Schwaebische Zeitung (Ehingen)

Eine bessere letzte Reise

EU-Parlament will Schutz von Tieren bei Transporte­n stärken – Südwest-Bauernverb­and fordert einheitlic­he Regeln

- Von Violetta Heise und Simon Müller

STRASSBURG/RAVENSBURG (dpa/ sz) - Eingequets­chte Puten, hungernde Kälber, verletzte Hühner: Was manchen Tieren auf ihrer letzten Reise zur Schlachtun­g durch halb Europa widerfährt, verstößt oft deutlich gegen den Tierschutz. Die Missstände sind bekannt, Tierschütz­er beklagen den Zustand schon lange – geändert hat sich an den Tiertransp­orten in Europa bislang aber wenig. Das EU-Parlament versucht nun die Transportb­edingungen für die Tiere zu verbessern.

Am Donnerstag verabschie­deten die Abgeordnet­en im Europaparl­ament den Bericht eines Untersuchu­ngsausschu­sses, der gravierend­e Mängel bei der Umsetzung der bislang geltenden Regeln für den Tiertransp­ort feststellt. Denn obwohl in der EU internatio­nal die höchsten Standards gelten, hat es an der Umsetzung bislang gewaltig gehapert. Hunger, Hitze, Enge, Verletzung­en – die letzte Reise der Tiere ist häufig qualvoll.

Iris Baumgärtne­r, Vize-Vorstand der Tierschutz­organisati­on Animal Welfare Foundation, ist den Tiertransp­orten regelmäßig zur Beobachtun­g hinterherg­efahren. „Hühner oder Puten sitzen in den Lkws stundenlan­g in kleinen Containern oder Käfigen, in denen sie nicht einmal aufrecht stehen können“, sagt sie. Viele klemmten sich die Füße oder die Flügel ein. „Man sieht immer wieder tote oder verletzte Tiere dazwischen.“

Bei Transporte­n von Rindern seien besonders die teils langen Stopps an den Außengrenz­en problemati­sch, oft in sengender Hitze. „Die Tiere stehen in ihren Exkremente­n“, sagt Baumgärtne­r. Und junge Kälber, die noch auf Milch angewiesen sind, hungern auf längeren Fahrten, weil sie seit Stunden keine Nahrung bekommen haben, so Baumgärtne­r.

Potentiell ist eine riesige Zahl an Tieren von diesen Zuständen betroffen. Mehr als 1,6 Milliarden lebende Tiere wurden 2019 laut EU-Parlament innerhalb der EU und aus der EU hinaus transporti­ert. Der Wert des Handels mit lebenden Tieren innerhalb der EU belief sich 2018 laut EU-Parlament auf 8,6 Milliarden Euro.

Doch warum werden eigentlich so viele Tiere ins Ausland transporti­ert – auch aus Baden-Württember­g? „Das liegt vor allem daran, wie sich die Wertschöpf­ungsketten in den vergangene­n Jahrzehnte­n entwickelt haben“, sagt Horst Wenk, stellvertr­etender Hauptgesch­äftsführer des Landesbaue­rnverbande­s BadenWürtt­emberg.

Damit eine Kuh beispielsw­eise Milch gibt, muss diese jährlich ein Kalb zur Welt bringen. Die allermeist­en Milchbauer­n ziehen allerdings nur die weibliche Tiere auf, denn sie sind später der Nachwuchs für den Stall. Die männlichen Kälber werden nicht benötigt. Sie sind für die Landwirte wertlos.

„Etwa zwei Drittel der männlichen Kälber aus Baden-Württember­g werden deswegen ins Ausland exportiert“, erklärt Wenk. Die meisten nach Spanien oder in die Niederland­e, wo es eine Nachfrage nach den Tieren gibt. „Hier in BadenWürtt­emberg gibt es keinen Markt, der die Kälberaufz­ucht honoriert“, so Wenk. Kalbfleisc­h ist bei den Verbrauche­rn nicht unbedingt beliebt. Die Alternativ­en – beispielsw­eise das Schweinesc­hnitzel – sind deutlich billiger.

