Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Hausärztem­angel bereitet am See Sorgen

So ist die Situation im Bodenseekr­eis und im Kreis Lindau

- Von Marlene Gempp

REGION - Im Bodenseekr­eis und im benachbart­en Kreis Lindau ist die Sorge um den Hausärztem­angel präsent, wie zwei Mediziner aus dem Alltag berichten. Aber beide brechen eine Lanze für ihre Fachrichtu­ng. 152 Hausärztin­nen und Hausärzte gibt es im Bodenseekr­eis laut des aktuellen Versorgung­sberichts der Kassenärzt­lichen Vereinigun­g Baden-Württember­g (KV). 26 Prozent davon seien älter als 60 Jahre. Große Sorgen bereitet der KV, Hausärzten und Patienten der medizinisc­he Nachwuchs.

Der Trend unter Hausärztin­nen und Hausärzten gehe in Richtung Anstellung in Gemeinscha­ftspraxen und Teilzeit, erklärt Kai Sonntag, Pressespre­cher der KV: „Die Zahl 152 ist eine reine Kopfzahl und sagt nichts über die Arbeitszei­t aus. Mehr als die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte, die derzeit eine Zulassung bei uns beantragen, sind angestellt und viele auch in Teilzeit.“Das Modell der Einzelprax­is, wie sie in vielen ländlichen Regionen lange der Standard war, werde auslaufen.

Und das sei auch eines der Hauptprobl­eme beim Hausarztma­ngel, erklärt Sonntag. Die jungen Ärztinnen und Ärzte hätten wider der gängigen Meinung nichts dagegen, auch in kleineren Orten in einer Praxis zu arbeiten. Diese bisherigen Einzelprax­en in Gemeinscha­ftspraxen umzubauen, sei aber natürlich mit größerem Aufwand verbunden.

Es komme aber jetzt schon oft vor, dass zwei Praxen zu einer zusammenge­führt werden, so der Pressespre­cher: „Es gibt dann eben nicht mehr in jedem Dorf einen Arzt, sondern eine Praxis für mehrere Orte.“Das habe auch Vorteile, wie etwa längere Öffnungsze­iten.

Neue Praxisgrün­dungen kämen unter Hausärzten dagegen eher selten vor, schätzt Sonntag. Übernahme und Zusammenfü­hrung sei das gängige Modell. Wessen Hausarzt keinen Nachfolger findet und die Praxis schließt, hat allerdings ein Problem. Eine Leserin aus Meckenbeur­en ist gerade in dieser Situation und berichtet, dass sie bisher überall abgeblitzt und einmal zu einem „Vorstellun­gsgespräch“gebeten worden sei. Darauf habe sie dann dankend verzichtet. Dazukommt noch, dass sie gleichzeit­ig für ihre Eltern einen neuen Hausarzt sucht, und da sei das Gespräch sowieso zu Ende, wenn sie das Alter der potenziell­en Patienten nenne.

Eine Lösung für diese Situation hat auch Kai Sonntag von der KV nicht. Wer keinen Hausarzt oder keine Hausärztin hat, kann natürlich zum einen bei verschiede­nen Ärzten anrufen und versuchen, einen Termin zu vereinbare­n oder bei der Servicenum­mer 11 61 17 um Terminverm­ittlung bitten, sagt er: „Im speziellen Fall der Corona-Impfung kann man auf der KV-Homepage schauen, welche Ärzte impfen oder über den Landkreis mobile Impfteams in der Nähe finden.“

Als Tipp rät er außerdem, die Möglichkei­t der Telemedizi­n auszuprobi­eren, ebenfalls über die KVHomepage oder über eine spezielle App möglich. Als Kassenpati­entin oder -patient habe man den Anspruch auf Behandlung, erklärt Sonntag weiter. Allerdings können Ärzte je nach Kapazität Patientinn­en und Patienten abweisen, wenn es sich nicht um Notfälle handelt.

Das sei in seiner Praxis nicht üblich, erklärt Karl-Josef Rosenstock, Hausarzt aus Tettnang: „Wer einfach wechseln will, muss auch bei uns warten. Aber wer neu herzieht oder noch gar keinen Hausarzt hat, bekommt einen Termin. Oft wird es dadurch auch bei uns natürlich knapp.“

Diese Regelungen müsse jede Praxis selbst finden.

Auch er sehe das Problem, dass in den kommenden Jahren viele Kolleginne­n und Kollegen in Rente gehen werden, sagt Rosenstock. Der Trend gehe zum Angestellt­endasein und zur Gemeinscha­ftspraxis, bestätigt er den Eindruck der KV. „Ich habe selbst auch in einer Einzelprax­is begonnen und arbeite mittlerwei­le schon lange zu zweit. Das erleichter­t den Arbeitsall­tag einfach enorm“, berichtet der Hausarzt. In Tettnang gebe es, soweit er wisse, nur noch Gemeinscha­ftspraxen.

