Mah­nun­gen und Freu­de am Schick­sals­tag

Kanz­le­rin Mer­kel bit­tet um Ge­duld bei Wie­der­ver­ei­ni­gung – Ge­den­ken an Ju­den­po­grom

Schwaebische Zeitung (Ehingen) - - ERSTE SEITE - Von Ste­fan Ke­gel

BER­LIN (KNA/epd/dpa) - No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on, Hit­ler-Putsch, No­vem­ber­po­gro­me und Mauerfall – der 9. No­vem­ber gilt als Schick­sals­tag Deutsch­lands. In die­sem Jahr rich­tet sich die größ­te Auf­merk­sam­keit auf den Mauerfall vor 30 Jah­ren, die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on. Vor den Fei­er­lich­kei­ten an die­sem Sams­tag in Ber­lin, zu de­nen Ver­tre­ter vie­ler EUStaa­ten und der frü­he­ren Al­li­ier­ten Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, Russ­land und der USA er­war­tet wer­den, de­bat­tier­te der Bun­des­tag am Frei­tag über die Wen­de. Ne­ben Pro­vo­ka­tio­nen von­sei­ten der AfD fie­len vie­le po­si­ti­ve Wor­te. Vom „glück­lichs­ten Tag der deut­schen Ge­schich­te“war die Re­de, vom „gro­ßen Wun­der“. Lob kam auch von Chris­ti­an Hir­te (CDU), dem Ost­be­auf­trag­ten der Re­gie­rung. „Ich glau­be, wir sind schon heu­te wirk­lich eins, aber man darf nicht an­neh­men, dass Deutsch­land ein­heit­lich über­all kom­plett gleich sei“, sag­te er im SWR.

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) bat in Sa­chen Wie­der­ver­ei­ni­gung um Ge­duld. „Bei man­chem, von dem man ge­dacht hat, dass es sich zwi­schen Ost und West an­glei­chen wür­de, sieht man heu­te, dass es doch eher ein hal­bes Jahr­hun­dert oder län­ger dau­ert“, sag­te die Po­li­ti­ke­rin der „Süd­deut­schen Zei­tung“. „Auch die Mü­hen der Frei­heit, al­les ent­schei­den zu müs­sen, müs­sen ge­lernt wer­den“, sag­te sie. „Man muss sich viel mehr küm­mern, das ist ja auch nicht al­len in die Wie­ge ge­legt. Das Le­ben in der DDR war manch­mal auf ei­ne be­stimm­te Art fast be­quem, weil man man­che Din­ge ein­fach gar nicht be­ein­flus­sen konn­te.“

Zu­vor war am Frei­tag in Bun­des­tag und Bun­des­rat deut­lich ge­wor­den, dass der 9. No­vem­ber oh­ne­hin ein schwie­ri­ges Da­tum bleibt. Der Tag mar­kiert auch ei­ne der dun­kels­ten St­un­den deut­scher Ge­schich­te: Am Abend des 9. No­vem­ber 1938 voll­zog sich in Deutsch­land der bis da­hin größ­te Ju­den­po­grom der Neu­zeit. Mehr als 1300 Men­schen star­ben. Mehr als 1400 Sy­nago­gen im Deut­schen Reich wur­den ver­wüs­tet, et­wa 7500 Ge­schäf­te ge­plün­dert. Mehr als 30000 Ju­den wur­den in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ge­bracht.

Nach dem An­schlag auf die Sy­nago­ge von Hal­le set­zen sich nun meh­re­re Bun­des­län­der da­für ein, dass an­ti­se­mi­ti­sche Straf­ta­ten här­ter ge­ahn­det wer­den. „Wir müs­sen al­les da­für tun, dass die jü­di­schen Bür­ge­rin­nen und Bür­ger hier si­cher le­ben kön­nen“, sag­te Bay­erns Jus­tiz­mi­nis­ter Ge­org Ei­sen­reich (CSU) im Bun­des­rat. Er schlug vor, dass an­ti­se­mi­ti­sche Mo­ti­ve künf­tig bei al­len Straf­ta­ten straf­ver­schär­fend wir­ken soll­ten. Ba­den-Würt­tem­berg schloss sich dem An­trag an.

