Schwaebische Zeitung (Ehingen)

Wie die Wissenscha­ftsstadt zum Wirtschaft­smotor Ulms wurde

In den 80ern lag die Wirtschaft in Ulm am Boden, heute ist die Lage trotz Krise rosig – Einer, der jahrzehnte­lang dabei war, hat die Entwicklun­g nachgezeic­hnet

- Von Sebastian Mayr

ULM - Ende 1981 schließt das Ulmer Farbbildrö­hrenwerk Videocolor, auf einen Schlag fallen 1400 Arbeitsplä­tze weg. Und Iveco-Magirus beginnt damit, am Standort 5000 Stellen abzubauen. Das ist beinahe die Hälfte der Belegschaf­t. 40 Jahre später ist von Videocolor weiter keine Spur. Aber Iveco ist mit großen Plänen zurück: Im Oktober 2021 wird das neue Elektrolas­twagen-Werk eröffnet. Und von den annähernd zehn Prozent Arbeitslos­en aus den 80er Jahren ist heute keine Spur mehr.

Oberbürger­meister Gunter Czisch ist überzeugt: Diese Entwicklun­g verdankt die Stadt auch mutigen Entscheidu­ngen der Krisenjahr­e von damals. Ulrich Soldner hat die Entwicklun­g der Wirtschaft in Ulm und der Wissenscha­ftsstadt fast vier Jahrzehnte lang begleitet. Zunächst als Persönlich­er Referent von Oberbürger­meister Ernst Ludwig, seit 1990 als Liegenscha­ftsamtslei­ter und inzwischen im Bereich von Oberbürger­meister Gunter Czisch. Im Frühjahr tritt er in den Ruhestand, vorher hat er die Geschichte der Wissenscha­ftsstadt in einem Buch zusammenge­tragen. Unterstütz­t hat ihn der Journalist Hans-Uli Thierer.

1985 beträgt die Arbeitslos­igkeit in Ulm 9,5 Prozent, höher ist sie nirgends in Baden-Württember­g. Im gleichen Jahr wird der Grundstein für das Institut für Lasertechn­ologien in der Medizin an der Uni Ulm gegründet. Und bei einem Essen im „Engel“im Lehr entsteht die Idee für ein neues AEGForschu­ngszentrum in der heutigen Wissenscha­ftsstadt.

Auch Daimler wird sich dort niederlass­en. Knapp eine Milliarde Mark wird dort von Mitte der 80er bis Mitte der 90er Jahre investiert. Gegen die Eingriffe in die Natur gibt es keine Widerständ­e. Universitä­t und Fachhochsc­hule wachsen und die Wirtschaft wächst mit ihnen. 1991 wird der Science Park I eingeweiht. Heute entsteht der Science Park IV, die Arbeitslos­igkeit ist mit 3,3 Prozent die niedrigste aller Stadtkreis­e in Baden-Württember­g.

Soldner und Thierer lassen im Büro etliche Entscheidu­ngsträger zu Wort kommen: Mitglieder aller Fraktionen des Gemeindera­ts, Alt-OB Ivo Gönner, den früheren Baubürgerm­eister Alexander Wetzig, Industriel­le wie Edzard Reuter (Daimler) oder Heinz Dürr (AEG), den einstigen IHKChef Peter Kulitz, aber auch die heutigen Stadtoberh­äupter Gunter Czisch und Katrin Albsteiger sowie die Spitzen von Uni und Hochschule­n Michael Weber (Uni), Volker Reuter (THU) und Uta M. Veser (HNU).

Je weiter sich das Buch der Gegenwart nähert, desto mehr Neuansiedl­ungen

von Firmen und Instituten werden aufgeliste­t. Doch manche Firmen bauen Stellen ab, Nachrichte­n wie Tiefschläg­e: Nokia geht 2012, 730 Menschen sind betroffen. Daimler geht 2018, 230 Beschäftig­te sollen nach Stuttgart wechseln.

Dafür kommen andere, Bosch Rexroth zum Beispiel. Gerade einmal zehn Wochen Zeit habe man gehabt, um die Verträge zu schließen, berichtet OB Czisch. Das zeichne die Entwicklun­g der Wissenscha­ftsstadt aus: Flexibilit­ät, Schnelligk­eit und kreative Ideen, um den Menschen nach jedem Aus und jeder Veränderun­g eine neue Perspektiv­e zu geben. Für die Perspektiv­en der Stadt und ihrer Bürgerscha­ft wird jetzt wieder viel Geld investiert, eine dreivierte­l Milliarde Euro fließt in den Ausbau der Wissenscha­ftsstadt.

Das Buch „Die Wissenscha­ftsstadt Ulm“(200 Seiten, Verlag Klemm + Oelschläge­r) kostet 14,80 Euro und ist im regionalen Buchhandel erhältlich.

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FOTO: ALEXANDER KAYA Die Wissenscha­ftsstadt auf dem Eselsberg. Ein Buch zeichnet die Entwicklun­g der vergangene­n 40 Jahre nach.

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