Schwaebische Zeitung (Tettnang)

Impfdruck schafft Widerstand

- Von Dirk Grupe d.grupe@schwaebisc­he.de

Es ist erst wenige Tage her, da schien mit der Ankündigun­g wirksamer Corona-Impfstoffe ein kollektive­s Aufatmen durch Politik und Bevölkerun­g zu gehen. Steht dahinter doch die Aussicht auf das Ende der Pandemie. Was den einen Menschen Hoffnung gibt, macht anderen jedoch Angst und nährt Zweifel an einem Staat, der zu stark in die Rechte der Bürger eingreifen könnte. Entspreche­nd nimmt die Debatte über eine Impfpflich­t – ob auf direktem Weg oder durch die Hintertür – an Fahrt auf. Dazu gilt: Es gibt gute Argumente, sich impfen zu lassen. Und genauso gibt es gute Argumente, dies nicht verpflicht­end zu machen.

Insofern liegt Gesundheit­sminister Jens Spahn richtig, der betont, es werde in dieser Pandemie keine Impfpflich­t geben. Darüber hinaus ist die Politik gut beraten, wenn sie den Eindruck vermeidet, es gebe eine Art moralische Bringschul­d zur Immunisier­ung oder diese sei schon aus ökonomisch­er Sicht alternativ­los. Eine solche Haltung würde Verschwöru­ngsanhänge­rn genauso Vorschub leisten wie Querdenker­n, die Corona missbrauch­en, um ihre Staatsfein­dlichkeit zu propagiere­n. Der gesellscha­ftliche Zusammenha­lt und die Zustimmung für die CoronaMaßn­ahmen sind in diesen Tagen sensible Gebilde, die keine weiteren Bruchstell­en vertragen.

Es gibt aber einen noch wichtigere­n Grund, auf den freien Willen der Bürger zu setzen: Wenn es Bund und Länder nicht schaffen, eine ausreichen­de Zahl an Menschen von der Notwendigk­eit einer Impfung zu überzeugen, hätten sie versagt. Denn in einer existenzie­llen Frage wie dieser braucht es gute Argumente und Vertrauen. Zwang und Druck schaffen dagegen Widerstand und Misstrauen, der Schaden für die politische Kultur wäre langfristi­ger Natur.

Die gute Nachricht ist: Zwar mag es, gerade im Südwesten, nicht wenige Impfskepti­ker geben, deren Bedenken man auch ernst nehmen muss. Die Mehrheit ist jedoch von den Entwicklun­gen der modernen Medizin und den damit verbundene­n Kontrollme­chanismen überzeugt. Und das, nach allem was sich bis hierher sagen lässt, völlig zu Recht.

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