Eben­falls auf ei­nen 9. No­vem­ber fällt in Deutsch­land das En­de der Mon­ar­chie. Je­ner Tag im Jahr 1918, an dem der So­zi­al­de­mo­krat Phil­ipp Schei­de­mann vom Ber­li­ner Reichs­tags­ge­bäu­de aus die Re­pu­blik aus­rief, gilt als Ge­burts­stun­de der par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie in Deutsch­land. Doch es ist noch mehr His­to­ri­sches ge­sche­hen an oder kurz vor ei­nem 9. No­vem­ber: 1923 brach der so­ge­nann­te Hit­ler-Putsch ge­gen die de­mo­kra­ti­sche Reichs­re­gie­rung in Mün­chen kläg­lich zu­sam­men. Und 1939 schei­ter­te am Vor­abend des 9. No­vem­ber der ge­plan­te Bom­ben­an­schlag des Her­ma­rin­gers Ge­org El­ser auf Adolf Hit­ler.

„Ich le­ge Wert auf die Fest­stel­lung, dass die Mau­er vom Os­ten ein­ge­drückt wur­de.“

Lothar de Mai­ziè­re, ers­ter und letz­ter frei ge­wähl­ter Mi­nis­ter­prä­si­dent der DDR

Un­ser Ma­the- und Phy­sik­leh­rer war ein grau­haa­ri­ger Mann mit vie­len Fal­ten und ei­nem eher tro­cke­nen Hu­mor. In sei­nen wei­ßen Kit­tel schien er ein­ge­wach­sen zu sein. Es war da­her ein selt­sa­mer An­blick, ihn am Mor­gen des 10. No­vem­ber 1989 zur ers­ten St­un­de im An­zug durch die Tür des Ma­the­ma­tik­raums un­se­rer Ost­ber­li­ner Schu­le kom­men zu se­hen. Er schwenk­te die ak­tu­el­le Aus­ga­be der „Ber­li­ner Mor­gen­post“über sei­nem Kopf und hat­te of­fen­sicht­lich ei­ne fröh­li­che Nacht hin­ter sich. „Ick komm gra­de vom Ku’damm“, rief er in sei­nem Ber­li­ner Dia­lekt und lach­te in ei­ner Tour. Ein Ta­xi­fah­rer hat­te ihn gra­tis durch West­ber­lin ge­fah­ren. Er war trun­ken vor Freu­de. Die Mau­er war weg.

Im Film hät­te man bei die­ser Sze­ne ab­ge­blen­det, viel­leicht noch mit ei­nem Schwenk auf ju­beln­de Men­schen, die ein­an­der nach Jah­ren wie­der in die Ar­me sin­ken durf­ten, und hu­pen­de Tra­bis auf den Stra­ßen jen­seits des Be­ton­walls. Doch die Ge­schich­te ließ sich Zeit mit dem Hap­py End. Was uns da­mals nicht klar war: Statt des schnel­len glück­li­chen Zu­sam­men­wach­sens von Ost­deut­schen und West­deut­schen stand mei­ner Klas­se, der gan­zen Na­ti­on, ei­ne lan­ge Zeit der Miss­ver­ständ­nis­se, der Vor­ur­tei­le und des müh­sa­men Ken­nen­ler­nens be­vor.

Seit nun­mehr 30 Jah­ren ver­su­chen die bei­den Lan­des­tei­le her­aus­zu­fin­den, wie der je­weils an­de­re tickt. Für West­deut­sche war das eher Hob­by, für Ost­deut­sche über­le­bens­not­wen­dig. Im Wes­ten ging das Le­ben nach dem Mauerfall oft naht­los wei­ter, die Ex­kur­se in die Psy­cho­lo­gie des Os­tens wa­ren meist le­dig­lich ein un­ter­halt­sa­mes Zoo-Er­leb­nis. Man gab sich ih­nen mit ge­fäl­li­gem Lä­cheln oder aber leich­tem Schau­dern hin, um da­nach wie­der mit sei­nem Le­ben fort­zu­fah­ren. Im Ge­gen­satz da­zu war für Ost­deut­sche die Deu­tung des Wes­tens und die An­pas­sung an ihn über­le­bens­wich­tig, um sich in der neu­en Welt zu­recht­fin­den zu kön­nen. Gleich­zei­tig ver­ur­sach­te das Ver­schwin­den des ei­ge­nen Lan­des ein Trau­ma, egal, wie man zu ihm stand. Und vie­len mei­ner Lands­leu­te steckt die­se Be­wäl­ti­gung im­mer noch in den Kno­chen. Es wird wohl noch mal min­des­tens drei Jahr­zehn­te dau­ern, bis Sach­sen oder Bran­den­bur­ger sich nicht mehr in ers­ter Li­nie als Ost­deut­sche se­hen.

