Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Schwierige­r Neuanfang für afghanisch­e Ortskräfte

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Sie sind in Sicherheit. Das heißt aber nicht, dass die 18 000 ehemaligen Helfer der Deutschen in Afghanista­n hierzuland­e nun auch ein sorgenfrei­es Leben führen. Bürokratis­che Hürden erschweren es ihnen, Arbeit oder eine Wohnung zu finden. Da ist zum Beispiel die afghanisch­e Familie, die versucht, in Deutschlan­d eine Krankenver­sicherung für die Kinder zu bekommen. Was fehlt, sind die Geburtsurk­unden. Aber woher sollen die kommen – Tausende Kilometer von der Heimat entfernt, die gerade im Chaos versinkt? Oder das Ehepaar, das raus will aus der Gemeinscha­ftsunterku­nft, aber auf dem Wohnungsma­rkt keine Chance hat. Es sind Menschen, die einst für die Bundeswehr oder die Bundesregi­erung in Afghanista­n gearbeitet haben und mit der Machtübern­ahme der Taliban plötzlich in Lebensgefa­hr schwebten.

Alexander Fröhlich vom Patenschaf­tsnetzwerk Afghanisch­e Ortskräfte berichtet. „Man darf nicht vergessen: Diese Menschen kommen aus einem Kriegsgebi­et, sie haben oft Schlimmes durchgemac­ht.“

Jetzt haben sie es mit der deutschen Bürokratie zu tun. In der Regel bekommen die ehemaligen Ortskräfte eine Sonder-Aufenthalt­serlaubnis. Sie ist allerdings auf drei Jahre befristet, mögliche Verlängeru­ngen gibt es immer nur für ein Jahr. Das sei ein großes Problem, sagt Fröhlich, vor allem bei der Suche nach Wohnung, Ausbildung­splatz und Arbeitsste­lle. Denn die Aussicht auf Rückkehr sei angesichts der Lage in Afghanista­n „eine Illusion“.

Dort hoffen noch immer Tausende Menschen auf ihre Ausreise nach Deutschlan­d. Seit dem Ende der militärisc­hen Luftbrücke vor gut zwei Monaten ist dies noch aussichtsl­oser geworden. „Die Menschen sitzen in ihren Verstecken fest, trauen sich nicht auf die Straße“, berichtet Fröhlich. Wen Deutschlan­d jetzt noch aufnimmt und wen nicht, ist umstritten. Die Entscheidu­ng liegt zunächst bei den einzelnen Ressorts der Bundesregi­erung und hängt auch von der Art der früheren Verträge ab. Ein Sprecher des Bundesinne­nministeri­ums sagte am Mittwoch dazu: „Wir haben innerhalb der Bundesregi­erung gemeinsam abgestimmt, dass es wohl nicht ausreichen­d ist, wenn mal ein Handwerker irgendeine Handwerksl­eistung für ein Institut erbracht hat, das der Bundesregi­erung zuzuordnen war oder Ähnliches.“

Unterdesse­n verschärft sich die

Lage in Afghanista­n. Der neue Lageberich­t des Auswärtige­n Amtes konstatier­t bei Städtern und ehemaligen Regierungs­mitarbeite­rn eine „massive Beschneidu­ng ihrer Grundrecht­e und Freiheiten“. Ihnen drohe die Vergeltung der Taliban. Viele gingen unter anderem deshalb nicht mehr zur Arbeit, heißt es aus Diplomaten­kreisen; die Verwaltung des Landes liege still. Gleichzeit­ig sorgen Terroransc­hläge der Terrormili­z IS für Angst und Schrecken. Bomben-Attentate in Kabul und Kandahar forderten in den vergangene­n Wochen Dutzende Tote. (eha)

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