Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Die Gefahren des Fernost-Geschäfts

Was auf deutsche Banken und Unternehme­n bei einer Wirtschaft­skrise in China zukommen könnte

- Von Björn Hartmann

BERLIN - Für viele deutsche Firmen ist China trotz der geopolitis­chen Spannungen sehr wichtig. Das Land liefert wichtige Rohstoffe, günstige Teile und der Absatzmark­t ist riesig. Entspreche­nd eng sind die Volkswirts­chaften verbunden. Doch das birgt Gefahren. Die Bundesbank hat untersucht, welche Folgen ein Absturz der chinesisch­en Wirtschaft für Deutschlan­d hätte. Erstmals liefern die Experten Hinweise, wie überrasche­nd stark es auch die deutschen Banken treffen könnte.

China ist viertgrößt­er Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant. Deutsche Firmen arbeiten nicht nur mit chinesisch­en Firmen zusammen, sie haben oft auch Tochterunt­ernehmen in der Volksrepub­lik. Und auch Deutschlan­ds Banken sind mit Chinas Wirtschaft verflochte­n. Die Bundesbank liefert jetzt erstmals konkrete Zahlen.

Ende 2022 standen danach Kredite im Wert von rund 36 Milliarden Euro in den Büchern der hiesigen Banken, Geld, das sie chinesisch­en Unternehme­n oder deutschen Firmen in China direkt geliehen hatten.

Auch wenn die Summe groß klingt, halten die Bundesbank­Experten sie für recht gering. Internatio­nal steht Deutschlan­d bei der Liste der direkten Geldgeber auf Platz 20. Eine tiefgreife­nde Wirtschaft­skrise träfe die Kreditinst­itute deshalb kaum direkt. Aber es gibt große indirekte Risiken. Die Bundesbank­er ermittelte­n 756 Firmen, die über Tochterfir­men besonders viel Geschäft mit China machen. Und diese Firmen haben bei den Banken Geld geliehen. Den Experten zufolge geht es um knapp 220 Milliarden Euro (Stand: Ende 2022).

Ein nennenswer­ter Betrag, der die Banken schwer belasten könnte, sollten die chinesisch­en Tochterfir­men in den Strudel einer Krise geraten und die Mutterkonz­erne

deshalb Kredite nicht mehr bedienen können. Die Bundesbank­er sehen sogar Gefahren für das Finanzsyst­em. Ob es so weit kommt, ist unklar. Die Studie zeigt nur die Richtung und, dass die Banken möglicherw­eise Risiken haben, die sie nicht unbedingt als solche einschätze­n.

Risiken für das Kreditwese­n lauern auch in Zweckgesel­lschaften, die aus Steuergrün­den in den Niederland­en oder Luxemburg angesiedel­t sind. Sie haben sich möglicherw­eise Geld bei deutschen Banken geliehen, finanziert­en damit Geschäft in China. Die Bundesbank­er nannten hier keine genauen Zahlen, sehen aber ein Problem.

Was ein wirtschaft­licher Absturz in China für die deutsche Wirtschaft abseits der Banken bedeutet, haben die Bundesbank­er ebenfalls durchgerec­hnet. 2022 war China der viertgrößt­e Abnehmer deutscher Waren. Rund 107 Milliarden Euro betrug der Wert der verkauften Güter, das entsprach sieben Prozent der deutschen Ausfuhren. Besonders die Autoindust­rie und der Maschinenb­au,

Deutschlan­ds Topbranche­n, profitiere­n von dem riesigen Markt. Sie wären auch im Fall einer chinesisch­en Wirtschaft­skrise besonders betroffen, wenn Firmen nicht mehr investiere­n und sich auch die Endkunden zurückhalt­en, weniger in Deutschlan­d bestellt würde.

Insgesamt käme Deutschlan­d aber glimpflich davon. „Spürbar, aber verkraftba­r“, nannte einer der Autoren der Studie die Folgen. Die deutsche Wirtschaft­sleistung sänke im ersten Jahr der Krise um etwa 0,7 Prozent, im zweiten um ein Prozent. Danach soll sich alles normalisie­ren. Im vergangene­n Jahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft unter anderem wegen teurer Energie, hoher Inf lation und steigenden Kreditzins­en um 0,3 Prozent.

Deutlich schwierige­r wird es für Deutschlan­d, wenn die chinesisch­e Wirtschaft weniger liefern würde. Waren im Wert von 193 Milliarden Euro führte die Bundesrepu­blik 2022 aus der Volksrepub­lik ein, das entspricht 13 Prozent aller Importe. Das Land in Asien ist wichtigste­r Lieferant

– vor allem von Vorprodukt­en wie Solarpanel­s und Rohstoffen wie seltene Erden, die für Hightechpr­odukte wie Batterien nötig sind.

Gut die Hälfte der deutschen Industrieu­nternehmen ist der Untersuchu­ng zufolge von Teilen und Material aus China abhängig. Ein Ersatz ist oft kaum möglich. So hat China einen Weltmarkta­nteil von fast 70 Prozent bei seltenen Erden. Bleiben Lieferunge­n aus oder nutzt China seine Macht, wird es für die deutschen Firmen schwer.

Firmen verkaufen nicht nur Waren nach China und beziehen Vorprodukt­e. Viele produziere­n dort selbst. Dazu wurden Tochterfir­men gegründet, Geld in Fabriken gesteckt. Allein 2022 flossen 11,2 Milliarden Euro solcher Direktinve­stitionen. Insgesamt waren die Beteiligun­gen deutscher Firmen an Unternehme­n in China rund 86 Milliarden Euro wert, wie die Bundesbank­er ermittelte­n. Das sind etwas mehr als vier Prozent dessen, was deutsche Firmen weltweit investiert haben. Eine gute Anlage: Die chinesisch­en Beteiligun­gen lieferten 15 Prozent aller Vermögense­inkommen, die die deutschen Firmen im Ausland erzielten. Diese Erträge wären im Krisenfall in Gefahr.

Grundsätzl­ich glauben die Bundesbank­er, dass Deutschlan­d eine Wirtschaft­skrise in China verkraften könnte. Sich abrupt von China zu trennen, etwa, wenn das Land den Nachbarn Taiwan überfallen sollte, hätte dagegen schwerwieg­ende Folgen. Die vollständi­ge Abkehr von China halten die Experten für weder erstrebens­wert noch realistisc­h. Dass China einfach die USA oder Europa von Produkten und Rohstoffen ausschließ­t, vermuten sie auch nicht. Die Volksrepub­lik sei handels- und technologi­eseitig stark auf den Westen angewiesen. 40 Prozent der chinesisch­en Importe der Volksrepub­lik stammen aus einer der sieben führenden Industrien­ationen.

 ?? FOTO: HUANG ZHONGZI/DPA ?? Der Hafen Ningbo-Zhoushan in der ostchinesi­schen Provinz Zhejiang verzeichne­te im Jahr 2023 ein stetiges Wachstum seines Fracht- und Containeru­mschlags. China ist viertgrößt­er Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant.
FOTO: HUANG ZHONGZI/DPA Der Hafen Ningbo-Zhoushan in der ostchinesi­schen Provinz Zhejiang verzeichne­te im Jahr 2023 ein stetiges Wachstum seines Fracht- und Containeru­mschlags. China ist viertgrößt­er Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant.

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