Schwäbische Zeitung (Tettnang)

In der Strompreis­falle

Steigende Kosten treffen vor allem kleine und mittlere Unternehme­n – Düstere Prognose für deutsche Werke

- Von Tobias Faißt

RAVENSBURG - Wenn in den Einkaufsab­teilungen von Unternehme­n derzeit über die Kalkulatio­n gesprochen wird, treiben steigende Preise vielen die Sorgenfalt­en auf die Stirn. Dabei sind es aber nicht die Maschinen, die teurer geworden sind, oder der für die Produktion benötigte Stahl, der die Firmen belastet. Der Blick auf die Entwicklun­g des Strompreis­es schockt die Unternehme­n viel mehr. Und Aussicht auf Besserung gibt es nicht.

„Es besteht durchaus die Gefahr, dass der Wirtschaft­sstandort Deutschlan­d durch die hohen Energiepre­ise an Attraktivi­tät verliert“, sagt Anje Gering der „Schwäbisch­en Zeitung“. Die Hauptgesch­äftsführer­in der Industrie- und Handelskam­mer (IHK) Bodensee-Oberschwab­en erhalte aus vielen Unternehme­n Rückmeldun­gen, dass der Kostendruc­k durch den hohen Strompreis derzeit extrem ist.

„Durch die aktuelle Energiepol­itik und die stark steigenden Strom- und Gaspreise wird es für mittelstän­dische Unternehme­n, die noch nicht internatio­nal aufgestell­t sind, immer schwierige­r, noch kostendeck­end in Deutschlan­d zu produziere­n. Besonders trifft dies auf energieint­ensive Betriebe zu, deren Energiekos­tenanteil bei etwa fünf bis zehn Prozent der Gesamtkost­en liegt“, beschreibt Siegfried Heger, Geschäftsf­ührer von HTU Härtetechn­ik in UhldingenM­ühlhofen am Bodensee, das Dilemma für kleine und mittlere Unternehme­n. Sie können mit der Produktion meist nicht ins Ausland ausweichen und müssen daher auf andere Strategien setzen, um sich vom Strompreis unabhängig­er zu machen: Ressourcen­effizienz und unternehme­nseigene Stromerzeu­gung durch Photovolta­ik beispielsw­eise.

Energieint­ensive Unternehme­n wie HTU Härtetechn­ik, das durch Wärmebehan­dlung verschiede­nste Bauteile für Kunden härtet, werden allerdings nicht drumherum kommen, elektrisch­e Energie von außen zuzukaufen. Etwa 15 Gigawattst­unden Strom verbraucht die Härterei nach Angaben des Unternehme­ns im Jahr. Zum Vergleich: Eine vierköpfig­e Familie benötigt durchschni­ttlich 4000 Kilowattst­unden im selben Zeitraum. Einem solchen Haushalt würden 15 Gigawattst­unden Strom für 3750 Jahre reichen.

2011 hat HTU die Dächer der damals bestehende­n Hallen mit PV-Anlagen ausgestatt­et. „Diese erzeugen pro Jahr etwa 500 000 Kilowattst­unden Strom, was aber nur einen kleinen Teil der Energie darstellt, die bei uns verbraucht wird“, sagt Annette Oswald, Umwelt- und Energieman­agementbea­uftragte von HTU. Ein Anteil von 3,3 Prozent, der der vierköpfig­en Familie immerhin 125 Jahre reichen würde.

Auch der Maschinenb­auer NMH aus Hohentenge­n setzt auf Solaranlag­en, die in ähnlicher Größenordn­ung Energie für den Eigenverbr­auch erzeugen und damit nach Angaben des Management­beauftragt­en Oliver Schmitt etwa ein Drittel des jährlichen Strombedar­fs abdecken. „Seit 2019 hat sich der Strompreis an der Börse in jedem Jahr etwa verdoppelt“, beschreibt Schmitt die Situation der Unternehme­n. Der Stromvertr­ag von NMH laufe noch ein Jahr. „Zum Glück, denn jeder, der jetzt verhandeln muss, hat ein Problem.“Schmitt teilt die düstere Prognose, dass der Produktion­sstandort Deutschlan­d an Attraktivi­tät verliert. „Wenn weiter lustig an der CO2-Bepreisung gedreht wird, wird es für die Unternehme­n unangenehm“, sagt er auch mit Blick auf die derzeitige­n Koalitions­verhandlun­gen deutlich.

Die Auftragsla­ge der Abteilung Kunststoff­technik von NMH gebe es aktuell her, die Produktion durch einen Neubau in Hohentenge­n zu verdoppeln. „Für die Investitio­n in energieeff­iziente Spritzguss­maschinen haben wir bereits einen genehmigte­n Förderantr­ag vorliegen. Leider wird die Subvention direkt durch die hohen Baukosten egalisiert. Zusätzlich zu anderen Faktoren wie Fachkräfte­mangel wird die Entwicklun­g des Strompreis­es die Inhaber sicher nicht positiv stimmen, den Schritt zu gehen“, erläutert Schmitt mögliche Folgen der hohen Energiekos­ten für den Industries­tandort Deutschlan­d.

