Deut­sch­ab­itur

Im Deut­sch­ab­itur tau­chen im­mer wie­der die­sel­ben Wer­ke und Au­to­ren auf

Schwaebische Zeitung (Laupheim) - - ERSTE SEITE -

De­bat­te über die Klas­si­ker

RA­VENS­BURG/ LEUTKIRCH - „Die Wur­zeln der Bil­dung sind bit­ter, ih­re Früch­te aber sind süß.“Das soll der gro­ße grie­chi­sche Phi­lo­soph Aris­to­te­les ein­mal ge­sagt ha­ben. Zu­min­dest dem ers­ten Teil wür­den si­cher die meis­ten Schü­ler zu­stim­men, wenn es ans Abitur im Fach Deutsch geht. Goe­the, Schil­ler, Kaf­ka und Büch­ner tau­chen re­gel­mä­ßig un­ter den Schwer­punkt­the­men auf. Zeit­ge­nös­si­sche Au­to­ren sind ei­ne Ra­ri­tät. Zeit für fri­schen Wind?

In den Abitur­prü­fun­gen am Mitt­woch wer­den zum drit­ten Mal Schü­le­rin­nen und Schü­ler in Ba­den-Würt­tem­berg mit Ge­org Büch­ners „Dan­tons Tod“(1835), Pe­ter Stamms „Ag­nes“(1998) und „Ho­mo Fa­ber“(1957) von Max Frisch kon­fron­tiert. Im nächs­ten Jahr sind Goe­thes „Faust“(1808), Hes­ses „Step­pen­wolf“(1927) und E. T. A. Hoff­manns „Der gold­ne Topf“(1814) dran. Seit dem Jahr 2000 war „Faust“be­reits vier­mal The­ma, eben­so wie Kaf­kas „Der Pro­zess“oder Fon­ta­nes „Ef­fie Briest“. Zeit­ge­nös­si­sche Li­te­ra­tur schafft es wie­der ein­mal nicht in den Prü­fungs­ka­non.

Schü­ler wol­len mehr Aus­wahl

„Vie­les ist ziem­lich al­ter­tüm­lich ge­schrie­ben“, sagt La­ra Fleisch­mann vom Hans-Mult­scher-Gym­na­si­um in Leutkirch. Die 17-Jäh­ri­ge geht in die 11. Klas­se und be­rei­tet sich mit ih­ren Mit­schü­lern auf die Prü­fung im nächs­ten Jahr vor. Den „Faust“hat sie da­für schon ge­le­sen. „Es macht wirk­lich viel Ar­beit, sich auf den Text ein­zu­las­sen.“Un­ver­ständ­lich sei er zwar nicht, sagt ih­re Mit­schü­le­rin Mag­da­le­na Janz, aber auch nicht ein­fach, zu­mal man we­nig Be­zug zur da­ma­li­gen Ge­sell­schaft ha­be.

Die Schü­le­rin­nen wür­den sich mehr Mit­be­stim­mungs­mög­lich­kei­ten wün­schen. „Zum Bei­spiel mit ei­ner Aus­wahl aus Tex­ten al­ler Epo­chen“, schlägt Si­na In­ho­fer (17) vor. Lust zu Le­sen, da sind sich al­le drei ei­nig, we­cken die Klas­si­ker nicht un­be­dingt. Da­zu sei­en als Ein­stieg mo­der­ne Tex­te, wie sie sie aus dem Fach Eng­lisch ken­nen, si­cher bes­ser ge­eig­net. La­ra Fleisch­mann: „Na­tür­lich ste­hen die Klas­si­ker von Goe­the und Schil­ler auch für Kul­tur und Ge­schich­te Deutsch­lands, und sie sind wich­tig. Aber auch heu­te wer­den gu­te Ge­schich­ten ge­schrie­ben.“

Bernd Saur, Vor­sit­zen­der des Phi­lo­lo­gen­ver­band Ba­den-Würt­tem­berg ver­tei­digt die Abitur­the­men: „Es geht in den Klas­si­kern um mensch­li­che Arche­ty­pen wie Gier Ei­fer­sucht, die sie­ben Tod­sün­den. Sie sind al­le schon in der grie­chi­schen Tra­gö­die ver­tre­ten, blei­ben aber zeit­los.“

