Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Wie Phoenix aus der Asche

Nach einem verheerend­en Hurrikan ist die Karibikins­el St. Maarten wieder zu einem Urlaubspar­adies geworden

- Von Jonas Müller

Der 6. September 2017 war für die 75.000 Bewohner von St. Martin in etwa das, was für Dante und Michelange­lo das Jüngste Gericht war. Eine höhere Macht schien ein für alle Mal mit den Menschen auf der kleinen Karibikins­el abrechnen zu wollen. Sie hörte auf den Namen „Irma“und kam in Gestalt eines Hurrikans der Stärke 5. Angie und Thommy Soeffker und ihr Sohn bangten um ihr Leben. Sie verbarrika­dierten sich zehn Stunden lang, am Ende hatte der Sturm alle Türen durchbroch­en.

Die Familie überlebte, ihr Haus stand noch, doch ihre Insel hatte gelitten. „Als wir hinausscha­uten, bot sich ein Bild der Verwüstung: Kein Blatt mehr an Bäumen und Büschen, die Palmen zerknickt, die Boote in der Marina fast alle zerstört, an Land geworfen, zerknüllt oder gekentert. Dächer abgedeckt, ganze Häuser einfach weg“, schrieb Angie Soeffker damals in ihrem Blog. Für die Hamburgeri­n, die zwei Jahre zuvor Deutschlan­d verlassen hatte, um sich ihren Traum als Reiseleite­rin in einem von Deutschen noch unentdeckt­en Paradies zu verwirklic­hen, war es ein Schock, für die Insel schien es der Untergang: 95 Prozent der Gebäude waren zerstört worden.

Wer sechs Jahre später am Flughafen Princess Juliana landet, kommt aus dem Staunen kaum mehr heraus. Küsten und Strände sind gesäumt von hübschen Bungalows, Art-Hotels und romantisch­en Basthäusch­en, die Palmen wiegen sich sachte im Wind, und vor der Küste im Atlantik

schaukeln nicht nur sündteure Yachten der Oligarchen, sondern auch die kleinen Segelschif­fchen und Fischerboo­te. Wer vom 300 Meter hohen Fort Louis über alte Kanonen auf Marigot blickt, den pittoreske­n Hafen und den rötlichen Sand der Landzunge Baie Rouge sieht, kann nicht glauben, das hier einmal Ruinen lagen. St. Martin hat sich tatsächlic­h sein Paradies zurückgeho­lt, mit unerschütt­erlichem Glauben. „Die Menschen hier haben einfach weitergema­cht und sich die Hoffnung und Lebensfreu­de nicht nehmen lassen“, sagt Soeffker. „Und: St. Martin hat viel Unterstütz­ung bekommen.“

Tatsächlic­h haben die Welt und der Westen St. Martin – so benannt von Kolumbus, der die Insel am Martinstag, dem 11.11. 1493 entdeckte – nicht sterben lassen. Auch, weil sie eben dem Westen gehört: der Norden (Saint Martin) den Franzosen, der autonome Süden (St. Maarten) zumindest auf dem Papier den Niederland­en. „Das Geld und die Leistungen

für den Wiederaufb­au haben der Insel immens geholfen, und vor allem für den Norden hat sich die Zugehörigk­eit zur EU bezahlt gemacht“, sagt Soeff ker. „Es gab eigentlich nie Probleme zwischen den beiden Nationen, die Grenze war immer offen – nur nicht in der Corona-Zeit.“Die dem Tourismus auf der Insel den nächsten Tiefschlag versetzte.

Auch davon erholte er sich – nicht zuletzt dank der quirligen Hamburgeri­n selbst, die auf Instagram und mit ihrer Seite zauberderk­aribik.com mehr Follower hat als alle anderen Tourismusp­ortale auf der Insel. Mit der 57-Jährigen die Insel-Highlights zu erkunden, ist ein Genuss. Soeffker kennt jeden Grashalm, jede Straße, jeden Hotelporti­er, sie weiß, wo Donald Trump und Nora Jones logieren, vor allem aber kennt sie die ruhigsten und die aufregends­ten Plätze der Insel. Anse Marcel im Norden etwa mit seinem seelenruhi­gen Strand und seinem kristallkl­aren Wasser inmitten einer waldigen Bucht – ein Tummelplat­z auch für Leguane, die sich dort vor den Mangroven sonnen. Oder Grand Case weiter südlich, wo auf einen Einwohner gefühlt ein „Lolo“kommt, wie man Open-Air-Restaurant­s auf St. Martin nennt.

Wie so viele Antillenin­seln ist St. Martin ein Paradies für Segler, Surfer, Taucher und Schnorchle­r. Es kann aber auch ein Refugium sein, ein Rückzugsor­t abseits des All-inklusive-Trubels der Karibik. Grundsätzl­ich gilt: „Der französisc­he Norden ist sehr europäisch geprägt und deutlich ruhiger als der Süden, der sich an den Vorlieben von US-Touristen orientiert. Dort ist mehr Stimmung und mehr Nachtleben“, sagt Soeff ker.

Sie und ihr Mann haben sich für den Norden entschiede­n.Ihr neues Leben haben sie nie bereut, nicht einmal, als der Hurrikan die Türen ihres Hauses einbrach.

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FOTOS: JONAS MÜLLER Von Fort Louis aus bietet sich über alte Kanonen hinweg ein schöner Blick auf den Hafen von Marigot.

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