EU will An­fang 2019 Han­dels­ge­sprä­che mit den USA star­ten Das So­fa-Sys­tem fürs Au­to

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - WIRTSCHAFT - Von Se­li­na Eh­ren­feld

BRÜS­SEL (dpa) - Die EU be­rei­tet sich auf kon­kre­te Ver­hand­lun­gen über ei­ne Bei­le­gung des Han­dels­streits mit den USA vor. An­ge­sichts der wei­ter dro­hen­den US-Son­der­zöl­le auf Au­to­im­por­te aus Eu­ro­pa müs­se man schnell sein, sag­te die ak­tu­el­le Vor­sit­zen­de im Han­dels­mi­nis­ter­rat, Mar­ga­re­te Schram­böck, am Frei­tag am Ran­de von EU-Be­ra­tun­gen in Brüs­sel. Die Ge­sprä­che mit den USA soll­ten An­fang des kom­men­den Jah­res be­gin­nen kön­nen.

„Wir wer­den bei den Ver­hand­lun­gen mehr Tem­po ma­chen“, sag­te Schram­böck, die ös­ter­rei­chi­sche Wirt­schafts­mi­nis­te­rin ist. Bis Jah­res­en­de soll­ten die Vor­ar­bei­ten für ein Ver­hand­lungs­man­dat für EU-Han­dels­kom­mis­sa­rin Ce­ci­lia Malm­ström ab­ge­schlos­sen wer­den. Die­ses könn­te dann we­nig spä­ter ver­ab­schie­det wer­den und den Start der Ge­sprä­che mit den USA er­mög­li­chen.

Die Ver­hand­lun­gen zwi­schen der USA und der EU dro­hen al­ler­dings äu­ßerst schwie­rig zu wer­den. Nach An­ga­ben aus EU-Krei­sen drin­gen die USA dar­auf, auch über den Ab­bau von Agrar­zöl­len zu re­den, was EUStaa­ten wie Frank­reich al­ler­dings nicht ak­zep­tie­ren wol­len.

Der Han­dels­streit mit den USA war durch die Ein­füh­rung von USSon­der­zöl­len auf Stahl- und Alu­mi­ni­um­im­por­te ent­brannt und hat zur Ein­füh­rung von EU-Ver­gel­tungs­z­öl­len auf US-Pro­duk­te ge­führt. PFRON­STET­TEN - Au­to­fah­ren könn­te künf­tig so ent­span­nend sein wie ein Nach­mit­tag auf dem So­fa: Der Len­ker des Wa­gens lehnt sich zu­rück, legt die Fü­ße hoch und steu­ert das Fahr­zeug durch das Drü­cken we­ni­ger Knöp­fe. Die­ses Sze­na­rio hat jetzt ei­ne Fir­ma auf der Schwä­bi­schen Alb ein Stück wahr­schein­li­cher ge­macht. Durch Space Dri­ve, ei­ne Er­fin­dung der Fir­ma Pa­ra­van, wird die Lenk­stan­ge über­flüs­sig. Egal ob der Fah­rer links oder rechts sitzt, ob er das Fahr­zeug per Joy­stick oder Smart­pho­ne steu­ert – es ist in­di­vi­du­ell an­pass­bar. „Un­ser Sys­tem ist ein­zig­ar­tig auf der Welt. Man kommt an uns qua­si nicht mehr vor­bei, wenn es um au­to­no­mes Fah­ren geht“, sagt Pa­ra­van-Ge­schäfts­füh­rer Ro­land Ar­nold.

Bei Space Dri­ve han­delt es sich um ein di­gi­ta­les Steue­rungs­sys­tem nach dem Dri­ve-by-Wire-Prin­zip, al­so dem Steu­ern von Fahr­zeu­gen per Ka­bel. Len­kung, Gas und Brem­se wer­den elek­tro­nisch an­ge­steu­ert, die me­cha­ni­sche Ver­bin­dung zu Fahr­werk und Mo­tor ist nicht mehr nö­tig. Space Dri­ve ist das ers­te Sys­tem sei­ner Art mit Stra­ßen­zu­las­sun­gen welt­weit. „Das ist un­ser Al­lein­stel­lungs­merk­mal. Rund 700 Mil­lio­nen Stra­ßen­ki­lo­me­ter ha­ben wir mit Space Dri­ve bis­her zu­rück­ge­legt. Un­fall­frei“, ver­deut­licht Ar­nold. Aus­fall­si­cher wird Space Dri­ve, weil es drei­fach abgesichert ist. Das heißt, dass die Steue­rungs­auf­ga­be par­al­lel von je­weils drei iden­ti­schen Pro­zes­so­ren be­ar­bei­tet wird, die sich ge­gen­sei­tig kon­ti­nu­ier­lich über­wa­chen.

