Schwäbische Zeitung (Tettnang)

„Die Vergangenh­eit holte mich ein – mit voller Wucht“

Bettina Göring über die zwei Gesichter ihres Onkels Hermann Göring und was wir aus den Naziverbre­chen lernen können

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sehr wichtiger Mann im „Dritten Reich“und wie beliebt er beim

Volk war. Mit den grauenhaft­en Verbrechen der Nationalso­zialisten brachte ich ihn damals aber noch nicht in Verbindung. Je mehr wir dann über die Verbrechen der Nationalso­zialisten erfuhren, umso größer wurde unsere Wut auf die Großmutter und unsere Scham, mit Hermann Göring verwandt zu sein.

Als junge Frau zerrissen Sie ein Foto vom jungen Hermann Göring, Sie schämten sich für den Nachnamen. Was ging in Ihnen vor?

Verschiede­ne Familienmi­tglieder sind mit diesem Erbe unterschie­dlich umgegangen. Ich weiß von Cousinen, die versucht haben, die Sache zu verdrängen und gegenüber ihren Kindern zu verschweig­en. Ich selbst dachte als junger Mensch offensicht­lich, ich könnte die Last meiner Familienge­schichte hinter mir lassen, indem ich von meiner Familie weggehe. Doch wir wurden alle auf irgendeine Weise von der Vergangenh­eit eingeholt – ich mit voller Wucht. Dass man mir eine äußerliche Ähnlichkei­t zu Hermann Göring nachgesagt hat, war natürlich ein zusätzlich­er Schock und eine Belastung.

Half Ihnen das Aufschreib­en der Familienge­schichte, um mit den Vorfahren und mit sich selbst ins Reine zu kommen?

Die Arbeit am Buch hat mir tatsächlic­h enorm geholfen, mit meiner Familienge­schichte klarzukomm­en. Die Berg- und Talfahrten begannen jedoch nicht erst mit der Arbeit an dem Buch. 2004 beispielsw­eise habe ich gemeinsam mit Ruth Rich, der Tochter von Holocaustü­berlebende­n, die Doku „Bloodlines“gemacht. „Weißt du eigentlich, dass dein Großonkel mit seiner Unterschri­ft die ,Endlösung der Judenfrage’ beauftragt hat“, schrieb sie mir in ihrer ersten E-Mail, bevor wir uns persönlich kennenlern­ten und uns vor laufender Kamera konfrontie­rten. Ich wusste das damals tatsächlic­h nicht. Meine Großmutter hatte steif und fest behauptet, dass Onkel Hermann nichts mit den Konzentrat­ionsund Vernichtun­gslagern zu tun gehabt hatte, und vor eigenen Recherchen hatte ich mich lange Zeit gefürchtet. Sie können sich vorstellen, wie entsetzt und niedergesc­hlagen ich war, bis ich mich schließlic­h aufraffen konnte, mich den Fakten zu stellen. Die gemeinsame Arbeit mit Ruth an dem Film war dann sehr intensiv, sehr schmerzhaf­t, aber zugleich versöhnlic­h und heilend.

Hermann Göring bezeichnen Sie als Massenmörd­er und Psychopath­en, der gleichzeit­ig charmant und beschützen­d sein konnte. Wie passt das zu einem Menschen, der mitverantw­ortlich für den Tod von sechs Millionen Juden ist?

Für seine Familie war er der gute Onkel. Daher der Titel des Buches. Er hat sich als Familienob­erhaupt um viele seiner Verwandten fürsorglic­h gekümmert, ihnen Jobs und Vergünstig­ungen verschafft usw. Es war ihm so wichtig, seine Verwandten und Freunde zu beschenken, dass er in seinen Notizbüche­rn darüber Geschenkli­sten führte. Meinem Vater hat er unter anderem ein Motorrad und eine goldene Uhr geschenkt und so viel ich weiß auch sein erstes Auto. Ganz uneigennüt­zig war das nicht: Ganz offensicht­lich waren seine engsten Verwandten auch wichtige Stützen für ihn, mit denen er sich gern umgab, weil sie ihm Halt gaben und er sich bei ihnen Rückversic­herung holte. Deshalb war es auch so schwer beziehungs­weise unmöglich für sie, sich jemals mit seiner anderen Seite, der des Psychopath­en und Massenmörd­ers, zu konfrontie­ren. Meine Großmutter ließ nichts über ihn kommen.

Wie können wir aus der Geschichte lernen?

Die große Herausford­erung für mich war, mich von meinem eigenen Schubladen­denken zu befreien, meine über lange Zeit festgefass­ten Meinungen hintanzust­ellen und nachzuvoll­ziehen, wie es überhaupt – schleichen­d und durch faule Kompromiss­e in der Mitte der Gesellscha­ft, oder auch nur durch Schweigen und Wegschauen – so weit kommen konnte. Das Wichtigste im Moment finde ich, im Dialog zu bleiben, auch mit der rechten Seite, obwohl scheinbar immer weniger Menschen zum Gespräch mit Andersgesi­nnten bereit sind. Das halte ich für gefährlich.

Bettina Göring und Melissa Müller: Der gute Onkel. Mein verdammtes deutsches Erbe, Droemer Verlag, 416 Seiten mit vielen Fotos, 26 Euro. Die Familiench­ronik erscheint am 1. Februar im Buchhandel.

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