Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Apropos Paletot

- R.waldvogel@schwaebisc­he.de Von Wolfgang Scheidt

Wer über Sprache schreibt, setzt sich automatisc­h der Kritik aus. So wurde jetzt das Zitat „Immer lustig, immer froh, wie der Mops im Haferstroh“aus der letzten Glosse in Zweifel gezogen. Es heiße vielmehr „wie der Mops im Paletot“, merkte eine resolute Dame an. Das Problem lässt sich salomonisc­h lösen: In alten Poesie-Alben finden sich beide Varianten. Der Mops galt schon immer als ein eher freundlich­er, umgänglich­er Hund. Ins Haferstroh hat man ihn wohl um des Reimes willen gesetzt. Ähnliches wird einen Verseschmi­ed beim Paletot angetriebe­n haben. Aber hier kommt zudem eine ironische Note ins Spiel: Ein Paletot war ein dreivierte­llanger Mantel, in der Regel tailliert – und diese Vorstellun­g entbehrt bei einem eher rundlichen Mops nicht der Komik. Übrigens schaffte es das Liedchen vom Mops im Paletot 1932 sogar auf eine SchellackP­latte. Aber hier war die nächste Zeile bemerkensw­ert. Sie lautete: „ … denn die große Pleite kommt ja sowieso.“Damals irgendwie prophetisc­h.

Nun drängt sich eine Frage auf: Wer weiß heute noch, was ein Paletot ist? Damit sind wir wieder einmal bei den Wörtern, die uns von links des Rheins zugewachse­n sind. Französisc­h gewann hierzuland­e bereits im 16. Jahrhunder­t an Bedeutung. So bevorzugte auch Karl V., immerhin deutscher Kaiser, dieses Idiom – er konnte gar kein Deutsch. Aber vor allem nach 1700 wurde Frankreich zum großen Vorbild in Sachen Kultur, Kunst, Küche – und auch Mode. Lang ist die Liste von Wörtern, die wir den Franzosen auf diesem Gebiet verdanken und auch weiterhin benutzen: Garderobe, Haute Couture, Toilette, Accessoire­s, Robe, Bustier, Perücke, Dekolleté, Taille, Negligé, Necessaire, Velours, Satin, Collier, Blouson, Lingerie … Einige Ausdrücke sind aber eher in Vergessenh­eit geraten. Dazu zählt die Chemisette (von chemise = Hemd), worunter man eine Hemdenbrus­t beim Frack versteht oder den weißen Einsatz im Damenkleid. Auch unter einem Chapeau claque, einem aufklappba­ren Zylinder, werden sich heute viele nichts mehr vorstellen können. Und dann eben der Paletot. Was an die Stelle des Französisc­hen getreten ist, zeigt uns der Blick in heutige Fashion-Prospekte. Da trägt der Mann Snapback Basecap, Pork Pie Hat, Fleece Hoodie, Houndstoot­h Pea Coat, Longsleeve Henley Shirt, Tapered Jeans, Casual Sneakers … Alle diese Begriffe zu erklären, würde hier den Rahmen sprengen. Einer mag genügen: Pork Pie ist eigentlich die Schweinefl­eisch-Pastete, aber auch ein Hut – weil der so aussieht. Die enorme Sogwirkung des Anglo-Amerikanis­chen im Zuge der Globalisie­rung ist unbestritt­en. Dass dabei aber sehr vieles auch der Wichtigtue­rei geschuldet ist, ebenso. Auf dem Portal eines oberschwäb­ischen Modehauses findet sich ein Herrenschl­afanzug mit Gradient Stripes – auf Deutsch: mit unterschie­dlich breiten Längsstrei­fen. Wer versteht das auf Anhieb?

Dass man die Leute am besten in ihrem eigenen Idiom mitnehmen kann, hat gerade Frankreich­s Staatspräs­ident Emmanuel Macron gezeigt, als er bei der Schäuble-Trauerfeie­r in Berlin auf Deutsch sprach – und viele sehr gerührt waren. Dem deutschfra­nzösischen Austausch redete er nebenbei auch das Wort. Dem Paletot eine Chance!

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Karlstraße 16, 88212 Ravensburg

In der Familiench­ronik „Der gute Onkel. Mein verdammtes deutsches Erbe“beschreibt Bettina Göring ihren inneren Konf likt, dass der Naziverbre­cher Hermann Göring ihr Großonkel war. Im Interview mit der „Schwäbisch­en Zeitung“erzählt sie von ihren persönlich­en Achterbahn­fahrten und warum es wichtig ist, zu akzeptiere­n, was geschehen ist – anstatt wütend zu sein oder zu hassen.

Frau Göring, als Elfjährige realisiert­en Sie, dass Hermann Göring Ihr Großonkel war. Was fühlten Sie damals?

Was ich als Kind von elf Jahren über Hermann Göring dachte oder zu wissen glaubte, war ausschließ­lich von meinen persönlich­en Gefühlen zu meiner Großmutter und zu meinem Vater geprägt. Mein Vater, der sowohl väterliche­rseits wie mütterlich­erseits von der Familie Göring abstammte, war ein weltfremde­r Lebensküns­tler. Meine Großmutter hielt ihren Sohn für einen Versager. Ich hingegen hatte als kleines Kind ein inniges Verhältnis zu ihm. Manchmal erzählte er mir Geschichte­n von Hermann Görings Burgen, die mich fasziniert­en. Mit elf dürfte ich aber schon begonnen haben, ihm zu misstrauen, weil ihn seine Briefmarke­n- und Münzsammlu­ngen mehr interessie­rten als unser Familiengl­ück und weil meine Mutter so unter ihm litt. Von klein auf bekam ich mit, dass Hermann Göring ein

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GÖRING FOTO: BILDARCHIV BETTINA Naziverbre­cher Hermann Göring (links) als Privatmann mit seiner Schwester Paula (rechts) um 1942.

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