Er­fun­den für an­de­ren Zweck

Da­bei ist die Fir­ma Pa­ra­van ur­sprüng­lich gar nicht auf au­to­no­mes Fah­ren spe­zia­li­siert. Das Un­ter­neh­men baut näm­lich Fahr­zeu­ge ver­schie­de­ner Mar­ken um, da­mit sie be­hin­der­ten­ge­recht sind. Was heu­te bahn­bre­chend für die Ent­wick­lung im Be­reich au­to­no­mes Fah­ren ist, hat Ar­nold al­so ei­gent­lich für ei­nen an­de­ren Zweck ent­wi­ckelt: Space Dri­ve bil­det die Vor­aus­set­zung, um selbst Schwerst­be­hin­der­ten oh­ne Bei­ne und oh­ne Ar­me das Füh­ren ei­nes Fahr­zeugs zu er­mög­li­chen. Die Ach­sel­höh­le kann aus­rei­chen, um mit­hil­fe des Sys­tems im Stra­ßen­ver­kehr si­cher zu fah­ren. Pa­ra­van ist in­zwi­schen Welt­markt­füh­rer für be­hin­der­ten­ge­rech­te Fahr­zeu­glö­sun­gen. „Al­les aus ei­ner Hand, das ist un­ser Prin­zip“, so Ar­nold. Das Un­ter­neh­men wur­de be­reits mit Dut­zen­den Prei­sen und Ur­kun­den aus­ge­zeich­net, un­ter an­de­rem mit dem In­no­va­ti­ons­preis der Deut­schen Wirt­schaft.

Space Dri­ve ist ei­ne Er­fin­dung, die vie­le Un­ter­neh­men der Au­to­mo­bil­bran­che ger­ne für sich nut­zen wür­den. Das aus­fall­si­che­re und um­fäng­lich be­währ­te Sys­tem wur­de da­bei nicht et­wa im Si­li­con Val­ley oder in Chi­na ent­wi­ckelt, son­dern mit­ten im be­schau­li­chen Ai­chel­au mit 270 Ein­woh­nern zwi­schen Ried­lin­gen und Reut­lin­gen. Wenn der Ge­schäfts­füh­rer von „sei­nem Ba­by“spricht, dann spru­delt es aus ihm nur so vor lau­ter Eu­pho­rie und Über­zeu­gung. „Ich will die Re­vo­lu­ti­on, die der Au­to­bran­che be­vor­steht, haut­nah er­le­ben. Und mit Space Dri­ve wer­de ich auch mit­ten­drin ste­hen“, sagt Ar­nold. Mit­ten­drin scheint er Ei­ne Stu­die zeigt die Zu­kunft des au­to­ma­ti­sier­ten Fah­rens: Das Elek­tro­fahr­zeug ist mit dem aus­fall­si­che­ren Dri­ve-by-Wire-Sys­tem Space Dri­ve, das in Pfron­stet­ten ent­wi­ckelt wur­de, kon­zi­piert. Das Sys­tem von Pa­ra­van macht sich durch sei­ne drei­fa­che Ab­si­che­rung ein­zig­ar­tig.

auch stän­dig auf dem Ge­län­de von Pa­ra­van zu sein. Sei­ne schwä­bi­schen Wur­zeln sind ihm an­zu­mer­ken, wenn er im Dia­lekt mit sei­nen Mit­ar­bei­tern spricht. Und sei­ne Tüft­lerWur­zeln hat er nicht ver­ges­sen, von mor­gens bis abends trifft er sich mit den Ma­na­gern der Au­to­kon­zer­ne, und da­zwi­schen ist er für sei­ne Kun­den da: Der Mo­ment, wenn ein Kun­de mit schwe­rer Be­hin­de­rung sein um­ge­bau­tes Au­to auf dem Hof von Pa­ra­van ent­ge­gen­nimmt, sei ein­zig­ar­tig.

Als der Ge­schäfts­füh­rer 1998 sei­ne Fir­ma ge­grün­det hat­te, war das al­les noch nicht ab­seh­bar. Ur­sprüng­lich konn­ten Kun­den bei ihm le­dig­lich Rei­fen wech­seln. Die Idee, Fahr­zeu­ge für Men­schen mit Be­hin­de­rung in­di­vi­du­ell um­zu­bau­en, kam ihm auf ei­ner Au­to­bahn­rast­stät­te. „Da­mals bin ich noch als Mäh­dre­scher-Fah­rer in ganz Deutsch­land un­ter­wegs ge­we­sen und ha­be bei ei­nem Stopp ei­ne Frau be­ob­ach­tet, wie

sie ih­ren schwer­be­hin­der­ten Mann ins Au­to hie­ven woll­te. Ich ha­be ge­hol­fen. Da­bei hat sie zu mir ge­sagt, wie de­mü­ti­gend es für sie wä­re, ih­ren Mann wie ei­nen Hund im Kof­fer­raum un­ter­zu­brin­gen. Das Er­leb­nis hat mich nicht mehr los­ge­las­sen“, er­zählt der 53-Jäh­ri­ge. Nach der Be­geg­nung ha­be er re­cher­chiert und sich zum Ziel ge­setzt, ein Sys­tem zu ent­wi­ckeln, das es Men­schen auch mit schwers­ter Be­hin­de­rung er­mög­li­chen soll, mo­bil zu sein. „Ich ha­be mir ge­dacht: Wenn es so et­was noch gar nicht gibt, ist das mei­ne Chan­ce, et­was zu ent­wi­ckeln“, sagt der Ge­schäfts­füh­rer von Pa­ra­van. Rich­tungs­wei­send war die Idee ei­nes red­un­dan­ten Sys­tems.

