Schwaebische Zeitung (Ravensburg / Weingarten)

Was die Notbremse bewirken kann

Zwei Wissenscha­ftler erklären die Effekte von Ausgangsbe­schränkung­en, geschlosse­nen Geschäften und Tests

- Von Anke Kumbier

RAVENSBURG - Der Bundestag hat am Mittwoch das neue Infektions­schutzgese­tz beschlosse­n, nun muss der Bundesrat zustimmen. Darin enthalten ist die Corona-Notbremse: Sie soll Bundesländ­er auf einheitlic­he Maßnahmen verpflicht­en, wenn in Regionen bestimmte Fallzahlen überschrit­ten werden. Aber was bringen die Maßnahmen eigentlich? Berit Lange, Epidemiolo­gin am HelmholtzZ­entrum für Infektions­forschung (HZI) und der Biberacher Professor Michael Haibel, Mitglied des Aerosole-Expertenra­ts des Landes BadenWürtt­emberg, geben Antworten.

Warum sind solche Maßnahmen notwendig?

Das, was sie verhindern, ist auf den ersten Blick nicht sichtbar. Um zu wissen, was ohne Maßnahmen passieren würde, nutzen Forscher Modellieru­ngsstudien. Diese Studien nehmen vorhandene Daten und entwickeln daraus verschiede­ne mögliche Szenarien. Solche Modellieru­ngsstudien machen deutlich, dass die Maßnahmen nach wie vor „unbedingt notwendig“sind, um die weiter steigenden Infektions­zahlen zu senken und zu verhindern, dass das Gesundheit­ssystem an seine Grenzen gelangt, so die Deutsche Gesellscha­ft für Epidemiolo­gie.

Auf welchen Annahmen basieren die Maßnahmen?

Ziel ist es, den Reprodukti­onswert (R-Wert) unter 1 und damit die Zahl der Infektione­n zu senken. Das gelingt am besten über Kontaktred­uktion. Die Reprodukti­onszahl steht dafür, wie viele andere Menschen eine infizierte Person im Mittel ansteckt. Berit Lange vom HZI erklärt, dass vielen Corona-Maßnahmen Kontaktstu­dien zugrunde liegen, die schon vor der Pandemie erhoben wurden. Sie zeigen, wo und warum sich Menschen treffen. „Daher wissen wir ganz gut, in welchen Bereichen wie viele Kontakte passieren.“Dort setzen die Maßnahmen an. Bewegungsd­aten des Statistisc­hen Bundesamte­s für BadenWürtt­emberg legen nahe, dass die Maßnahmen Einfluss auf die Mobilität und damit auf die Kontakte haben. Vor allem zu Beginn der Pandemie verkleiner­te sich der Bewegungsr­adius der Bürger um fast 60 Prozent zum gleichen Zeitraum in 2019. Auch Anfang dieses Jahres war die Mobilität um 40 Prozent niedriger. Allerdings nahm sie wieder zu, bis sie um Ostern herum fast gleich hoch, und in manchen Regionen sogar höher war als vor der Pandemie.

Weshalb ist es schwierig, Aussagen über die exakte Wirksamkei­t der Maßnahmen zu treffen?

Für optimale Aussagen müsste es eine Kontrollgr­uppe geben. Das heißt: Forscher beobachten Menschen, die sich an bestimmte Regeln zum Schutz vor Infektione­n halten sowie eine zweite Gruppe, die dies nicht tut. Nur so könnte man exakt nachweisen, welchen Einfluss die Schutzmaßn­ahmen haben. Mitten im Geschehen ist das schwierig, zumal europaweit ähnliche Regeln gelten. Stattdesse­n konzentrie­rt sich die Wissenscha­ft auf Beobachtun­gsstudien. Dabei schauen Forscher vor allem auf Unterschie­de, die es regional dann doch gibt. Daraus leiten sie ab, was einen Effekt auf den RWert hat. Die Universitä­t Oxford hat eine solche Übersichts­arbeit erstellt. Darin betrachtet sie 17 Maßnahmen in sieben europäisch­en Ländern, darunter Deutschlan­d, und berechnet, wie groß der Einfluss der Maßnahme auf die Senkung des R-Werts war.

Was bringen Ausgangsbe­schränkung­en?

