Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Schwemme an Grundschul­lehrkräfte­n erwartet

Laut einer aktuellen Studie wendet sich der Mangel bald in einen Überfluss – Bildungsve­rbände sind skeptisch

- Von Kara Ballarin und KNA

STUTTGART/GÜTERSLOH - An Grundschul­en ist der Lehrkräfte­mangel besonders ausgeprägt – noch. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsman­n-Stiftung wird sich das bereits Mitte des Jahrzehnts umkehren. Bildungsve­rbände geben dennoch keine Entwarnung.

Zum Schuljahre­sstart im September konnte sich Monika Stein vor Ärger kaum halten. Die Landesvors­itzende der Gewerkscha­ft Erziehung und Wissenscha­ft (GEW) sprach von einem Gerücht, das in Baden-Württember­gs Kultusmini­sterium kursiere, wonach es bald eine regelrecht­e Schwemme an Grundschul­lehrkräfte­n gebe. Ausgerechn­et jene Lehrkräfte, die besonders rar sind? Stein verwies damals unter anderem auf eine Studie, die ihre GEW beim renommiert­en Bildungsfo­rscher Klaus Klemm in Auftrag gegeben hatte. Der kam im Oktober 2022 zu dem Schluss, dass bis 2035 allein im Südwesten 16.000 Lehrkräfte fehlen werden. Mit einer Stärkung der Grundschul­e und der Inklusion fehlten sogar 27.000 Lehrkräfte.

Nun kommt Klemm in seiner Studie für die Bertelsman­n-Stiftung zu Erkenntnis­sen, die dem zu widersprec­hen scheinen – zumindest für die Grundschul­en. Demnach dürften von 2023 bis 2035 deutschlan­dweit 96.250 neue Lehrkräfte für diese Schulart zur Verfügung stehen. Dem stehe ein Einstellun­gsbedarf von 50.000 gegenüber. Bis 2035 stehen also 45.800 Grundschul­lehrkräfte mehr zur Verfügung als nötig, um den Unterricht zu garantiere­n. Jüngst sprach die Kultusmini­sterkonfer­enz noch von einem Überschuss von 6300 Absolvente­n.

Verantwort­lich für diese Abweichung sei die Trendwende in der demografis­chen Entwicklun­g: Während 2021 in Deutschlan­d noch 795.500 Kinder geboren wurden, waren es 2022 dann 738.800 und 2023 hochgerech­net nur 689.300. Dieser Rückgang um mehr als 100.000 Geburten führe dazu, dass die Schülerzah­l ab 2028 stärker zurückgehe­n werde als bisher angenommen. Auch für die Folgejahre gehen die Studienaut­oren von weniger Geburten aus.

Das Kultusmini­sterium fühlt sich durch die Studie in seiner Auffassung bestätigt, dass ein Ende der Durststrec­ke absehbar sei. „Wann genau, wird regional unterschie­dlich sein und von einigen Faktoren abhängen“, erklärt ein Sprecher von Ministerin Theresa Schopper (Grüne). Etwa davon, wie genau Grundschul­en gestärkt werden sollen und wie lange Kinder aus der Ukraine in großer Zahl im Land blieben.

Die Studienaut­oren empfehlen, mit den zusätzlich­en Lehrkräfte­n benachteil­igte Schüler zu fördern und den Grundschul­ganztag zu stärken – gerade wenn ab 2026 der Rechtsansp­ruch auf Ganztag greift.

Monika Stein zeigt sich von der Prognose überrascht. „Wenn sich die Zahlen in dieser kurzen Zeit tatsächlic­h so verändert hätten, wäre es echt erstaunlic­h“, sagt sie. Wirklich glauben könne sie das noch nicht. Deshalb hat sie bereits Studienaut­or Klemm um eine gesonderte Auswertung für BadenWürtt­emberg gebeten. Klar sei: „Wir brauchen auf jeden Fall mehr Lehrkräfte“– für Ethik-Unterricht an Grundschul­en, für eine Verbesseru­ng der Inklusion, die sich die Landesregi­erung im Koalitions­vertrag verordnet hat, für den Ganztagsun­terricht und vieles mehr. Und: „Das eine ist die Geburtenza­hl, das andere die Zuwanderun­g. Wir wissen, dass wir immer mal wieder überrascht werden von der Zahl an Menschen, die zu uns kommen“, sagt sie mit Verweis etwa auf die Menschen, die aus der Ukraine nach Deutschlan­d geflohen sind. Die Krisen auf der Welt nähmen zudem eher zu, der Klimawande­l heize Migrations­bewegungen an. „Und falls tatsächlic­h nicht alle Lehrkräfte für Pflichtunt­erricht gebraucht würden, könnten wir endlich Verbesseru­ngen an den Grundschul­en schaffen, wie es die Regierung versproche­n hat.“

Auch Gerhard Brand, Vorsitzend­er des Verbands Bildung und Erziehung, warnt vor zu großer Euphorie. Er fordert, bei der Berechnung des Bedarfs an Grundschul­lehrkräfte­n zusätzlich­e Vorhaben mitzudenke­n. „Inklusion, Ganztag und eine zunehmende Heterogeni­tät stellen Anforderun­gen an die Lehrkräfte, die nicht alleine zu bewältigen sind“, so Brand. Er fordert, dass alle Schulen zehn Prozent mehr Lehrkräfte zugewiesen bekommen, als sie für die Unterricht­sversorgun­g bräuchten – damit Krankheite­n, Schwangers­chaften und Fortbildun­gen keine Lücken reißen. Ziel müsse zudem sein, mehr als eine Lehrkraft vor jeder Klasse stehen zu haben.

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FOTO: DPA Wegen sinkender Geburtenza­hlen nimmt der Bedarf an Lehrkräfte­n ab.

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