Gelb­wes­ten lö­sen in Frank­reich Alarm­stu­fe Rot aus

89 000 Si­cher­heits­kräf­te im Ein­satz ge­gen dro­hen­de Kra­wal­le – Em­pö­rung über Po­li­zei­ein­satz ge­gen Schü­ler

Schwaebische Zeitung (Sigmaringen) - - ERSTE SEITE - Von Chris­ti­ne Lon­gin, Pa­ris

PA­RIS (AFP/dpa) - Eif­fel­turm, Lou­vre und ei­ni­ge Me­tro­sta­tio­nen blei­ben ge­schlos­sen. 89 000 Si­cher­heits­kräf­te sind in Frank­reich im Ein­satz, 8000 da­von al­lein in Pa­ris. Am Sams­tag wird das Zen­trum der fran­zö­si­schen Me­tro­po­le ei­ner be­la­ger­ten Stadt glei­chen. Die Re­gie­rung fürch­tet ein bis­her nicht ge­kann­tes Aus­maß an Ge­walt am Ran­de der an­ge­kün­dig­ten Gelb­wes­ten-Pro­tes­te. Be­son­ders auf den Champs-Ély­sées, rund um den Tri­umph­bo­gen so­wie am Ély­sée-Pa­last, dem Amts­sitz von Prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron, wer­den Kra­wal­le er­war­tet. Die Po­li­zei­prä­fek­tur hat Ge­schäf­te und Re­stau­rants an­ge­wie­sen, ih­re Ein­gän­ge zu ver­bar­ri­ka­die­ren, um Plün­de­run­gen und Schä­den zu ver­mei­den.

Be­trof­fen­heit und Em­pö­rung hat der­weil das Vor­ge­hen der Po­li­zei bei ei­ner Mas­sen­fest­nah­me von Schü­lern bei ei­ner De­mons­tra­ti­on am Don­ners­tag aus­ge­löst. „Es hat scho­ckie­ren­de Bil­der ge­ge­ben“, räum­te Bil­dungs­mi­nis­ter Je­an-Mi­chel Blan­quer am Frei­tag ein. Vi­de­os des Po­li­zei­ein­sat­zes zei­gen, wie Dut­zen­de Schü­ler in Rei­hen und un­ter der Auf­sicht der Be­am­ten auf dem Bo­den knie­ten, mit den Hän­den am Kopf oder hin­ter dem Rü­cken.

Die Pro­tes­te der Gelb­wes­ten in Frank­reich kon­zen­trie­ren sich im­mer mehr auf Staats­chef Em­ma­nu­el Ma­cron. In der Kri­tik steht die Re­form­po­li­tik der Re­gie­rung.

Die Sze­ne sprach für sich: Em­ma­nu­el Ma­cron woll­te nach dem Be­such der Prä­fek­tur von Puy-en-Ve­lay das Au­to­fens­ter öff­nen, um zu win­ken. Doch der Prä­si­dent merk­te rasch, dass ihm von der Grup­pe in gel­ben Wes­ten nur Hass ent­ge­gen­schlug und schloss das Fens­ter schnell wie­der. Sein Kon­voi be­schleu­nig­te und fuhr da­von, als woll­te er den Gi­lets jau­nes (Gelb­wes­ten) ent­kom­men.

Über­all, wo der 40-Jäh­ri­ge der­zeit auf­tritt, trifft er auf laut­star­ke Ab­leh­nung. Am Tri­umph­bo­gen eben­so wie in Puy-en-Ve­lay in der zen­tral­fran­zö­si­schen Pro­vinz, wo die Gelb­wes­ten die Prä­fek­tur in Brand steck­ten. Ma­cron setzt nach den Ge­walt­ex­zes­sen in Pa­ris ver­geb­lich auf die Macht der Bil­der, die er so lan­ge steu­er­te. Das Heft des Han­delns ist ihm in­zwi­schen ent­glit­ten.

