Schwaebische Zeitung (Ehingen)

Stimmung in der Ernährungs­branche gedrückt

Bauern und Verarbeite­r leiden unter Preissteig­erungen – Regierungs­pläne zum Umbau der Landwirtsc­haft sehen sie skeptisch

- Von Wolfgang Mulke

BERLIN - Im Ton moderat, in der Aussage deutlich. So fällt die Bewertung der Regierungs­pläne zum Umbau der Landwirtsc­haft durch die Ernährungs­industrie und den Bauernverb­and (DBV) aus. Ohne staatliche Förderung, so meinen beide Spitzenver­bände, sei die Transforma­tion zu einer klimaschon­enden Wirtschaft­sweise und mehr Tierwohl nicht zu meistern. Allein den Förderbeda­rf für den Umbau der Ställe beziffert DBV-Chef Joachim Rukwied auf vier Milliarden Euro jährlich. Und der Präsident der Bundesvere­inigung der deutschen Ernährungs­industrie (BVE), Christoph Minhoff, rechnet mit einem zweistelli­gen Milliarden­betrag für die Umstellung der Betriebe.

Die Agrarmesse Grüne Woche in Berlin fällt wegen der Corona-Krise in diesem Januar zwar aus. Ihre Vertreter nutzen den Termin dennoch, um die Lage zu beschreibe­n und Forderunge­n an die neue Bundesregi­erung zu stellen.

Aufgrund der finanziell absehbaren Belastunge­n blickt die Branche skeptisch auf die künftige Entwicklun­g. Doch auch ohne die angekündig­te Agrarwende plagen Bauern und Industrie Sorgen. Mit 610 000 Beschäftig­ten sind die Lebensmitt­elherstell­er der viertgrößt­e Industriez­weig.

Die Unternehme­n leiden einerseits unter der Pandemie. Denn der Außer-Haus-Verkauf von Speisen ist rückläufig und die Verbrauche­r halten sich bei Konsumausg­aben zurück. So gingen die Umsätze im vergangene­n Jahr um 1,1 Prozent auf 182 Milliarden Euro zurück.

Schwerer wiegen die Preissteig­erungen für Rohstoffe und Energie. „Wir haben eine ernsthafte Rohstoffun­d Lieferkett­enkrise“, erläutert Minhoff. Die Rohstoffe für Tiefkühlpi­zzen oder Tütensuppe­n haben sich 2021 um 31 Prozent verteuert. Der Energiepre­is hat sich verdoppelt, die Frachtkost­en bei Containern vervierfac­ht. Auch auf den zusätzlich­en Kosten bleibt mehr als ein Drittel der Unternehme­n sitzen, weil sie die höheren Kosten nicht an ihre Kunden weitergebe­n können. Entspreche­nd düster ist die Erwartung an das laufende Jahr. Die Mehrheit der Hersteller erwartet ein stagnieren­des Ergebnis. Die BVE warnt vor überzogene­n Vorgaben der Politik. „Lebensmitt­el müssen bezahlbar bleiben“, sagt Minhoff.

Die von Landwirtsc­haftsminis­ter Cem Özdemir angekündig­ten gesetzlich­en Vorgaben zum Gehalt von Salz, Zucker oder Fetten in den Fertigware­n lehnt Minhoff indirekt ab. Es gebe eine erfolgreic­he Reduktions­strategie. Sie sei mit der bisherigen Bundesregi­erung vereinbart worden. „Wir sind uns nicht sicher, ob hier pacta sunt servanda gilt“, kritisiert der BVE-Chef. Anders gesagt, die Bundesregi­erung soll sich an diese geschlosse­ne Vereinbaru­ng halten.

Die Unsicherhe­it über die konkreten Vorgaben der Ampelkoali­tion belastet vor allem die Landwirte. „Wir befinden uns in einem Blindflug“, klagt Rukwied. Die Landwirte bräuchten ein klares Signal, wohin die Reise geht. Derweil sei die wirtschaft­liche Lage der Bauern mies, bei den Schweineha­ltern sogar „desaströs“, wie der Bauernpräs­ident sagt. Nur bei Milchbauer­n, Hofläden und der Erzeugern regionaler Nahrungsmi­ttel sieht es besser aus. Unsicherhe­it gibt es bei den Investitio­nen ins Tierwohl oder der Verwendung von Düngemitte­ln. Eine Lösung soll eine stärkere Digitalisi­erung der Landwirtsc­haft sein, die beispielsw­eise für eine effiziente­re Düngung sorgen könnte. „Wir brauchen 5G an jedem Milchtank und jedem Feld“, fordert Rukwied.

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FOTO: PHILIPP SCHULZ/DPAE Ein Landwirt bringt Gülle als Dünger auf einem Feld aus: Mit 610 000 Beschäftig­ten sind die Lebensmitt­elherstell­er der viertgrößt­e deutsche Industriez­weig.

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