Bau­ern star­ten Na­tur­schutz-An­trag

Land­wir­te är­gern sich über un­rea­lis­ti­sche Zie­le – Trotz­dem soll es ei­nen Dia­log ge­ben

Schwaebische Zeitung (Leutkirch / Isny / Bad Wurzach) - - ERSTE SEITE - Von He­len Belz und Mark Hil­de­brandt

STUTT­GART (epd) - Ei­nen ei­ge­nen An­trag zum Ar­ten- und Na­tur­schutz ha­ben drei Bau­ern­ver­bän­de am Mitt­woch beim Land­tag in Stutt­gart ein­ge­reicht. Mit dem Volks­an­trag „Ge­mein­sam un­se­re Um­welt schüt­zen“sol­le das Be­kennt­nis der Land­wirt­schaft zum ko­ope­ra­ti­ven Na­tur­schutz be­kräf­tigt wer­den, man wol­le Ar­ten­schutz und Land­wirt­schaft mit­ein­an­der ver­ei­nen. Mit dem Ent­wurf kri­ti­sie­ren die Land­wir­te das En­de Sep­tem­ber ge­star­te­te Volks­be­geh­ren „Ret­tet die Bie­ne“.

- Das Volks­be­geh­ren „Ret­tet die Bie­nen“er­hitzt die Ge­mü­ter. Be­son­ders die der Land­wir­te, die fürch­ten, dass ih­re In­ter­es­sen im Ge­set­zes­ent­wurf nicht be­rück­sich­tigt wer­den. Der Kreis­bau­ern­ver­band (KBV) Tettnang will das än­dern und hat ei­nen um­strit­te­nen Brief an sei­ne Mit­glie­der ge­schickt. In dem wer­den Kon­takt­da­ten der Un­ter­stüt­zer des Volks­be­geh­rens preis­ge­ge­ben. Ein­zel­ne Land­wir­te ver­grif­fen sich dar­auf­hin im Ton – trotz­dem set­zen die Be­tei­lig­ten auf ge­mein­sa­men Dia­log.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann (Grü­ne) hat am Di­ens­tag das Volks­be­geh­ren „Ret­tet die Bie­nen“scharf an­ge­grif­fen. Die Zie­le sei­en zwar die rich­ti­gen, die Um­set­zung müs­se aber über­ar­bei­tet wer­den. Land­wirt Die­ter Main­ber­ger, Vor­sit­zen­der des KBV Tettnang, will das im Dia­log lö­sen: „Ich hal­te viel da­von, in sol­chen Kon­flik­ten den per­sön­li­chen Kon­takt zu su­chen.“

Der Brief an die Mit­glie­der ha­be zwei Zie­le ge­habt: Zum ei­nen sol­len sich die Land­wir­te mit den Fol­gen des Volks­be­geh­rens aus­ein­an­der­set­zen. Die sei­en für je­den Be­trieb an­ders, so Main­ber­ger. Zum an­de­ren sol­len Bau­ern die Mög­lich­keit be­kom­men, auf Un­ter­neh­men zu­zu­ge­hen, die das Volks­be­geh­ren un­ter­stüt­zen. In ei­nem per­sön­li­chen Ge­spräch kä­me das The­ma und die Be­trof­fen­heit ganz an­ders an. Die Un­ter­neh­men sol­len so auf die Si­tua­ti­on der Bau­ern auf­merk­sam wer­den. „Vie­le von ih­nen fürch­ten um ih­re Exis­tenz“, sagt der KBV-Chef. Er ha­be nicht zu Streit oder Be­schimp­fun­gen auf­ge­ru­fen. Auch dar­an, dass es da­ten­schutz­recht­lich nicht er­laubt ist, die­se Adres­sen zu ver­schi­cken, ha­be er nicht ge­dacht.

Recht of­fen­siv hat­ten sich vor ei­ni­ger Zeit Tett­nangs Hop­fen­pflan­zer auf Face­book ge­gen­über Vau­de ge­äu­ßert, nach­dem das Un­ter­neh­men mit­ge­teilt hat­te, dass es sein Lo­go von der Volks­be­geh­ren-Sei­te hat­te ent­fer­nen las­sen. Es sei wohl die Er­kennt­nis ge­reift, dass „die ei­ge­ne Pro­fi­lie­rung durch Öko­po­pu­lis­mus zum Scha­den der hei­mi­schen Land­wirt­schaft der fal­sche Weg“sei. Kri­tik gab es er­neut am Mon­tag bei der Haupt­ver­samm­lung des Hop­fen­pflan­zer­ver­bands.

Ver­är­ge­rung un­ter Hop­fen­bau­ern

Auf Nach­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“äu­ßert Ge­schäfts­füh­rer Jür­gen Weis­haupt, dass die­se Äu­ße­rung die Stim­mung un­ter den Pflan­zern wi­der­spieg­le. Der Vor­sit­zen­de Wolf­gang Ru­ther sagt, man müs­se die Be­völ­ke­rung mit­neh­men, aber eben auch in die Ver­ant­wor­tung neh­men. Es kön­ne für die Pflan­zer aber auch nicht dar­um ge­hen, den Sta­tus quo bei­zu­be­hal­ten. Die­se müss­ten sich eben­falls be­we­gen und sei­en zu Ve­rän­de­run­gen be­reit. Das ge­he aber nicht von heu­te auf mor­gen.