Der frü­he­re Wirt­schafts­mi­nis­ter wirkt hilf­los an­ge­sichts des Frusts, der sich auf der Stra­ße ent­lädt. Im Ge­gen­satz zu sei­nem Vor­gän­ger François Hol­lan­de, der sich bei al­len dra­ma­ti­schen Er­eig­nis­sen schnell an seine Lands­leu­te wand­te, hält sich Ma­cron zu­rück. Wohl auch, weil er eben nicht an Hol­lan­de er­in­nern will, der seine Re­form­pro­jek­te zu­rück­zog, nach­dem Pro­test da­ge­gen laut wurde. „Am Kurs fest­hal­ten, aber die Me­tho­de än­dern“, for­mu­lier­te er ver­gan­ge­ne Wo­che in sei­ner Re­de zur Ener­gie­po­li­tik als De­vi­se.

Zehn Ta­ge spä­ter ist auch bei Ma­cron kein Kurs mehr zu er­ken­nen. Als ers­tes Re­form­vor­ha­ben kipp­te er die ge­plan­te Öko-Steu­er, ge­gen die die Gelb­wes­ten an­fangs pro­tes­tier­ten. An­de­re Pro­jek­te wie die Ren­ten­re­form oder die Re­form der Ar­beits­lo­sen­ver­si­che­rung, die im nächs­ten Jahr an­ge­gan­gen wer­den sol­len, sind im jet­zi­gen Kli­ma kaum vor­stell­bar.

Auch in­ter­na­tio­nal ge­schwächt

Zu­nächst ein­mal muss der Prä­si­dent Maß­nah­men an­kün­di­gen, die die Le­bens­si­tua­ti­on der un­te­ren Mit­tel­schicht ver­bes­sern. Seit er zu Beginn sei­ner Amts­zeit die Ver­mö­gens­steu­er ab­schaff­te, ist er als „Prä­si­dent der Rei­chen“ver­schrien. Die so­zia­le Sei­te sei­ner Re­form­agen­da ist da­ge­gen stark un­ter­ent­wi­ckelt. Das könn­te sich nächs­te Wo­che än­dern, wenn Ma­cron sich end­lich äu­ßern will viel­leicht, um so­zia­le Maß­nah­men wie ei­ne An­he­bung des Min­dest­lohns an­zu­kün­di­gen. Ob das rei­chen wird, um die Wut der Menschen auf der Stra­ße zu be­sänf­ti­gen, ist frag­lich. Der frü­he­re Wirt­schafts­mi­nis­ter ist ei­ne Art ro­tes Tuch für vie­le Fran­zo­sen ge­wor­den, von de­nen mehr als 70 Pro­zent mit den Gelb­wes­ten sym­pa­thi­sie­ren. Seine Be­liebt­heits­wer­te sind mit de­nen des un­po­pu­lä­ren Vor­gän­gers François Hol­lan­de ver­gleich­bar, der des­halb auf ei­ne zwei­te Kan­di­da­tur ver­zich­ten muss­te. Die For­de­rung nach De­mis­si­on ist über­all zu hö­ren, wo der Prä­si­dent auf­tritt.

Die Bil­der des gel­ben Mobs, der in den Stra­ßen von Pa­ris wü­tet und fürs Wo­che­n­en­de wei­te­re Pro­tes­te plant, scha­den dem 40-Jäh­ri­gen nicht nur zu Hau­se, son­dern auch im Aus­land. Wenn der eins­ti­ge eu­ro­päi­sche Hoff­nungs­trä­ger nächs­te Wo­che zum EUGip­fel mit sei­nen Kol­le­gen zu­sam­men­kommt, dürf­te es ihm schwer­fal­len, selbst­be­wusst seine For­de­rung nach ei­nem ge­mein­sa­men Eu­ro­zo­nen-Bud­get zu ver­tei­di­gen.

FO­TO: DPA

Vor­be­rei­tun­gen in der Stadt: Ei­ne Bank na­he der Oper in Pa­ris wird mit Holz­plat­ten ge­si­chert.

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