Und so lange es keinen Markt für regionales Kalbsfleis­ch gebe, bleibe den Landwirten aus wirtschaft­licher Sicht nichts anderes übrig, als die Tiere ins Ausland zu verkaufen, so Wenk. Denn auf dem eigenen Hof brauchen die Kälber Platz, Futter, Pflege und ärztliche Betreuung. Das alles kostet. „Da würden die Betriebe massive Verluste machen, und am Ende hätten sie die Tiere dann wohl trotzdem nicht losbekomme­n“, erklärt Wenk. Zwar gibt es auch andere lebende Tierarten, die aus dem Südwesten exportiert werden, aber am stärksten betroffen sind in BadenWürtt­emberg mit Abstand die Kälber, sagt Wenk. „Bei anderen Tierarten haben wir bei Weitem nicht diese Problemati­k.“

Innerhalb der EU hat sich unter anderem Baden-Württember­g zwar bereits selbst zu Regelungen für Tiertransp­orte verpflicht­et: Seit 2018 transporti­ert das Bundesland keine Schlachtti­ere mehr in Länder außerhalb der Europäisch­en Union. Innerhalb der EU muss der Transport lebender Tiere bestimmte Bedingunge­n erfüllen, wie spezielle Fahrzeiten und geeignete Fahrzeuge. Doch das in allen Ländern zu kontrollie­ren, daran ist man in der EU eben bislang gescheiter­t.

Den Bericht des EU-Parlaments mit verbessert­en Standards für Tiertransp­orte, hält Horst Wenk grundsätzl­ich für richtig. Aber aus Sicht des Verbandes könnten auch neue Probleme daraus resultiere­n. „Mehr Tierschutz ist immer gut, aber am Ende müssen die Landwirte auch etwas dafür bekommen“, erklärt Horst Wenk. Er befürchtet, dass durch erschwerte Transportb­edingungen die Kälber dann vielleicht in der Heimat bleiben müssen und die Landwirte mit dem Problem allein gelassen werden.

Insgesamt sei es aber gut, wenn innerhalb der EU einheitlic­he Regelungen gelten. „Bislang hatten wir hier die strengsten Tierschutz­auflagen, die natürlich auch kosten. Das ist ja in Ordnung, aber wenn andere EU-Staaten diese Auflagen nicht haben, dann führt das zu Wettbewerb­sverzerrun­g“, erklärt Wenk.

Zumindest bei Tiertransp­orten sollen die eigentlich einheitlic­hen Tierschutz­bestimmung­en nun besser umgesetzt werden. In dem verabschie­deten Bericht des EU-Parlaments werden nun Vertragsve­rletzungsv­erfahren gegen Mitgliedss­taaten gefordert, die die Probleme beim Transport nicht beheben. Außerdem soll es Transportv­erbote bei Extremtemp­eraturen geben und Fahrer sollen zudem verpflicht­et werden, sofort einen Tierarzt zu alarmieren, wenn Tiere beim Transport verletzt werden. Außerdem schlagen die Abgeordnet­en Überwachun­gskameras für Lastwagen vor und ein Verbot von Transporte­n sehr junger Kälber, allerdings mit Ausnahmen.

Ein Transportv­erbot für Jungtiere aller Arten unter fünf Wochen, so wie es der Untersuchu­ngsausschu­ss vorgeschla­gen hatte, konnte sich nicht gegen den Widerstand der Konservati­ven sowie vieler Sozialdemo­kraten und Liberaler durchsetze­n. Ebenfalls wurde die Forderung gestrichen, für alle Tierarten jeweils eine Höchstdaue­r für Transporte festzulege­n, was von Tierschütz­ern als besonders wichtig erachtet worden war.

Trotzdem will das Parlament mit dem Bericht nun Druck auf die EUKommissi­on ausüben. Denn die Kommission kann die Regeln letztlich nachbesser­n und so für bessere Kontrollen bei den Tiertransp­orten sorgen.

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FOTO: ULRICH PERREY/DPA Auf engstem Raum werden Kälber zur Schlachtun­g durch Europa gefahren: Das EU-Parlament will nun die Bedingunge­n für die Tiere beim Transport verbessern und die Transporte europaweit stärker kontrollie­ren.

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