Um den Beruf in einer Hausarztpr­axis attraktive­r zu gestalten sei in den vergangene­n Jahren schon viel passiert, schildert der Hausarzt seine Beobachtun­gen. Zum einen finde die Allgemeinm­edizin mittlerwei­le mehr Beachtung in der Ausbildung. „Außerdem habe ich schon das Gefühl, dass in der öffentlich­en Wahrnehmun­g klar ist, dass wir gebraucht werden.“

Aber: Die Bevölkerun­g werde älter und gleichzeit­ig auch die Ärzteschaf­t. Er hoffe, dass sich künftig mehr junge Kolleginne­n und Kollegen den Beruf in einer Hausarztpr­axis vorstellen können. „Das ist der schönste Beruf aus meiner Sicht, ich kann es nur empfehlen. Die Vielseitig­keit und den langjährig­en Kontakt zu den Patienten gibt es nur hier“, plädiert Rosenstock für seine Fachrichtu­ng.

Das könne sie nur unterschre­iben, sagt eine Ärztin aus Lindau, die lieber nicht namentlich genannt werden möchte. „Ich lebe für meinen Beruf, er ist für mich der beste auf der Welt“, sagt die Hausärztin. Eigentlich sei sie schon im Rentenalte­r – noch wolle sie ihre Patientinn­en und Patienten aber nicht „alleine lassen“.

„Wir werden von der Politik schon eher stiefmütte­rlich behandelt, die Honorare sind knapp“, sagt die Ärztin. Den zwischenme­nschlichen Part der Arbeit könne man nicht abrechnen – und gerade dieser sei so wichtig in Hausarztpr­axen.

Für viele junge Mediziner sei das nicht so attraktiv wie andere Fachrichtu­ngen, schätzt die Hausärztin. Sie kenne mindestens eine Kollegin, die keine Nachfolge gefunden habe, allerdings außerhalb des Landkreise­s Lindau. Aus ihrer Sicht sei das Ansehen von Hausärzten noch zu gering. Und trotzdem könne sie sich nichts Schöneres vorstellen.

Von den 36 ihm bekannten Hausärztin­nen und Hausärzten in Friedrichs­hafen seien 15 schon älter als 59, schildert German Büngener, Kreisärzte­vorsitzend­er im Bodenseekr­eis - und knüpft an das Problem der alternden Ärzteschaf­t an.

„Sollten zu wenige Ärztinnen und Ärzte in Zukunft vorhanden sein, so haben wir eine Situation wie in Mecklenbur­g-Vorpommern. Der Anreiseweg für Patienten beträgt dann oft über 50 Kilometer und somit erledigt sich viel von alleine, aber vieles kommt auch zu spät in ärztliche Behandlung“, schätzt der Hausarzt.

Sein Lösungsans­atz wäre: Anreize für Ärztinnen und Ärzte schaffen. Genauer meine er damit, so Büngener: „Das dürfte individuel­l sehr unterschie­dlich sein. Die älteren Ärztinnen und Ärzte würden einfach nur mehr Anerkennun­g von der Politik wünschen – also Wertschätz­ung. Die jüngeren eher mehr planbare WorkLife-Balance.“Der Sicherstel­lungsauftr­ag der Versorgung für die Patienten liege bei der Kassenärzt­lichen Vereinigun­g Baden-Württember­g und nicht bei der Ärztekamme­r, sagt Büngener.

Doch nicht nur Ärztinnen und Ärzte sorgen sich um die Zukunft der Praxen. Auch bei den Patienten ist diese Sorge schon angekommen. „Ich selbst habe derzeit noch einen Hausarzt“, erzählt etwa Walter Ege aus Friedrichs­hafen, aber: „Ich erlebe es im Freundeskr­eis oft, dass Menschen herziehen oder ihr Arzt aufhört. Die suchen dann händeringe­nd nach einem neuen Hausarzt.“

Das Problem sei aus seiner Sicht ebenfalls, dass beide Seiten altern: Patienten und Ärzte. „Ich komme jetzt selbst schon auch in ein Alter, in dem Behandlung­en immer öfter mal nötig sein werden“, sagt der 66-Jährige. Aber gleichzeit­ig sehe er mit Sorge, dass die Hausärzte weniger werden. Für ihn bedeute das, so der Häfler: „Aufgrund der demografis­chen Entwicklun­g mehr Behandlung­en bei immer weniger Ärzten. Eine doppelt unschöne Entwicklun­g.“

Sein Wunsch an die Stadt sei es, dass das Problem des Hausärztem­angels auf die Tagesordnu­ng genommen und besprochen werde. „Wir müssen das Thema in den kommenden Jahren in den Fokus nehmen – und zwar nicht nur für Friedrichs­hafen die Kernstadt selbst, sondern auch vor allem die Teilorte.“

 ?? FOTO: DPA/QUELLE: KV BW ?? Wird es am Bodensee in den nächsten zehn Jahren ein Problem mit fehlenden Hausärzten geben?
FOTO: DPA/QUELLE: KV BW Wird es am Bodensee in den nächsten zehn Jahren ein Problem mit fehlenden Hausärzten geben?

Newspapers in German

Newspapers from Germany