Ob Pa­ra­van mit Space Dri­ve noch lan­ge Markt­füh­rer blei­ben kann, das scheint für Ex­per­ten eher frag­lich. „Ich bin mir si­cher, dass Goog­le und an­de­re Groß­kon­zer­ne mit ih­ren For­schun­gen zum au­to­no­men Fah­ren ähn­li­che Lö­sun­gen ent­wi­ckeln. Au­ßer­dem

kann auch das vier­fa­che Ab­si­chern ei­nes sol­chen Sys­tems mög­lich sein“, er­klärt Au­to­mo­bi­l­ex­per­te Fer­di­nand Du­den­höf­fer von der Uni­ver­si­tät Duis­burg-Es­sen. „Wenn man das au­to­no­me Fah­ren mit ei­nem Le­go­bau­kas­ten mit hun­dert Tei­len ver­gleicht, dann wä­re Space Dri­ve ei­nes die­ser hun­dert Tei­le. Was Pa­ra­van da hat, ist ein De­tail für den Be­reich des au­to­no­men Fah­rens und mehr nicht.“Es wer­de sehr viel Wett­be­werb um das au­to­no­me Fah­ren ge­ben und der­zeit ha­be das Si­li­con Val­ley und Chi­na in vie­len Din­gen die Na­se vorn.

Au­to­bran­che hat gro­ßes In­ter­es­se

Den­noch, das In­ter­es­se für Space Dri­ve von­sei­ten der Au­to­in­dus­trie ist groß. Vie­le gro­ße Fir­men kau­fen das Sys­tem für ih­re Pro­duk­te, dar­un­ter BMW, Bosch, Con­ti­nen­tal, Fraun­ho­fer, Lieb­herr, Hon­da, Lo­cal Mo­tors oder auch Mer­ce­des-Benz, Sie­mens, Rhein­me­tall und Re­nault. Vie­le Kon­zer­ne

wa­ren laut Pa­ra­van dar­an in­ter­es­siert, Space Dri­ve für sich zu ge­win­nen. Ob auch der Fried­richs­ha­fe­ner Au­to­zu­lie­fe­rer ZF un­ter den In­ter­es­sen­ten war? „Da­zu äu­ßern wir uns nicht“, heißt es auf An­fra­ge der „Schwä­bi­schen Zei­tung“bei ZF. Zu­min­dest ver­baut das Un­ter­neh­men Space Dri­ve be­reits in ei­nem hoch­au­to­ma­ti­sier­ten Lie­fer­fahr­zeug, dass im Ju­li erst bei den Tech­no­lo­gy Days vor­ge­stellt wur­de.

Pa­ra­van-Chef Ro­land Ar­nold je­den­falls konn­te zwi­schen den In­ter­es­sen­ten aus­wäh­len – und er ent­schied sich am En­de für ein Joint Ven­ture mit dem frän­ki­schen ZFKon­kur­ren­ten Scha­eff­ler. Mit dem ge­grün­de­ten Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men Pa­ra­van Scha­eff­ler Tech­no­lo­gie Gm­bH & Co. KG will Ar­nold die Au­to­mo­bil­in­dus­trie re­vo­lu­tio­nie­ren: „Wir ha­ben die Ba­sis ge­schaf­fen, jetzt muss es wei­ter­ge­hen. Mit der Ko­ope­ra­ti­on mit Scha­eff­ler kann Space Dri­ve in Se­rie ge­hen“, sagt Ro­land Ar­nold. Sein ei­ge­nes Un­ter­neh­men ge­hört nun zu 25 Pro­zent zur Scha­eff­ler AG, die auch 90 Pro­zent an dem Ge­mein­schafts­un­ter­neh­men Scha­eff­ler Pa­ra­van hält. Bei­de Fir­men schwei­gen dar­über, was für die Tech­nik von Pa­ra­van be­zahlt wur­de. „Für Scha­eff­ler ist die ge­trof­fe­ne Ver­ein­ba­rung ein Mei­len­stein“, sagt Pe­ter Gutz­mer, Tech­no­lo­gie-Vor­stand bei Scha­eff­ler. Der Er­werb der Tech­no­lo­gie von Pa­ra­van er­mög­li­che es Scha­eff­ler, im Zu­kunfts­markt des au­to­no­men Fah­rens Fuß zu fas­sen. „Da­her ist die Trans­ak­ti­on für Scha­eff­ler ein wei­te­rer wich­ti­ger Schritt im Rah­men der Um­set­zung der Stra­te­gie ,Mo­bi­li­tät für mor­gen’.“

Und da­mit gleich­zei­tig ein wich­ti­ger Schritt, da­mit das Au­to­fah­ren der Zu­kunft bald so ent­span­nend ist wie ein Nach­mit­tag auf dem So­fa.

FO­TO: SELI

Pa­ra­van-Chef Ro­land Ar­nold.

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