Bahn­kun­den sol­len An­sprü­che ver­lie­ren

Schwaebische Zeitung (Ravensburg / Weingarten) - - ERSTE SEITE - Wolf­gang Mul­ke [email protected]­ebi­sche.de

BRÜSSEL (dpa) - Bahn­kun­den in Eu­ro­pa sol­len nach dem Wil­len der EUStaa­ten künf­tig we­ni­ger Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che bei Ver­spä­tun­gen ha­ben. Die EU-Ver­kehrs­mi­nis­ter ver­stän­dig­ten sich am Mon­tag in Brüssel dar­auf, Bahn­un­ter­neh­men in Fäl­len hö­he­rer Ge­walt – et­wa bei Ex­trem­wet­ter­la­gen – von der Ent­schä­di­gungs­pflicht zu be­frei­en. Be­vor die Än­de­run­gen in Kraft tre­ten kön­nen, müss­te noch ei­ne Ver­stän­di­gung mit dem Eu­ro­pa­par­la­ment ge­fun­den wer­den.

Grund­sätz­lich geht es bei hö­he­rer Ge­walt um Er­eig­nis­se, die über Bür­ger oder Un­ter­neh­men un­ver­mit­telt und schuld­los her­ein- bre­chen. Geht es nach den Ver­kehrs­mi­nis­tern der EUMit­glieds­staa­ten, be­freit so ein Fall Ver­kehrs­un­ter­neh­men von ih­rer Pflicht zur Ent­schä­di­gung ih­rer Pas­sa­gie­re. Im Luft­ver­kehr gilt die­se Re­ge­lung schon. Nun sol­len auch Bahn­kun­den leer aus­ge­hen, wenn sie we­gen ei­nes Sturms oder star­ken Schnee­falls ver­spä­tet oder gar nicht an ihr Ziel kom­men. Die Kun­den der Deut­schen Bahn wer­den da­mit deut­lich schlech­ter ge­stellt.

Bis­her muss die Bahn ih­re Fahr­gäs­te ent­schä­di­gen, wenn nach ei­nem Or­kan um­ge­stürz­te Bäu­me auf den Glei­sen lie­gen oder Un­fäl­le auf den Glei­sen den Bahn­ver­kehr aus­brem­sen. Aus Sicht des Un­ter­neh­mens ist das nicht ge­recht. Es ist schließ­lich nicht für den Aus­fall ver­ant­wort­lich. An­de­rer­seits sor­gen Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che auch für ein gro­ßes In­ter­es­se an der Vor­beu­gung von Zu­g­aus­fäl­len. Wenn die Bahn nicht mehr für Ver­spä­tun­gen in­fol­ge ei­nes Stur­mes ent­schä­di­gen muss, lohnt sich viel­leicht die kost­spie­li­ge Kon­trol­le der Grün­strei­fen ent­lang der Tras­sen nicht mehr. Au­ßer­dem

ist zu be­fürch­ten, dass Bahn­un­ter­neh­men ver­su­chen wer­den, sich auch bei be­rech­tig­ten Ent­schä­di­gungs­an­sprü­chen mit dem Hin­weis auf hö­he­re Ge­walt her­aus­zu­re­den. Im Flug­ver­kehr gab es im­mer wie­der Streit um die Aus­le­gung des Be­griffs.

Der Mi­nis­ter­rat setzt hier fal­sche An­rei­ze. Noch ist nichts be­schlos­sen. Die Bun­des­re­gie­rung kann über das EU-Re­gel­werk hin­aus­ge­hen. Wenn Ver­kehrs­mi­nis­ter Scheu­er (CSU) die Bahn aber tat­säch­lich kun­den­freund­lich ma­chen will, soll­te er von die­ser Mög­lich­keit Ge­brauch ma­chen.

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