Für West­deut­sche mei­ner Ge­ne­ra­ti­on ist es oft schwer, sich vor­zu­stel­len, wie es war, als das Land, in dem man sein kom­plet­tes be­wuss­tes Le­ben ver­bracht hat, sich bin­nen kür­zes­ter Zeit auf­löst. Ich war 17, als die Mau­er fiel. Mei­ne gan­ze Kind­heit hat­te ich in der DDR ge­lebt – in ei­ner „Dik­ta­tur des Pro­le­ta­ri­ats“, wie sie sich selbst be­zeich­ne­te; ich kann­te aus ei­ge­nem Er­le­ben nichts an­de­res, von Rei­sen in an­de­re Ost­block­staa­ten wie die So­wjet­uni­on und Un­garn ein­mal ab­ge­se­hen. Nun zer­brö­sel­te die­ses Land. Und mit ihm auch al­les, was mein künf­ti­ges be­ruf­li­ches Le­ben aus­ma­chen soll­te.

Denn ei­gent­lich war mein Le­ben bis zum Jahr 2000 vor­be­stimmt. So war das in der DDR. Mein Vo­lon­ta­ri­at beim Rund­funk soll­te 1990 be­gin­nen, da­nach hät­te ich drei Jahre Wehr­dienst leis­ten müs­sen und fünf Jahre lang Re­gio­nal­wis­sen­schaf­ten stu­diert. An­schlie­ßend, ir­gend­wann um die Jahr­tau­send­wen­de, wä­re ei­ne Stel­le beim Ra­dio für mich frei ge­we­sen. Vor­bei. Der Sen­der, bei dem ich mich be­wor­ben hat­te, wur­de bin­nen we­ni­ger Mo­na­te ab­ge­wi­ckelt. Ir­gend­wann sand­te mir je­mand mei­ne Un­ter­la­gen zu­rück, „mit den bes­ten Wün­schen für Ih­re be­ruf­li­che Zu­kunft“, und ich stand ganz am An­fang.

Dass mein sorg­sam durch­ge­plan­tes Le­ben ins Wan­ken ge­ra­ten wür­de, schwan­te mir schon, als ich mich am Sams­tag nach der Mau­er­öff­nung neu­gie­rig auf den Weg zum Grenz­über­gang In­va­li­den­stra­ße mach­te, um den Wes­ten mit ei­ge­nen Au­gen zu se­hen. Den gan­zen Tag wan­der­te ich durch die Stadt, die zu­vor hin­ter der Mau­er ver­bor­gen war und sog das Glit­zern und den Über­fluss in den Aus­la­gen auf. Und den süß­li­chen Par­fum­duft, der beim Be­tre­ten jeg­li­chen Kauf­hau­ses in mei­ne Na­se stieg, kann ich heu­te noch rie­chen.

Die Wo­chen und Mo­na­te da­nach wa­ren ge­prägt von all den Ent­hül­lun­gen, wie fern die of­fi­zi­el­le Li­nie der DDR-Führung von ih­rem tat­säch­li­chen Ge­ba­ren war. Die Men­schen sa­hen, in welch kras­sem Wi­der­spruch die Bru­ta­li­tät und Bös­ar­tig­keit des DDR-Ge­heim­diens­tes zu den Sprü­chen stan­den, dass im So­zia­lis­mus der Mensch im Mit­tel­punkt ste­he. Die West­pro­duk­te in der Wand­lit­zer Sied­lung der SED-Führung ent­larv­ten die Ver­teu­fe­lung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems als Heu­che­lei.

Ein paar Mo­na­te zu­vor hat­te ich ei­nen Ein­druck be­kom­men, wie groß die Un­zu­frie­den­heit der DDRBür­ger auf dem Lan­de war. Ich war mit dem Zug im thü­rin­gi­schen Hei­li­gen­stadt an­ge­kom­men, es fuhr kein Bus mehr zu der Ju­gend­her­ber­ge, in die ich muss­te. Ein bär­ti­ger Mann, der auf dem Bei­fah­rer­sitz ei­nen Ei­mer mit rie­si­gen Hüh­ne­r­ei­ern trans­por­tier­te, nahm mich in sei­nem wei­ßen Wart­burg mit. Als ich ihm er­zähl­te, dass ich Jour­na­list wer­den woll­te, frag­te er mich fas­sungs­los: „In die­sem Ver­re­cker­staat?“Das war ein Wort, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging.