Aus der Arbeit der Universitä­t Oxford geht hervor, dass nächtliche Ausgangsbe­schränkung­en den R-Wert zwischen sechs und 20 Prozent senken. „Selbst sechs Prozent als unterer Bereich der Schätzung sind gar nicht so wenig“, sagt Lange. „Ich kann nicht beurteilen, ob nächtliche Ausgangssp­erren juristisch gerechtfer­tigt sind, aber aus epidemiolo­gischer Sicht sind sie schon wirksam.“Professor Haibel vertritt eine andere Meinung: „Ich persönlich halte nächtliche Ausgangssp­erren für nicht sehr sinnvoll.“Er bezweifle, dass ihr Nutzen den Schaden überwiegt. „Das verursacht unglaublic­h viel Unruhe und hat so ein Gschmäckle von Kriegsrech­t.“

Welche Rolle spielt die Schließung von Bildungsei­nrichtunge­n? Laut Michael Haibel und Berit Lange sind Schul- und Kitaschlie­ßungen effektiv. Das zeigt auch die Oxford-Studie, die davon ausgeht, dass geschlosse­ne Bildungsei­nrichtunge­n den RWert zwischen vier und zehn Prozent senken. Dafür sind die negativen Auswirkung­en auf viele Kinder und Jugendlich­e

groß. Schulschli­eßungen hätten für die Betroffene­n teilweise schwere gesundheit­liche und psychische Nebenwirku­ngen, gibt Lange zu bedenken. Das gelte dagegen nach jetzigem Stand nicht für nächtliche Ausgangsbe­schränkung­en.

Was bringen geschlosse­ne Einzelhand­elsgeschäf­te, Zoos und Gastronomi­e?

Die Studie aus Oxford kommt zu dem Ergebnis, dass auch diese Maßnahmen den R-Wert um mehrere Prozent senken. „Vielleicht wäre es möglich, die Außengastr­onomie zu öffnen“, sagt Haibel. „Aber nur mit entspreche­nd großen Abständen und Wänden als Spuckschut­z.“Für Berit Lange kommen derzeit keine Öffnungen der Außengastr­onomie infrage. Das sei erst denkbar, wenn die Infektions­zahlen sinken: „Dann ist das einer der Bereiche, den man vermutlich relativ früh, zum Beispiel mit guten Testkonzep­ten, risikoarm öffnen kann.“

Was bringt es, dass sich nur zwei

Haushalte treffen dürfen und das Reisen reduziert wird?

In der Oxford-Studie sind die direkten Kontaktbes­chränkunge­n eine der effektivst­en Maßnahmen. Auch deshalb plädiert Haibel dafür, wesentlich mehr im Homeoffice zu arbeiten. Er führt aus, dass in Regionen, in denen strikte Maskenpfli­cht gilt und die Kontakte reduziert wurden, die Infektions­zahlen „dramatisch gesunken“sind. Als Beispiel nennt er Portugal. Dort stiegen Anfang des Jahres die Infektions­zahlen rasant an. Das Land schränkte die Mobilität konsequent ein. Inzwischen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz beinahe überall bei unter 35 pro 100 000 Einwohnern. Zum Vergleich: In Süddeutsch­land liegt der Wert derzeit bei über 170. Reisen stehen beide Wissenscha­ftler skeptisch gegenüber. „Die Gefahr, sich anzustecke­n, steigt in Regionen mit höherer Inzidenz“, sagt Haibel. Lange verweist auf die Gefahr, neue Varianten zu verbreiten. Auch der Besuch von Ferienwohn­ungen würde der Idee entgegenst­ehen, die Mobilität zu verringern.

Was bringen Masken und Tests? Professor Haibel verwendet das Bild von Viren als kleinen Aerosolflu­gzeugen, die man nicht starten lassen dürfe. „Genau das ist die Wirkung der Maske.“Nach wie vor sei deshalb Maske tragen aber auch Abstand halten essenziell. Tests halten beide Forscher für sinnvoll, wichtiger sei es aber, möglichst rasch viele Menschen zu impfen und bis dahin auf einen Mix der beschriebe­nen Maßnahmen zu setzen. Erst im Zusammensp­iel entfaltete­n die Maßnahmen die größte Wirkung, betont Lange. Sie sollten schnell und konsequent umgesetzt werden, bevor die Zahlen weiter steigen und sich die Dauer der Maßnahmen entspreche­nd verlängere. Sinnvoll wäre wohl eine harter Lockdown von drei Wochen, so Haibel. Aber klar sei: „Politiker müssen immer Kompromiss­e eingehen.“

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