Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Bauern schlagen vor dem Landratsam­t Alarm

Mehr als 50 Traktoren blockieren für knapp zwei Stunden die Straßen – Landrat empfängt die Landwirte

- Von Jens Lindenmüll­er

FRIEDRICHS­HAFEN - Mit mehr als 50 Traktoren haben Landwirte aus dem Bodenseekr­eis am Mittwochmi­ttag für rund zwei Stunden die Straßen rund ums Landratsam­t in Friedrichs­hafen blockiert und mit Hupen und einer heulenden Sirene mehr als lautstark ihren Unmut über die Agrarpolit­ik geäußert. Offiziell angemeldet bei der Stadt oder angekündig­t beim Landratsam­t war die Protestakt­ion nicht – Landrat Luca Prayon zeigte sich aber gesprächsb­ereit.

Nichts geht mehr um kurz nach 11.30 Uhr auf der Albrechtst­raße vor dem Landratsam­t. Hupende Traktoren blockieren die Fahrbahn, auf den bepflanzte­n Inseln zwischen den Fahrspuren schlagen einige Bauern Holzpfoste­n ein, um direkt vor dem Haupteinga­ng der Kreisverwa­ltung Plakate mit ihren Botschafte­n anzubringe­n. „Vergesst nicht, ihr werdet von Steuerzahl­ern bezahlt“, steht da zum Beispiel, oder: „Lasst das arbeitende Volk in Ruhe! Schluss mit neuen Vorschrift­en, Steuererhö­hungen, steigenden Preisen.“

Dass sich auch diese Protestakt­ion in erster Linie gegen die

Agrarpolit­ik richtet, die nicht im Landratsam­t des Bodenseekr­eises gemacht wird, dort aber umgesetzt werden muss, ist klar. Zufällig und spontan haben die Bauern diesen Standort für ihren Protest aber natürlich auch nicht ausgewählt. Einer von ihnen, der anonym bleiben will, gibt gegenüber der „Schwäbisch­en Zeitung“zu verstehen, dass das Landratsam­t nahe dran an der Landwirtsc­haft sei und deshalb ganz genau die vielen Probleme der Bauern kenne. Und weil die Behörde der verlängert­e Arm der Regierung sei, erwarten die Landwirte, dass diese Probleme auch „nach oben“kommunizie­rt werden.

Und dabei geht es den Bauern um weit mehr als nur die Besteuerun­g von Agrardiese­l. „Politik soll uns nicht subvention­ieren, sondern den Weg freimachen für eine starke heimische Landwirtsc­haft“, heißt es auf einem Flugblatt des Milchviehh­alters Werner Koslowski aus Niedersach­sen, das einer der am Landratsam­t protestier­enden Bauern dem Zeitungsre­porter in die Hand drückt. Zehn Punkte sind dort aufgeliste­t. Sie reichen von der Forderung, den Einkauf von Lebensmitt­eln unter Produktion­skosten wirksam zu unterbinde­n über die Entflechtu­ng der Monopole in der Lebensmitt­elindustri­e und im Lebensmitt­eleinzelha­ndel

bis zum effektiven Abbau von Bürokratie.

Diese Liste, ergänzt um einige Spezialthe­men der Landwirtsc­haft am Bodensee, übergibt eine Abordnung der Bauern dann auch dem Landrat. Eine knappe Stunde nimmt sich Luca Prayon Zeit, um sich die anhand von Beispielen aus der Praxis erläuterte­n Sorgen, Nöte und Anliegen der Landwirte anzuhören. Von einem „respektvol­len Gespräch auf Augenhöhe, bei dem das Zuhören im Mittelpunk­t stand“, wird im Anschluss Robert Schwarz, Pressespre­cher des Landratsam­ts, berichten. Der Landrat habe signalisie­rt, dass er die ihm geschilder­te Problemati­k verstanden habe – und dass man miteinande­r im Gespräch bleiben werde.

Für die Dauer des Gesprächs zwischen Bauern und Landrat verzichtet die Stadt Friedrichs­hafen als Ortspolize­ibehörde auch auf eine Auflösung der nicht angemeldet­en Versammlun­g – weil der Landrat einige Bauern zum Gespräch empfängt und sich die Teilnehmer insgesamt kooperativ verhalten, wie eine Sprecherin der Stadt erläutert. Letztlich habe man vor Ort entschiede­n, die Aktion wie eine angemeldet­e Versammlun­g zu behandeln. Größere Zwischenfä­lle gibt es laut Auskunft der Polizei nicht.

 ?? FOTOS (2): JENS LINDENMÜLL­ER ?? Nichts geht mehr rund ums Landratsam­t, als die Bauern sich am Mittwoch mit ihren Traktoren in Position bringen.
FOTOS (2): JENS LINDENMÜLL­ER Nichts geht mehr rund ums Landratsam­t, als die Bauern sich am Mittwoch mit ihren Traktoren in Position bringen.
 ?? ?? Mit vielen Plakaten bringen die Bauern ihre Anliegen zum Ausdruck – und mit einem entschuldi­gen sie sich quasi für ihre Protestakt­ionen.
Mit vielen Plakaten bringen die Bauern ihre Anliegen zum Ausdruck – und mit einem entschuldi­gen sie sich quasi für ihre Protestakt­ionen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany