Bür­ger­meis­ter ver­zwei­felt ge­sucht

Vor al­lem klei­ne Kom­mu­nen ha­ben im­mer grö­ße­re Pro­ble­me, Be­wer­ber zu fin­den

Schwaebische Zeitung (Friedrichshafen) - - ERSTE SEITE - Von Ka­ra Ball­arin und lsw

STUTT­GART (kab) - Viel Ar­beit für we­nig Geld und schwin­den­des An­se­hen: Vor al­lem klei­ne Kom­mu­nen im Süd­wes­ten tun sich im­mer schwe­rer da­mit, Be­wer­ber für das Amt des Bür­ger­meis­ters zu fin­den. Ent­spre­chen­de Zah­len hat der Ver­band Ba­den-Würt­tem­ber­gi­scher Bür­ger­meis­ter am Mon­tag in Stutt­gart vor­ge­stellt. Um die At­trak­ti­vi­tät der Auf­ga­be zu stei­gern, plä­diert der Kon­stan­zer Ver­wal­tungs­wis­sen­schaft­ler Wolf­gang Sei­bel für ei­ne bes­se­re Be­zah­lung. „Das ei­gent­lich ja schö­ne Amt ei­nes orts­ver­bun­de­nen Bür­ger­meis­ters muss man at­trak­ti­ver ma­chen“, sag­te Sei­bel am Mon­tag.

STUTT­GART - Im­mer mehr Kom­mu­nen im Süd­wes­ten tun sich mit der Su­che nach ei­nem Bür­ger­meis­ter schwer – vor al­lem klei­ne Ge­mein­den. Der Ver­band Ba­den-Würt­tem­ber­gi­scher Bür­ger­meis­ter schlägt nun Alarm. Er for­der­te am Mon­tag in Stutt­gart ei­ne bes­se­re Be­zah­lung, um das Amt wie­der at­trak­ti­ver zu ma­chen. Geld sei aber nicht der ein­zi­ge Fak­tor, sag­te der par­tei­lo­se Ver­bands­prä­si­dent Micha­el Ma­ku­rath. Ge­ra­de jun­ge Men­schen woll­ten sich den Job schlicht nicht an­tun.

Jo­sef Ren­ner ist ger­ne Bür­ger­meis­ter, sonst hät­te er sich im ver­gan­ge­nen Jahr kaum wie­der­wäh­len las­sen. Seit neun Jah­ren lenkt er die Ge­schi­cke von Eme­rin­gen, und zwar eh­ren­amt­lich. Der 140-See­len-Ort im Alb-Do­nau-Kreis ist die kleins­te ei­gen­stän­di­ge Ge­mein­de im Re­gie­rungs­be­zirk Tü­bin­gen. Ei­gent­lich sei es un­er­heb­lich, ob ein Bür­ger­meis­ter für 200 oder 2000 Men­schen Ver­ant­wor­tung tra­ge, sagt Ren­ner. Die Ver­wal­tungs­tä­tig­keit sei die­sel­be, und die sei ste­tig ge­wach­sen. „In Ge­mein­den wir mei­ner gibt es we­ni­ge Leu­te, die das ma­chen wol­len“, sagt Ren­ner. „Man braucht ei­ne ide­el­le Ein­stel­lung.“

Ne­ben den ver­wal­te­ri­schen Pflich­ten kom­men die Be­gehr­lich­kei­ten der Bür­ger hin­zu. Und die sind laut Ver­band der Süd­west-Bür­ger­meis­ter in den ver­gan­ge­nen Jah­ren eben­falls ste­tig ge­stie­gen. Die Ton­la­ge ha­be sich ver­än­dert, ge­ra­de auch durch das In­ter­net, sagt Ver­bands­prä­si­dent Ma­ku­rath. „Wenn das so wei­ter­geht, will kei­ner mehr den Kopf raus­stre­cken, weil er ihm gleich wie­der ab­ge­schla­gen wird.“

So weit ging der An­griff auf den Ho­cken­hei­mer Ober­bür­ger­meis­ter Die­ter Gum­mer ver­gan­ge­nen Ju­li zwar nicht. Den­noch: Der SPD-Po­li­ti­ker wur­de nie­der­ge­schla­gen und er­litt un­ter an­de­rem ei­nen Kie­fer­bruch. Da­mit ist er nicht al­lein. In ei­ner Um­fra­ge in der Zeit­schrift „Kom­mu­nal“des Deut­schen Städ­te- und Ge­mein­de­bunds ga­ben 20,4 Pro­zent der mehr als 1000 be­frag­ten Orts­ober­häup­ter an, Hass­mails be­kom­men zu ha­ben oder ver­bal be­droht wor­den zu sein. Fast zwei Pro­zent be­rich­te­ten von kör­per­li­chen An­grif­fen.

Drit­ter Grund, der ge­gen das Bür­ger­meis­ter­amt spre­che, sei die Ver­ein­bar­keit des Be­rufs mit der Fa­mi­lie. Das zeigt sich laut Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Vin­zenz Hu­zel auch am An­teil der Frau­en, die in Rat­häu­sern im Süd­wes­ten den Ton an­ge­ben. Die­ser lie­ge bei un­ter zehn Pro­zent. Hu­zel hat die Bür­ger­meis­ter­wah­len im Land zwi­schen 2008 und 2015 un­ter­sucht und im Jahr 2015 rund 530 Bür­ger­meis­ter be­fragt. Sei­ne Er­geb­nis­se: Die Be­wer­ber um of­fe­ne Stel­len wer­den äl­ter und sind im­mer sel­te­ner Ver­wal­tungs­fach­leu­te. Durch­schnitt­lich be­war­ben sich auf ei­nen Pos­ten zwei Kan­di­da­ten. Die be­frag­ten Bür­ger­meis­ter be­klag­ten laut Hu­zel, dass der Stress zu­neh­me, die Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten und das An­se­hen der­weil schwin­den.

„Die Pro­ble­ma­tik, dass es ge­ra­de für klei­ne Ge­mein­den im­mer schwie­ri­ger wird, be­fä­hig­te Kan­di­da­ten zu fin­den, ist tat­säch­lich ein vi­ru­len­tes Pro­blem“, be­stä­tigt Wolf­gang Sei­bel. Seit 30 Jah­ren ist er Pro­fes­sor für Po­li­tik- und Ver­wal­tungs­wis­sen­schaf­ten an der Uni­ver­si­tät Kon­stanz. Wer hier sei­nen Ab­schluss macht, gilt als idea­ler Kan­di­dat für ei­nen Chef­ses­sel im Rat­haus.

Eh­ren­amt kommt an Gren­zen

Als ei­nen Schritt emp­fiehlt Sei­bel, die Kom­mu­na­l­ord­nung des Lan­des zu än­dern. Ge­ra­de Bür­ger­meis­ter klei­ne­rer Ge­mein­den wie Jo­sef Ren­ner müss­ten bes­ser be­zahlt wer­den. „Das Mo­dell der eh­ren­amt­li­chen Bür­ger­meis­ter funk­tio­niert so nicht. Das ne­ben­her zu ma­chen, hält der heu­ti­gen Wirk­lich­keit nicht mehr Stand“, sagt er.

Bür­ger­meis­ter von Ge­mein­den mit we­ni­ger als 500 Ein­woh­nern ar­bei­ten im­mer eh­ren­amt­lich und be­kom­men le­dig­lich ei­ne Auf­wands­ent­schä­di­gung zwi­schen knapp 900 und 1710 Eu­ro. Bei Kom­mu­nen bis 2000 Ein­woh­nern ent­schei­det der Ge­mein­de­rat über das Ge­halt des Bür­ger­meis­ters. Hier liegt die Span­ne bei 2246 bis 3850 Eu­ro. „Dass ein

Bür­ger­meis­ter ei­ner klei­nen Ge­mein­de so viel ver­dient wie ein Ober­stu­di­en­rat wä­re wohl nicht ver­mes­sen“, sagt Ver­wal­tungs­pro­fes­sor Sei­bel. „Das ei­gent­lich ja schö­ne Amt ei­nes orts­ver­bun­de­nen Bür­ger­meis­ters muss man at­trak­ti­ver ma­chen.“

Geld sei das ei­ne, An­er­ken­nung für die Be­deu­tung des Jobs ein wei­te­rer we­sent­li­cher Punkt. Hier nimmt Sei­bel auch die Me­di­en in die Pflicht. Es soll­te viel stär­ker er­klärt wer­den, wie wich­tig die Kom­mu­nal­po­li­ti­ker, ge­ra­de der Bür­ger­meis­ter vor Ort ist. „Die kom­mu­na­le Ver­wal­tung ist die, die uns Bür­gern am nächs­ten steht“, sagt Sei­bel und nennt Müll­ent­sor­gung und Was­ser­ver­sor­gung als nur zwei von vie­len Bei­spie­len. „Es liegt auf der Hand: Die Ent­wick­lung ei­ner Kom­mu­ne steht und fällt mit der Per­son des Bür­ger­meis­ters.“

Das be­tont auch Jo­sef Ren­ner aus Eme­rin­gen. Das Schö­ne an sei­nem Job: „Wir kön­nen un­se­re Ge­schi­cke selbst in die Hand neh­men – aber es kos­tet Zeit.“Als Rent­ner ha­be er die in­zwi­schen, sagt der 67-Jäh­ri­ge. Doch bis vor ei­nem Jahr, als er noch be­rufs­tä­tig war, sei es stets ein Pro­blem ge­we­sen, Be­ruf und Bür­ger­meis­ter-Tä­tig­keit un­ter ei­nen Hut zu be­kom­men. Dass da vie­le jün­ge­re, ge­eig­ne­te Kan­di­da­ten ab­win­ken, ver­ste­he er. „Auch die kri­ti­sche öf­fent­li­che Hal­tung muss man aus­hal­ten“, sagt Ren­ner. „Wenn die Ent­loh­nung so wä­re, dass man die be­ruf­li­che Tä­tig­keit re­du­zie­ren könn­te, wä­re der An­reiz grö­ßer.“

FO­TO: STE­FAN PUCHNER/DPA

Chef­pos­ten zu ver­ge­ben: Durch­schnitt­lich be­wer­ben sich auf ei­ne Po­si­ti­on als Bür­ger­meis­ter in Ba­den-Würt­tem­berg zwei In­ter­es­sen­ten. Es kommt aber auch im­mer wie­der vor, dass zu­nächst gar kein Kan­di­dat be­reit ist, den Job zu über­neh­men.

ARCHIVFOTO: HOG

Jo­sef Ren­ner

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