Ob neu­es Ver­sor­gungs­mo­dell funk­tio­nie­ren könn­te, wird auch auf der Ost­alb un­ter­sucht

Schwaebische Zeitung (Ehingen) - - ERS­TE SEI­TE - Von Ka­ra Ball­arin

STUTT­GART (kab) - Ge­nos­sen­schaft­lich or­ga­ni­sier­te Ärz­te­häu­ser sol­len den Ärz­te­man­gel auf dem Land lin­dern. Ob die­ses neue Mo­dell zu­kunfts­träch­tig ist, soll in den kom­men­den Mo­na­ten ei­ne Mach­bar­keits­stu­die zei­gen. Ell­wan­gen und ei­ni­ge be­nach­bar­te Kom­mu­nen ge­hö­ren zu den 21 Städ­ten und Ge­mein­den, die ana­ly­siert wer­den sol­len. Das Land hat für die Stu­die rund 170 000 Eu­ro be­wil­ligt.

STUTT­GART - „Der Haus­ärz­te­man­gel ist vi­ru­lent und wird im­mer stär­ker“, sagt Stef­fen Jä­ger, Bei­ge­ord­ne­ter des Ge­mein­de­tags. „Im länd­li­chen Raum ist die Be­trof­fen­heit am größ­ten.“Des­halb hat der Ge­mein­de­tag zu­sam­men mit dem Lan­des­haus­ärz­te­ver­band und dem Ge­nos­sen­schafts­ver­band der Lan­des­re­gie­rung ei­nen Vor­schlag ge­macht: War­um nicht Ver­sor­gungs­zen­tren auf­bau­en, die ge­nos­sen­schaft­lich be­trie­ben wer­den? Ei­ne Ana­ly­se soll in den kom­men­den Mo­na­ten klä­ren, ob die Idee um­ge­setzt wer­den kann – un­ter an­de­rem in Ell­wan­gen und um­lie­gen­den Ge­mein­den.

Knapp 170 000 Eu­ro stellt das Land bis Au­gust 2019 für die Ana­ly­se be­reit. Das er­klär­ten der für den länd­li­chen Raum zu­stän­di­ge Mi­nis­ter Pe­ter Hauk (CDU) und So­zi­al­mi­nis­ter Man­fred Lu­cha (Grü­ne) am Frei­tag nach ei­ner Sit­zung des Ka­bi­netts­aus­schus­ses Länd­li­cher Raum. Un­ter­sucht wer­den 21 Städ­te und Ge­mein­den – zum Teil ein­zeln, zum Teil als Ver­bund. Die meis­ten lie­gen im Sü­den des Lan­des, wo der Man­gel we­gen der Nä­he zur Schweiz be­son­ders groß ist. Der Ver­dienst von Me­di­zi­nern ist im Nach­bar­land deut­lich grö­ßer.

Un­ter­sucht wird aber auch ein Ge­biet auf der Ost­alb. Zu die­sem ge­hö­ren Ell­wan­gen, Crails­heim, El­len­berg, Jagst­zell, Wört, Stödt­len, Tann­hau­sen, St­imp­fach, Kreß­berg und Fich­ten­au. „Wir freu­en uns na­tür­lich, dass wir da jetzt da­bei sind“, sagt An­selm Grupp, Spre­cher der Stadt Ell­wan­gen. Sei­ne Stadt sei noch nicht so mas­siv vom Ärz­te­man­gel be­trof­fen wie et­wa Tann­hau­sen. „Es gibt bei uns klei­ne­re Kom­mu­nen, die ha­ben schon lan­ge kei­nen Haus­arzt mehr.“Das weiß auch Rai­ner Isen­mann, stell­ver­tre­ten­der Vor­sit­zen­der der dor­ti­gen Kreis­ärz­te­schaft. „Ich be­grü­ße al­les, was Kol­le­gen in die Re­gi­on bringt.“

Geld reicht als An­reiz nicht

Seit Jah­ren för­dert die Kas­sen­ärzt­li­che Ver­ei­ni­gung (KV) Me­di­zi­ner, wenn sich die­se in ei­ner un­ter­ver­sorg­ten Re­gi­on nie­der­las­sen. Auch das Land gibt Zu­schüs­se. Der Bi­be­r­a­cher Arzt Frank Dieter Braun be­zwei­felt die Wir­kung, spricht da­bei von ei­nem rei­nen Mit­nah­mef­fekt. Wer so­wie­so in ei­ner klei­nen Ge­mein­de auf dem Land ei­ne Pra­xis er­öff­nen wol­le, freue sich über die zu­sätz­li­chen 30 000 Eu­ro vom Land. „Mit 30 000 Eu­ro zieht man da aber nie­man­den hin“, das ha­be er auch schon Mi­nis­ter Lu­cha ge­sagt, so Braun. Er rech­net vor, dass ein Haus­arzt auf dem Land oh­ne­hin gut ver­dient. Vor Steu­ern und Ab­ga­ben spricht er von 340 000 Eu­ro im Jahr.