Vau­de-Che­fin Antje von De­witz kann die Sor­gen der Land­wir­te nach­voll­zie­hen: „Es muss die Ziel­set­zung sein, dass die Exis­ten­zen ge­si­chert sind.“Al­ler­dings hat­te Vau­de schon beim Rück­zug aus dem Volks­be­geh­ren be­tont, dass Ve­rän­de­run­gen in der Land­wirt­schaft wich­tig sei­en. Es müs­se Sor­ge ge­tra­gen wer­den, dass die Ar­ten­schutz­zie­le er­reicht wür­den. „Hier muss die Re­gie­rung mo­de­rie­rend ein­wir­ken“, sagt von De­witz. Die­se müs­se Rah­men­be­din­gun­gen schaf­fen.

Ei­ne Po­la­ri­sie­rung in Dis­kus­sio­nen sei ge­ne­rell nicht gut: „Fron­ten ver­hin­dern Dia­log.“Da­bei ge­be es in der Sa­che vie­le Land­wir­te, die of­fen für Ve­rän­de­run­gen sei­en. Vor die­sem Hin­ter­grund hat­te Vau­de schon vor ei­ni­gen Wo­chen das Fir­men­lo­go von der Platt­form des Volks­be­geh­rens „Ret­tet die Bie­nen“ent­fer­nen las­sen. Grenz­über­schrei­tun­gen wie zwei grü­ne Kreu­ze vor ih­rem Pri­vat­haus sieht sie als Aus­rei­ßer, auch wenn das ih­re Fa­mi­lie durch­aus be­las­tet ha­be. So et­was dür­fe den Dia­log nicht be­hin­dern. Hier ha­be es sei­tens ein­zel­ner Land­wir­te und von Ver­bands­sei­te auch die Rück­mel­dung ge­ge­ben, dass sie die­se Ak­ti­on ver­ur­tei­len.

Tex­til­bran­che und Land­wirt­schaft sei­en nicht eins zu eins ver­gleich­bar, den­noch ge­be es ge­ra­de mit Blick auf Ve­rän­de­rungs­pro­zes­se Ähn­lich­kei­ten. Die­se ha­be Vau­de in der Ver­gan­gen­heit eben­falls durch­ge­macht. Der öf­fent­li­che Druck durch die Gre­en­peace-Kam­pa­gne „De­tox“et­wa ha­be zu ei­ner brei­te­ren Be­reit­schaft in der Bran­che ge­führt, PFC-freie Klei­dung zu pro­du­zie­ren. Auf der an­de­ren Sei­te ha­be Po­la­ri­sie­rung in an­de­ren Fel­dern da­zu ge­führt, dass Pro­zes­se er­schwert wor­den sei­en.

Sie ha­be er­lebt, dass Ve­rän­de­run­gen ei­ne Chan­ce be­inhal­ten, wenn man die­se pro­ak­tiv nutzt. In Be­zug auf die Land­wirt­schaft et­wa spricht sie da­von, dass Um­stel­lun­gen in Rich­tung von mehr Ar­ten­schutz auch für Agrar­che­mie-Kon­zer­ne Ge­schäfts­fel­der in­ter­es­sant ma­chen könn­ten, die bis­her vi­el­leicht noch nicht ren­ta­bel ge­nug sei­en. Sie sieht hier auch ei­ne gro­ße Ver­ant­wor­tung bei den Kun­den: „Die­se müs­sen das im Kon­sum wi­der­spie­geln.“

BUND zu Dia­log be­reit

Ul­fried Mil­ler, Ge­schäfts­füh­rer des BUND Ravensburg, sieht aber auch die Bau­ern in der Pflicht, ei­nen Teil zur Lö­sung bei­zu­tra­gen. „Wir war­ten auf ei­nen Lö­sungs­vor­schlag der Land­wir­te“, sagt er. Dem BUND sei be­wusst, dass Bau­ern durch das Volks­be­geh­ren Exis­tenz­ängs­te ha­ben. „Die For­de­run­gen gel­ten auch nicht von heu­te auf mor­gen“, ver­sucht er zu be­schwich­ti­gen. Vie­le der Zie­le rich­te­ten sich au­ßer­dem nicht an ein­zel­ne Land­wir­te, son­dern an die Po­li­tik. Die müs­se bei­spiels­wei­se Mit­tel zur Um­stel­lung auf ei­nen Bi­o­be­trieb oder zum Un­ter­halt von Streu­obst­wie­sen be­reit­stel­len. Bau­ern, die ih­re Flä­chen in Schutz­ge­bie­ten ha­ben, sol­len in ei­ner Aus­nah­me­re­ge­lung be­rück­sich­tigt wer­den.

Fäl­le wie der, in dem Antje von De­witz grü­ne Kreu­ze in ih­rem Vor­gar­ten fand, kri­ti­siert Mil­ler scharf. „Das geht gar nicht.“Mit der Lis­te, die der KBV Tettnang an sei­ne Mit­glie­der ge­schickt ha­be, sei ei­ne be­stimm­te Ab­sicht trans­por­tiert wor­den. Auch ihm sei­en schon grü­ne Kreu­ze ge­stellt wor­den. Bis­her sind das nur Ein­zel­fäl­le – Mil­ler fürch­tet aber, dass sol­che Fäl­le zu­neh­men. Jetzt sei es wich­tig, fair zu blei­ben. „Wir stel­len uns der Dis­kus­si­on und wol­len den Kon­flikt lö­sen – aber wir set­zen da­bei auf ei­nen Dia­log.“

FO­TO: MARK HIL­DE­BRANDT

Mit den grü­nen Kreu­zen drü­cken die Bau­ern ih­ren Pro­test ge­gen das Volks­be­geh­ren aus.

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