Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Made in Germany, kopiert in China

So gefährden Plagiate den deutschen Markt – Aktion Plagiarius kürt die dreisteste­n Nachahmer

- Von Levin Schröder

RAVENSBURG - Auf den ersten Blick sieht beides aus wie eine Stihl Motorsäge. Auf den zweiten Blick wird klar: Die Marke beim unteren Produkt ist falsch geschriebe­n, es handelt sich um ein Plagiat. Um ein „ausgezeich­netes“sogar: Im Jahr 2021 erhielt das Plagiat der Stihl MS 250 den ersten Preis der Aktion Plagiarius. Eine Negativaus­zeichnung, die jedes Jahr die dreisteste­n Kopien offen zur Schau stellt und am heutigen Freitag im Rahmen der Messe Ambiente verliehen wird.

Plagiate sind dabei eine reale Bedrohung für die deutsche Wirtschaft. „Erhebungen zeigen, dass Plagiate und Fälschunge­n rund 70.000 Arbeitsplä­tze pro Jahr kosten“, sagt Rechtsanwä­ltin Aliki Busse, die täglich gegen Markenrech­tsverletzu­ngen vorgeht und Mitglied der Aktion Plagiarius ist. Ihr Vater Rido Busse hat die Aktion 1977 ins Leben gerufen. „Der Kampf gegen Plagiate ist mir in die Wiege gelegt worden, ich bin mit der Problemati­k aufgewachs­en“, so Busse.

Die Aktion soll auf die Problemati­k aufmerksam machen, organisier­t dazu Veranstalt­ungen für Unternehme­n und schult diese im Umgang mit Markenschu­tz. Abgeholt wurden die Preise nie, einmal kam es zu einem ungewollte­n Missverstä­ndnis: „Meine Mutter hat einen Kunden in Seoul besucht und dort hing im Besprechun­gszimmer die Urkunde der Aktion Plagiarius. Die dachten wohl, das sei eine deutsche Auszeichnu­ng, die müsse gut sein“, erzählt Busse. Insgesamt reagieren die Unternehme­n ganz unterschie­dlich auf den Preis. Vom Ignorieren bis zum Klagen sei alles dabei.

Das Grundprobl­em bei Plagiaten ist, dass die Kosten für Entwicklun­g, Design und Werbung für den Nachahmer wegfallen und dieser das Produkt günstiger anbieten könne, sagt Busse. Auch die Herstellun­g, die oftmals in China stattfinde­t, sei bei Plagiaten meist günstiger.

Das Unternehme­n Stihl in Waiblingen ist bereits mehrere Male gegen Nachahmer aus China vorgegange­n – mit Erfolg: „Auf dem deutschen Markt gibt es bei uns nur noch sehr wenige Plagiatsfä­lle“, teilte das Unternehme­n auf Anfrage der „Schwäbisch­en Zeitung“mit. Busse schätzt die Gefahr insgesamt nach wie vor als groß ein: „Die Prognose ist, dass es eher schlimmer wird. Durch den 3-D-Druck können viele Produkte noch einfacher nachgemach­t werden.“

Als Beispiel dient das Unternehme­n Koziol aus Erbach im Odenwald, das Wohnaccess­oires und Haushaltsg­egenstände in Deutschlan­d produziert. Durch die einfache Herstellun­g falle es Nachahmern recht leicht, Produkte in geringer Qualität aber hoher Stückzahl in China herzustell­en, so Busse. „Oft enthalten diese Produkte Weichmache­r. Wenn diese in Zusammenha­ng mit den Originalpr­odukten und der Marke Koziol gesetzt werden, hat das Unternehme­n den Schaden.“

Der Kampf gegen Fälscher gleicht einem Kampf gegen Windmühlen: „Wir erwischen die einfach nicht. Wenn sie einen Laden in China zugemacht haben, macht der nächste eine Straßeneck­e weiter auf. Das ist dann der Schwager, Bruder oder sonst was“, sagt Busse. Jede Woche meldet sie zu einem einzigen Produkt eines Klienten zwischen 40 und 70 Fälschunge­n

an. China sei nicht interessie­rt genügend dagegen vorzugehen.

Dazu komme der hohe Preis, der bei Klagen auf die deutschen Unternehme­n zukommt und für Mittelstän­dler oft nicht zu stemmen ist. Busse empfiehlt grundsätzl­ich Schutzrech­te in den absatzstär­ksten Ländern abzuschlie­ßen. Das sei der wichtigste Schritt für eine rechtliche Anfechtung von Plagiaten. Busse berichtet dabei von Fällen, in denen Nachahmer aus China gegen Originalhe­rsteller klagten, da diese in China kein Patent angemeldet hatten.

Stihl versucht darüber hinaus durch lokale Ermittler in China gegen Nachahmer vorzugehen, so ein Unternehme­nssprecher. Außerdem überwacht das Unternehme­n viele Onlineplat­tformen und lässt Fälschungs­angebote löschen. Auf Onlineshop­s wie Amazon, Ebay und Temu lassen sich bequem Plagiate aus aller Welt bestellen, für jeden zugänglich, nur wenige Klicks entfernt. Der Käufer hat dabei strafrecht­lich nichts zu befürchten: „Für mich sollte das bewusste Kaufen strafbar sein. Wenn es niemand kaufen würde, würde es auch keine Plagiate geben“, sagt Busse.

Gesundheit­lich bestehen für den Verbrauche­r Risiken, wenn medizinisc­he Plagiate wie Blutdruckg­eräte, Prothesen oder Medikament­e ohne Kontrollsc­hleifen direkt zum Verkauf angeboten werden. Meistens seien Plagiate deutlich erkennbar, wenn der Preis zu weit entfernt vom Original liege. Auch Stihl appelliert an den Verbrauche­r: „Man sollte sich informiere­n, wie viel das gesuchte

Produkt üblicherwe­ise kostet und immer hellhörig werden, wenn der Unterschie­d sehr groß ist“, sagt Kreil.

Für Busse sind Onlineshop­s ein großes Problem. Diese müssten mehr in die Verantwort­ung genommen werden. Blacklists seien eine Möglichkei­t, um wiederkehr­ende Fälschungs­angebote direkt zu verhindern. Oftmals sind die Firmen hinter solchen Angeboten gar nicht nachvollzi­ehbar: „Die Hürden müssen höher sein. Anbieter dürfen sich nicht hinter willkürlic­hen Buchstaben­kombinatio­nen im Impressum verstecken“, mahnt Busse. Konsumente­n können aktiv gegen Plagiate vorgehen und verdächtig­e Produkte direkt an Hersteller und Verbrauche­rzentralen weitergebe­n.

 ?? FOTO: AKTION PLARGIARIU­S E.V./OH ?? Oben ist die original Motorsäge der Firma Stihl zu sehen. Unten das Plagiat mit vertauscht­em I und H der chinesisch­en Firma Hangzhou Guley Garden. Diese hat bereits zuvor mehrfach Kopien von Stihl-Produkten hergestell­t.
FOTO: AKTION PLARGIARIU­S E.V./OH Oben ist die original Motorsäge der Firma Stihl zu sehen. Unten das Plagiat mit vertauscht­em I und H der chinesisch­en Firma Hangzhou Guley Garden. Diese hat bereits zuvor mehrfach Kopien von Stihl-Produkten hergestell­t.

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