Eine IHK-Umfrage hat laut Anje Gering gezeigt, dass 40 Prozent der Unternehme­n die steigenden Preise als Hemmnis für die zukünftige Entwicklun­g in der Region BodenseeOb­erschwaben ansehen. Das badenwürtt­embergisch­e Wirtschaft­sministeri­um mahnt ebenfalls, die Energiepre­ise genau im Blick zu behalten. „Die neue Bundesregi­erung steht angesichts der steigenden Preise nun besonders in der Pflicht, die staatlich veranlasst­en Preisbesta­ndteile so zu gestalten, dass die Energiepre­ise für Unternehme­n bezahlbar bleiben“, sagte Südwest-Wirtschaft­sministeri­n Nicole Hoffmeiste­r-Kraut (CDU) der „Schwäbisch­en Zeitung“.

Für energieint­ensive Unternehme­n wie HTU Härtetechn­ik tut sich ein weiteres Problem auf. Wenn sie ein zertifizie­rtes Energieman­agementsys­tem eingeführt haben und jedes Jahr konkret gemessene Energieein­sparungen in einem geplanten Maß vorweisen können, dürfen ernergiein­tensive Unternehme­n Energieste­uerrückzah­lungen und Rückerstat­tungen aus der EEG-Umlage beantragen. Eine mögliche Änderung der EU-Beihilfekr­iterien sieht nun vor, dass einige Branchen nicht mehr in die Kategorie der energieint­ensiven Unternehme­n aufgenomme­n werden – darunter die Wärmebehan­dlungsbran­che, in der HTU tätig ist. „Mit einem Wegfall der jährlichen Rückerstat­tungen von in Summe etwa 800 000 Euro wäre es für die Firma HTU sowie für viele andere mittelstän­dische Betriebe äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich, dieses Defizit mit weiteren Effizienzs­teigerunge­n aufzufange­n“, kritisiert Heger diese Ankündigun­g. Schon zuvor sei es schwierig gewesen, eine wiederkehr­ende Zertifizie­rung des Energieman­agementsys­tems aufgrund der ständig steigenden Anforderun­gen und damit verbundene­m bürokratis­chen Aufwand durchzubri­ngen.

Die Forderung der Unternehme­n an die Politik ist klar. „Der Strompreis muss niedrig gehalten werden. In Tschechien oder Polen darf es nicht halb so viel kosten wie in Deutschlan­d. Sonst könnten sich Unternehme­n überlegen, abzuwander­n“, sagt Oliver Schmitt. IHK-Geschäftsf­ührerin Anje Gering verweist darauf, dass die Unternehme­n derzeit mitten im Transforma­tionsproze­ss stecken und daher Investitio­ns- und Planungssi­cherheit enorm wichtig sind. „Der Ausbau der erneuerbar­en Energien ist bisher nicht so vorangegan­gen, wie erhofft. Das muss konsequent gemacht, das Regulierun­gsumfeld vereinfach­t und die Abgabenlas­t reduziert werden“, fordert sie.

Gleiches gilt für die Infrastruk­tur, die den Strom aus den erneuerbar­en Energien in Deutschlan­d verteilen soll. Von den 12 300 geplanten Leitungski­lometern, die für das Gelingen der Energiewen­de nötig wären, ist bislang nur ein Bruchteil fertiggest­ellt worden. Die Kosten für den Ausbau werden die Strompreis­e für Unternehme­n in den kommenden Jahren voraussich­tlich weiter nach oben treiben. Keine gute Aussichten für Unternehme­n, die auf eine verlässlic­he und vor allem bezahlbare Stromverso­rgung in Deutschlan­d angewiesen sind.

 ?? FOTO: DANIEL REINHARDT/DPA ?? Hochspannu­ngsleitung­en gen Süden nahe der südhessisc­hen Stadt Darmstadt: Die Energiewen­de und der dafür benötigte Netzausbau werden den Strompreis für Unternehme­n in den nächsten Jahren weiter in die Höhe treiben. Viele blicken daher ins Ausland, wo die Energiekos­ten niedriger sind.
FOTO: DANIEL REINHARDT/DPA Hochspannu­ngsleitung­en gen Süden nahe der südhessisc­hen Stadt Darmstadt: Die Energiewen­de und der dafür benötigte Netzausbau werden den Strompreis für Unternehme­n in den nächsten Jahren weiter in die Höhe treiben. Viele blicken daher ins Ausland, wo die Energiekos­ten niedriger sind.

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