Dass Pra­xen ver­wai­sen, lie­ge dar­an, dass Me­di­zi­nern heu­te an­de­re Fak­to­ren wich­ti­ger sei­en. „Die jun­gen Leu­te stre­ben vor­nehm­lich die Ko­ope­ra­ti­on an, was ich ver­ste­he“, sagt Braun. Sie wünsch­ten sich, in Ver­sor­gungs­zen­tren mit Kol­le­gen zu­sam­men­ar­bei­ten zu kön­nen.

Jung­ärz­te wol­len an­ge­stellt sein

KV-Spre­cher Kai Sonn­tag nennt ei­nen wei­te­ren wich­ti­gen Grund: „Vor al­lem jun­ge Ärz­tin­nen wol­len sich lie­ber an­stel­len las­sen“– un­ter an­de­rem, um Fa­mi­li­en­pla­nung und Ar­beit bes­ser ver­ein­ba­ren zu kön­nen. Jun­ge Ärz­te und Ärz­tin­nen hät­ten heu­te aber ins­ge­samt den Wunsch nach ei­ner gu­ten so­ge­nann­ten Work-Li­feBa­lan­ce. Vie­le scheu­ten sich auch da­vor, mit der Grün­dung oder Über­nah­me ei­ner Pra­xis ei­ne so gro­ße Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men – und das ge­sam­te wirt­schaft­li­che Ri­si­ko zu tra­gen.

„Des­halb müs­sen wir mehr Pra­xis­mo­del­le fin­den als bis­her“, sagt Sonn­tag. Schon heu­te ge­be es Ärz­te­zen­tren, die den Wün­schen der Jung­me­di­zi­ner ge­recht wür­den – auch auf dem Land. „Wir sind aber dank­bar für je­de Initia­ti­ve.“Auch ein Ärz­te­haus in ge­nos­sen­schaft­li­chem Rah­men sei denk­bar.

Stef­fen Jä­ger vom Ge­mein­de­tag setzt gro­ße Er­war­tun­gen in das Ge­nos­sen­schafts­mo­dell. „Wir ha­ben wirk­lich die Hoff­nung, dass wir mit die­sem An­satz et­was ge­fun­den ha­ben, um die flä­chen­de­cken­de Ärz­te­ver­sor­gung hal­ten zu kön­nen.“Der länd­li­che Raum sei nicht nur für Tou­ris­mus und Land­wirt­schaft wich­tig, son­dern be­stim­me auch den wirt­schaft­li­chen Er­folg des Lan­des mit. „Da­für muss die me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung flä­chen­de­ckend stim­men“, sagt Jä­ger.

Ärz­te sol­len Ge­nos­sen­schaft tra­gen

Ob das Mo­dell funk­tio­nie­ren könn­te, soll die Mach­bar­keits­stu­die in den kom­men­den Mo­na­ten zei­gen. Da­bei geht es un­ter an­de­rem um die Fra­ge, wer die Ge­nos­sen­schaft grün­det. „Das ist ei­ne der zen­trals­ten Fra­gen, die wir im Vor­feld in­ten­siv dis­ku­tiert ha­ben“, sagt Jä­ger. Die Ge­mein­den wol­len die­se Auf­ga­be nicht über­neh­men. „Wir wol­len die wirt­schaft­li­che Ver­ant­wor­tung ver­mei­den“– die Ge­mein­den müss­ten sich oh­ne­hin um vie­le Be­rei­che der Da­seins­vor­sor­ge küm­mern. Bür­ger dürf­ten kei­ne Ge­nos­sen­schaf­ter wer­den, das ver­bie­te das So­zi­al­ge­setz­buch.

Die Lö­sung: Ärz­te sol­len die Ge­nos­sen­schaf­ten selbst grün­den. Da­bei kom­me je­der mit ei­ner Zu­las­sung der KV in­fra­ge. „Im Rah­men der Mach­bar­keits­ana­ly­se wird man mit den nie­der­ge­las­se­nen Ärz­ten in der Re­gi­on spre­chen und fra­gen, ob sie mit­grün­den wür­den“, so Jä­ger.

FO­TO: DPA

Im­mer we­ni­ger jun­ge Ärz­te wol­len Ein­zel­kämp­fer in ei­ner ei­ge­nen Pra­xis sein. Das be­kom­men vor al­lem Pa­ti­en­ten auf dem Land zu spü­ren.

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