Viel spä­ter hat mir der ers­te und letz­te frei ge­wähl­te Mi­nis­ter­prä­si­dent der DDR, Lothar de Mai­ziè­re, in ei­nem In­ter­view mal ge­sagt, für DDR-Bür­ger sei Zu­kunft ein­fach ge­füll­te Zeit ge­we­sen. Vom

Kin­der­gar­ten bis zum Al­ters­heim war al­les ge­re­gelt – bis 1989 die Wen­de kam. Auf ein­mal stan­den die DDR-Bür­ger vor ei­ner Si­tua­ti­on, mit der die meis­ten nicht ge­lernt hat­ten um­zu­ge­hen: „Plötz­lich stell­te man fest: Zu­kunft ist freie Zeit, über die man sel­ber ent­schei­den muss“, be­ton­te de Mai­ziè­re.

Für Men­schen wie mich war das ei­ne Chan­ce: Der Zu­fall schleu­der­te mich mit der Voll­jäh­rig­keit in das neue Sys­tem – und ent­band mich von der Ge­fahr, in das al­te zu sehr ver­strickt zu wer­den. Plötz­lich er­öff­ne­ten sich ganz neue Mög­lich­kei­ten. Gleich nach der Wäh­rungs­uni­on im Som­mer 1990 fuhr ich für ei­ne Woche nach Groß­bri­tan­ni­en, ein paar Mo­na­te spä­ter konn­te ich an­fan­gen zu stu­die­ren und reis­te in den Jah­ren da­nach um die Welt. In­di­en, Sri Lan­ka, In­do­ne­si­en, Thai­land, die USA, die Ma­le­di­ven, Aus­tra­li­en – Län­der, die mir als DDRBür­ger ver­schlos­sen ge­blie­ben wä­ren. Für ein Jahr ging ich als Stu­dent des EU-Pro­gramms „Eras­mus“nach Lon­don.

Wäh­rend sich das En­de der DDR für mich als ein An­fang er­wies, war das bei­lei­be nicht ty­pisch für den Os­ten. 2,5 Mil­lio­nen Men­schen wur­den nach Be­rech­nun­gen des

In­sti­tuts für Ar­beits­markt- und Be­rufs­for­schung dort zwi­schen 1989 und 1991 ar­beits­los, nach­dem Tau­sen­de ehe­mals volks­ei­ge­ne Be­trie­be durch die Treu­hand ge­schlos­sen wor­den wa­ren. Und die Kur­ve stieg im­mer wei­ter. Im Jahr 2005 war je­der fünf­te Ost­deut­sche oh­ne Ar­beit.

Das hin­ter­ließ Spu­ren. Denn Ar­beit wur­de in der DDR nicht nur als ein sinn­stif­ten­der Teil des Le­bens ze­le­briert; das Land war stolz auf sei­ne Voll­be­schäf­ti­gung.

Ar­beit war dar­über hin­aus ein ge­sell­schaft­li­ches Muss. Men­schen, die in der DDR kei­ner Ar­beit nach­gin­gen, wur­den vom Staat als „aso­zi­al“ge­brand­markt und muss­ten Re­pres­sa­li­en be­fürch­ten. Ar­beits­lo­sig­keit wur­de auch aus die­sem Grund von Ost­deut­schen als Stig­ma emp­fun­den.

Und wie re­agier­te der Wes­ten auf die­se Ver­zweif­lung? Mit Be­mer­kun­gen, die Os­sis soll­ten doch ge­fäl­ligst die Är­mel hoch­krem­peln statt zu jam­mern. Sol­che Sät­ze kann man nie­man­dem ver­übeln, der stets auf sich selbst ver­trau­te und die Er­fah­rung ge­macht hat, dass Ei­gen­in­itia­ti­ve ge­paart mit den rich­ti­gen Ver­bin­dun­gen ihn vor­an­ge­bracht hat. Für vie­le mei­ner 16 Mil­lio­nen Ost­deut­schen wa­ren sol­che Be­mer­kun­gen hin­ge­gen ein wei­te­rer Mo­sa­ik­stein im Bild, der nicht ge­woll­te, ar­me Nach­bar zu sein. Oder – um in Be­zie­hungs­vo­ka­bu­lar zu spre­chen – sich nicht an­ge­nom­men und ver­stan­den zu füh­len.

