Süd­west-CDU lehnt Zu­ge­ständ­nis­se an SPD ab

Auch die Bun­des­kanz­le­rin will Ko­ali­ti­ons­ver­trag nicht nach­ver­han­deln

Schwaebische Zeitung (Ravensburg / Weingarten) - - ERSTE SEITE - Von El­len Ha­sen­kamp

STUTT­GART/BERLIN (dpa) - Füh­ren­de Stim­men der Süd­west-CDU ha­ben sich ge­gen ei­ne Neu­ver­hand­lung des schwarz-ro­ten Ko­ali­ti­ons­ver­tra­ges po­si­tio­niert. Er ist „die Grund­la­ge der Gro­Ko für die­se Le­gis­la­tur­pe­ri­ode bis 2021“, sag­te die CDU-Spit­zen­kan­di­da­tin für die ba­den-würt­tem­ber­gi­sche Land­tags­wahl, Su­san­ne Ei­sen­mann, am Mon­tag in Stutt­gart. „Ich hal­te ab­so­lut nichts da­von, den Ko­ali­ti­ons­ver­trag neu zu ver­han­deln und der SPD wei­te­re Zu­ge­ständ­nis­se zu ma­chen – nur weil der SPD-Par­tei­vor­sitz wech­selt.“Süd­west-CDU-Frak­ti­ons­chef Wolf­gang Rein­hart warn­te sei­ne Par­tei bei Zu­ge­ständ­nis­sen in­des vor Pro­fil­ver­lust.

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) zeig­te sich am Mon­tag of­fen für Ge­sprä­che mit der künf­ti­gen SPD-Füh­rung, lehn­te Neu­ver­hand­lun­gen aber ab. Mer­kel sei grund­sätz­lich zur Zu­sam­men­ar­beit und zum Ge­spräch be­reit, „wie es in ei­ner Ko­ali­ti­on üb­lich ist“, sag­te Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert in Berlin. Aber: „Ei­ne Neu­ver­hand­lung des Ko­ali­ti­ons­ver­trags steht nicht an.“

Die Gro­Ko-Skep­ti­ker Nor­bert Wal­ter-Bor­jans und Sas­kia Es­ken hat­ten den Mit­glie­der­ent­scheid um den SPD-Vor­sitz mit 53,06 Pro­zent der Stim­men ge­won­nen. Nach ih­rer Wahl hat­ten sie ver­deut­licht, dass der Ko­ali­ti­ons­ver­trag mit der Uni­on aus ih­rer Sicht nach­ver­han­delt wer­den muss.

BERLIN - Am Tag zwei nach der SPD-Wahl emp­fängt An­ge­la Mer­kel im Kanz­ler­amt zum Land­wirt­schafts­gip­fel. Bei der Be­grü­ßung der Teil­neh­mer oben im Kon­fe­renz­saal stellt sie fest, dass die Frak­ti­ons­ver­tre­ter von Uni­on und SPD ein Stück aus­ein­an­der sit­zen: „Rechts von mir die SPD, links von mir die Uni­on. Was das nun wie­der be­deu­tet, weiß ich nicht.“Wie der Kanz­le­rin geht es der­zeit fast al­len im Re­gie­rungs­vier­tel: Was das al­les nun zu be­deu­ten hat, weiß man nicht – noch nicht.

Was pas­siert als nächs­tes?

Am Di­ens­tag tagt die SPD-Spit­ze erst­mals aus­führ­lich zu­sam­men mit den bei­den de­si­gnier­ten Vor­sit­zen­den Sas­kia Es­ken und Nor­bert Wal­ter-Bor­jans. Es gibt ei­ni­ges zu be­spre­chen; vor al­lem den Par­tei­tag am Wo­che­n­en­de. Denn dann sol­len die De­le­gier­ten nicht nur die neue Spit­ze of­fi­zi­ell ins Amt wäh­len, sie sol­len auch über die Halb­zeit­bi­lanz der Gro­Ko be­fin­den. Grund­la­ge ist der Leit­an­trag der Par­tei­füh­rung, an dem mo­men­tan ge­feilt wird. Da zählt dann je­des Wort: Kom­men sämt­li­che For­de­run­gen von Es­ken/Wal­ter-Bor­jans aus ih­rer Wahl­kampf­pha­se mit da rein? Mehr Min­dest­lohn, hö­he­re CO2Be­prei­sung, mil­li­ar­den­schwe­res In­ves­ti­ti­ons­pa­ket zum Bei­spiel. Und wie wird das for­mu­liert? Als mit­tel­fris­ti­ges Ziel, als For­de­rung oder als Be­din­gung für die Fort­set­zung der Gro­Ko? Da­von könn­te der Fort­be­stand der Re­gie­rung ab­hän­gen.

Wird der SPD-Par­tei­tag das En­de der Ko­ali­ti­on be­schlie­ßen?

Der Par­tei­tag be­ginnt am 6. De­zem­ber in der Ber­li­ner Mes­se­hal­le Ci­ty­Cu­be. „Ni­ko­laus ist Gro­Ko-Aus“, sin­gen die Ju­sos seit Ta­gen. Dass aber die De­le­gier­ten schon nächs­tes Wo­che­n­en­de um­stands­los das En­de der Ko­ali­ti­on her­bei­vo­tie­ren, ist eher un­wahr­schein­lich. Schließ­lich gab es nicht ein­mal ei­ne Ge­le­gen­heit, mit der Uni­on über die ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen zu spre­chen. Noch vor dem SPD-Par­tei­tag qua­si neue Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen zu füh­ren und für ge­schei­tert zu er­klä­ren, geht schon des­we­gen nicht, weil CDU-Che­fin An­ne­gret Kramp-Kar­ren­bau­er und die Kanz­le­rin die­ser Ta­ge im Aus­land un­ter­wegs sind.

Will die Uni­on über­haupt ver­han­deln?

Das kommt dar­auf an. De­mons­tra­tiv er­klär­te sich Mer­kel am Mon­tag zu Ge­sprä­chen mit der neu­en SPD-Spit­ze be­reit – „wie es in ei­ner Ko­ali­ti­on üb­lich ist“, be­ton­te ihr Spre­cher Stef­fen Sei­bert. Er schob aber so­gleich nach: „Ei­ne Neu­ver­hand­lung des Ko­ali­ti­ons­ver­trags steht nicht an.“Das ist genau die Li­nie, die die CDU-Spit­die ze kurz nach Be­kannt­ga­be des SPDEr­geb­nis­ses in ei­ner Te­le­fon­kon­fe­renz ver­ein­bart hat­te. Nor­ma­li­tät wah­ren, gu­ten Wil­len zei­gen, aber neue Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen aus­schlie­ßen.

Viel Spiel­raum für wei­te­re Zu­ge­ständ­nis­se an nach links rü­cken­de So­zi­al­de­mo­kra­ten hat die CDU-Spit­ze näm­lich nicht. Da­für wür­de auch

Au­to­ri­tät von Par­tei­che­fin Kramp-Kar­ren­bau­er nicht aus­rei­chen, zu­mal die Wirt­schafts­leu­te der Uni­on schon seit Mo­na­ten mur­ren.

Al­so hat die Gro­Ko kei­ne Zu­kunft mehr?

Das ist nicht aus­ge­macht – und liegt vor al­lem dar­an, dass die üb­ri­gen Op­tio­nen für bei­de Sei­ten auch nicht at­trak­tiv sind. Die Gro­Ko-Be­für­wor­ter in der SPD wie bei­spiels­wei­se Olaf Scholz’ Staats­se­kre­tär Wolf­gang Schmidt war­nen ein­dring­lich da­vor, durch den Aus­zug aus der Ko­ali­ti­on „ei­ne CDU/CSU-Al­lein­re­gie­rung mög­lich zu ma­chen“– in­klu­si­ve Be­set­zung von sechs neu­en Mi­nis­te­ri­en, rund ei­nem Dut­zend Staats­se­kre­tärs­pos­ten – und ei­ner neu­en

Büh­ne für die grü­ne Kon­kur­renz. CDU und CSU ha­ben wie­der­um kein In­ter­es­se dar­an, von sich aus die Ko­ali­ti­on in Fra­ge zu stel­len. Ver­läss­lich­keit ist ei­nes der Pfun­de, mit de­nen sie beim Wäh­ler noch zu­ver­läs­sig punk­ten kön­nen.

Und wenn es den­noch bricht?

Dann gibt es meh­re­re Mög­lich­kei­ten: Zieht die SPD ih­re Mi­nis­ter aus der Re­gie­rung ab, könn­te Mer­kel noch­mal mit FDP und Grü­nen re­den – mit be­grenz­ten Er­folgs­aus­sich­ten. Sie könn­te auch oh­ne Um­weg ent­schei­den, al­lei­ne wei­ter­zu­re­gie­ren, müss­te dann aber für je­des Vor­ha­ben neue Mehr­hei­ten su­chen. Die an­de­re Mög­lich­keit sind Neu­wah­len, aber da wird es rich­tig schwie­rig. Vor­aus­set­zung ist ei­ne ver­lo­re­ne Ver­trau­ens­ab­stim­mung. Wer aber soll die ver­lie­ren? Mer­kel wird sich das nicht ge­ra­de als Krö­nung ih­rer Kar­rie­re vor­stel­len, Kramp-Kar­ren­bau­er wie­der­um nicht als Auf­takt ih­rer Kanz­le­rin­nen-Kar­rie­re. Und dann hat Bun­des­prä­si­dent Fran­kWal­ter St­ein­mei­er auch noch ein Wort mit­zu­re­den.

Au­ßer­dem ist da noch die deut­schen EU-Rats­prä­si­dent­schaft im zwei­ten Halb­jahr 2020. Neu­wah­len müss­ten al­so ent­we­der vor­her statt­fin­den mit Zeit­puf­fer für an­schlie­ßen­de Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen. Das aber wä­re ganz schön sport­lich. Wahr­schein­li­cher wä­re al­so, dass Mer­kel bis De­zem­ber nächs­ten Jah­res durch­hält – und dann An­fang 2021 ge­wählt wird.

Mann mit Am­bi­tio­nen

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