Man kön­ne zwar dar­über nach­den­ken, ob nicht auch ak­tu­el­le Wer­ke sich mit die­sen Arche­ty­pen be­schäf­ti­gen, aber: „Schu­le ist nicht nur nach dem Lust­prin­zip mög­lich.“Gym­na­sia­le Bil­dung müs­se ei­ner­seits zwar die Lust zum Le­sen we­cken, an­de­rer­seits aber auch Hür­den schaf­fen, die es zu über­sprin­gen gel­te. „Die Er­zie­hung in ei­ner Kul­tur­na­ti­on be­deu­tet auch, dass jun­ge Men­schen mit Ge­schich­te und Kul­tur kon­fron­tiert wer­den müs­sen.“Saur räumt al­ler­dings ein, dass es si­cher loh­nens­wert sei, über neue Kon­zep­te zum Er­we­cken der Le­se­lust nach­zu­den­ken. Al­ler­dings brau­che man da­für re­prä­sen­ta­ti­ve und sub­stan­zi­el­le Wer­ke.

Die Aus­wahl der The­men re­gelt in Ba­den-Würt­tem­berg das Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Das geht nach Aus­kunft des Mi­nis­te­ri­ums so: Die vier Re­gie­rungs­prä­si­di­en be­auf­tra­gen aus­ge­wähl­te

Schu­len mit der Ein­rei­chung von

Auf­ga­ben­vor­schlä­gen. Die je­wei­li­gen Schul­lei­tun­gen wäh­len dann Lehr­kräf­te aus, die Vor­schlä­ge ein­schi­cken.

Ei­ne Abitur­kom­mis­si­on des Mi­nis­te­ri­ums ent­schei­det, wel­cher Vor­schlag es in die Prü­fungs­auf­ga­ben schafft. Seit 2017 wird zu­dem ei­ne der fünf Auf­ga­ben dem ge­mein­sa­men Abitur­auf­ga­ben­pool der Län­der ent­nom­men. Die Auf­ga­ben des Pools wer­den von ei­ner Ar­beits­grup­pe des In­sti­tuts für Qua­li­täts­ent­wick­lung im Bil­dungs­we­sen (IQB) nach Auf­ga­ben­vor­schlä­gen der Län­der er­stellt. In den Ar­beits­grup­pen ar­bei­ten Lehr­kräf­te der Län­der zu­sam­men, die laut Mi­nis­te­ri­um Er­fah­rung in der Er­stel­lung von Abitur­auf­ga­ben ha­ben. „Die Lek­tü­ren wer­den auf­grund ih­rer li­te­ra­ri­schen Be­deut­sam­keit und nach fach­di­dak­ti­schen und fach­wis­sen­schaft­li­chen Ge­sichts­punk­ten aus­ge­wählt“,so ei­ne Spre­che­rin. Die Ar­beits­grup­pen wer­den von Wis­sen­schaft­lern des je­wei­li­gen Fachs be­ra­ten.

We­nig Zeit­ge­nös­si­sches

Die The­men wer­den, ein­mal aus­ge­sucht, für meh­re­re Jahr­gän­ge ver­pflich­ten­de Lek­tü­re. Mit Pe­ter Stamm hat es im­mer­hin ein zeit­ge­nös­si­scher Au­tor in die ak­tu­el­le Aus­wahl ge­schaftt. Ei­ne Aus­nah­me. In den letz­ten 18 Jah­ren gab es au­ßer „Ag­nes“mit Dür­ren­matts „Be­such der al­ten Da­me“nur ein Nach­kriegs­werk. An­sons­ten herr­schen die Klas­si­ker vor, al­so al­les vom 18. bis zum 20. Jahr­hun­dert.

Für Ma­de­lei­ne Schwei­zer­hof vom Lan­des­schü­ler­bei­rat ist das zu we­nig. Sie wür­de sich wie die Leut­kir­cher Schü­le­rin­nen mehr Wahl­mög­lich­kei­ten wün­schen. „War­um gibt es nicht sechs Bü­cher statt drei? Dar­un­ter min­des­tens ein mo­der­nes, das leich­ter ver­ständ­lich ist und mit den an­de­ren ver­gli­chen wer­den kann.“Zu­min­dest als Ver­such: „Ich kann mir vor­stel­len, dass man das für zwei Jah­re aus­pro­biert und das Feed­back

aus­wer­tet.“

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FO­TO: KA­RA BALL­ARIN

Zum drit­ten Mal wird Ge­org Büch­ners „Dan­tons Tod“von 1835 im Abitur ab­ge­fragt. Das Werk han­delt von Kon­flik­ten zwi­schen fran­zö­si­schen Re­vo­lu­tio­nä­ren.

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