Der Pfar­rer Fried­rich Schor­lem­mer, ei­ner der Köp­fe der DDRBür­ger­rechts­be­we­gung, hat es mal so be­schrie­ben: Für DDR-Bür­ger war der Staat zu­gleich der stra­fen­de Va­ter und die um­sor­gen­de Mut­ter. Die Men­schen woll­ten den stra­fen­den Va­ter los­wer­den und wun­der­ten sich, dass die um­sor­gen­de Mut­ter mit ihm ver­schwand. Letzt­lich fühl­ten sie sich als Voll­wai­sen. Ver­mut­lich klingt das für west­deut­sche Oh­ren wie lar­mo­yan­ter, rühr­se­li­ger Psy­cho-Kitsch. Aber in Um­bruch­pro­zes­sen wird die Psy­che gern ver­ges­sen. Und bricht sich dann ir­gend­wann Bahn, wenn der Mensch aus dem Über­le­bens­mo­dus zu­rück­schal­tet.

Man kann die­sen Min­der­wer­tig­keits­kom­plex oh­ne­hin nicht ver­ste­hen, wenn man die fried­li­che Re­vo­lu­ti­on au­ßer Acht lässt. Es wa­ren mu­ti­ge Ost­deut­sche, die im Herbst 1989 auf die Stra­ße gin­gen und die den Weg für ihr Land be­stim­men woll­ten. Da­mals ging es noch gar nicht um ei­ne Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands. Wie Lothar de Mai­ziè­re es aus­drück­te: „Ich le­ge Wert auf die Fest­stel­lung, dass die Mau­er vom Os­ten ein­ge­drückt wur­de.“

Und doch wur­den die Bür­ger­recht­ler über­rollt von Hel­mut Kohls Zehn-Punk­te-Plan und der Macht der Stra­ße, die den Ver­füh­run­gen der Kauf­häu­ser nicht län­ger wi­der­ste­hen woll­te. Die Re­vo­lu­ti­on, die in der DDR ih­ren An­fang nahm, wur­de den Mu­ti­gen ent­wun­den. Die Bit­ter­keit dar­über lebt vie­ler­orts fort – trotz al­len ma­te­ri­el­len Wohl­stands. Es blieb ein Un­ter­le­gen­heits­ge­fühl üb­rig, das dar­aus re­sul­tiert, dass die DDR 1990 der Bun­des­re­pu­blik le­dig­lich bei­trat. Es war kei­ne Ver­ei­ni­gung zwei­er gleich­be­rech­tig­ter Staa­ten. Es gab ei­nen Sie­ger – und ei­nen Ver­lie­rer.

Das Sie­ger­ge­fühl de­fi­nier­te denn auch den Um­gang vie­ler West­deut­scher

mit dem Os­ten – dem Land, das der Sprin­ger-Ver­lag noch bis in die 1980er-Jahre hin­ein in An­füh­rungs­zei­chen schrieb, in dem selt­sa­me Au­tos aus Plas­tik und Pap­pe kon­stru­iert wur­den und in das man zu Weih­nach­ten Pa­ke­te mit Kaf­fee, Ny­lon­strümp­fen und Scho­ko­la­de schick­te. Und dann kam von dort auch noch Un­dank zu­rück. Aber­mil­li­ar­den Eu­ro flos­sen in den Os­ten, die meis­ten Städ­te er­blüh­ten, Stra­ßen wur­den schö­ner als im Wes­ten – und trotz all des Gel­des wag­ten es die Men­schen zu jam­mern. Hin­ter die­sem Miss­ver­ständ­nis steckt ei­ne Fehl­an­nah­me, die man auch in tra­di­tio­nel­len Ehen an­trifft. Ei­ner schafft das Geld her­an, putzt da­mit sei­ne Part­ne­rin her­aus und ver­langt, dass sie sich hin­gibt. Schließ­lich hat sie vor dem Trau­al­tar Ja ge­sagt. Er nimmt sich aber nie die Zeit, sie tat­säch­lich zu ver­ste­hen und ist schließ­lich em­pört, wenn sie sich von ihm ab­wen­det.

Den ers­ten Durch­lauf die­ser Schlei­fe konn­te man in den 1990erJah­ren be­sich­ti­gen, als vie­le Ost­deut­sche trotz der durch­leb­ten Ge­schich­te und ih­rer SED-Ver­gan­gen­heit die PDS wähl­ten, was im Wes­ten hef­ti­ges Un­ver­ständ­nis aus­lös­te. Sie war ei­ne Re­gio­nal­par­tei, die sich als An­walt des Os­tens in­sze­nier­te. Ih­re his­to­ri­sche Leis­tung be­steht da­rin, Hun­dert­tau­sen­de ent­wur­zel­te Kom­mu­nis­ten in das de­mo­kra­ti­sche Sys­tem ge­führt zu ha­ben. Ir­gend­wann war ihr Nach­fol­ger, die Lin­ke, ein nor­ma­ler Teil des par­la­men­ta­ri­schen Sys­tems.

Und dann kam die AfD. Die Par­tei hat es ge­schafft, die Ent­täu­schun­gen und Un­si­cher­hei­ten ei­nes Teils der Ost­deut­schen zu in­stru­men­ta­li­sie­ren, ob­wohl ih­re Führung fast aus­schließ­lich aus West­deut­schen be­steht. Die AfD nährt die Angst vor Frem­den und die Sor­ge, dass sich die Ge­sell­schaft, in die man sich mü­he­voll in­te­griert hat, wo­mög­lich grund­le­gend ver­än­dern wird. Wenn dann auch noch der Staat in Tei­len nicht mehr als Herr der La­ge emp­fun­den wird, keimt schnell das Ver­lan­gen nach ei­nem har­ten Durch­grei­fen. Denn wie das Le­ben aus den Fu­gen ge­rät, wenn ein Staat die Kon­trol­le ver­liert, ha­ben DDR-Bür­ger er­lebt. Nach 1989 fing sie die Bun­des­re­pu­blik auf. Aber was wä­re, wenn selbst die wankt?

40 Jahre Tei­lung sind nicht ein­fach mal so zu re­pa­rie­ren. Bis man über ei­ne Tren­nung hin­weg ist, dau­ert es ge­nau­so lan­ge, wie es die Be­zie­hung gab, heißt es in Be­zie­hungs­ratge­bern. Viel­leicht ist das Trau­ma der Ost­deut­schen am bes­ten in die­sen Ka­te­go­ri­en ein­zu­ord­nen. Das Tren­nen­de hat auch mit den un­ter­schied­li­chen Co­des zu tun, an de­nen Wes­sis und Os­sis ih­re je­wei­li­gen ehe­ma­li­gen Lands­leu­te er­ken­nen.

Den meis­ten West­deut­schen mei­ner Ge­ne­ra­ti­on zau­bert der Satz: „Psssst! Willst du ein un­sicht­ba­res Eis kau­fen?“ein wis­sen­des Lä­cheln aufs Ge­sicht. Wäh­rend vie­le Ost­deut­sche über die­sen Sketch der Se­sam­stra­ße nur fra­gend die Au­gen­brau­en zu­sam­menknei­fen, ist es den meis­ten West­deut­schen ein Rät­sel, war­um Ost­deut­sche beim Spruch „Mäch­tig ge­wal­tig!" an­fan­gen zu grin­sen – ein Run­ning Gag aus den Ol­sen­ban­denFil­men. Weil sol­che und zahl­rei­che ähn­li­che Din­ge fast über Nacht aus dem All­tag der Ost­deut­schen ver­schwan­den, ist ein Phan­tom­schmerz üb­rig, den nach­träg­li­che DVD-Ver­öf­fent­li­chun­gen und DDRMu­se­en nur an­satz­wei­se lin­dern kön­nen. Und bis sich neue, ge­mein­sa­me Co­des ent­wi­ckeln, dau­ert es.

Da­bei gab es bei all die­sen De­bat­ten auch vie­le West­deut­sche, die sich ehr­lich Mü­he ga­ben, den Os­ten zu ver­ste­hen. Mei­ne Frau ist so ei­ne. Ei­ne fröh­li­che Rhein­län­de­rin, die den Ost­deut­schen gern mehr Lo­cker­heit und ein biss­chen mehr Froh­sinn ver­ord­nen wür­de. Tat­säch­lich le­ben wir die deut­sche Ein­heit je­den Tag, in gu­ten wie in schlech­ten Zei­ten. Und un­se­ren Kin­dern müs­sen wir in­zwi­schen mü­he­voll er­klä­ren, wo in Ber­lin die Mau­er stand, frü­her mal, vor 30 Jah­ren.

Die Mau­er in Ber­lin ist of­fen. Bür­ger aus dem kom­mu­nis­ti­schen Teil Deutsch­lands strö­men nach Wes­ten.

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