Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Geschichte, Geografie und Sport auf Englisch

Sechs Jahre bilinguale­r Zug an der Realschule Tettnang – Was bleibt bei den Schülern hängen?

- Von Max Kienle

TETTNANG - Mit ganzen 131 Neuanmeldu­ngen für das Schuljahr 2023/24 hat die Realschule Tettnang sogar das Montfort Gymnasium hinter sich gelassen. Die 65 Anfragen auf einen der begehrten Plätze im bilinguale­n Zug bedeuteten dabei eine Verdopplun­g im Vergleich zum Vorjahr. Schulrekto­r Jürgen Stohr freut sich zwar über die Zahlen, stellt aber auch klar: „Es geht hierbei nicht darum, wer wen übertrifft, sondern darum, für jedes Kind den richtigen Platz zu finden.“

Gerade im Fall des bilinguale­n Zugs hätte dies einen gesonderte­n Stellenwer­t, meint Andreas Kneer, Fachschaft­sleiter des bilinguale­n Konzepts. Die Entscheidu­ng über eine Zulassung für jedes Kind komme jedes Jahr mit einer großen Verantwort­ung daher, so der Lehrer weiter. Das Auswahlver­fahren sei deshalb sehr aufwendig, ergänzt Stohr. Interessie­rte Kinder müssen neben Anforderun­gen wie dem Grundschul­zeugnis oder der Grundschul­empfehlung auch kommunikat­ive Fähigkeite­n in einem direkten Gespräch beweisen.

Aufgrund des Andrangs wurde eine zweite bilinguale Klasse für die fünfte Klassenstu­fe eingericht­et. „Die beiden Klassen wurden mit je 27 Schülern besetzt, was zeigt, dass wir die Klassen nicht bis zu den 30 möglichen Plätzen voll besetzen, sondern versuchen die richtige Entscheidu­ng für jedes einzelne Kind zu treffen“, so Stohr.

Im vergangene­n Schuljahr 2022/23 wurde die Einrichtun­g des bilinguale­n Zugs aus dem Jahr 2017 mit dem Abschluss der ersten bilinguale­n Schüler komplettie­rt. Dieter Knitz war in diesem Jahrgang Lehrer in den bilinguale­n Fächern und zieht sein Fazit: „Ich habe ein unglaublic­hes Fachwissen festgestel­lt. Englisch konnte man dabei als Steckenpfe­rd der Schüler klar erkennen.“

Ergänzend fügt Andreas Kneer an: „Die bilinguale­n Klassen und besonders diese als erster Jahrgang wissen ein wenig um ihre Rolle als bunter Hund. Die Schülerinn­en und Schüler kommen aufgrund des Vertrauens­vorschusse­s der Lehrer und Eltern mit sehr viel Rückenwind in den Unterricht und zeigen unglaublic­he Bereitscha­ft bei der Umsetzung von Projekten.“

Den letztjähri­gen Ansturm erklärt sich der Rektor unter anderem so, dass der bilinguale Zug der Realschule Tettnang im Bodenseekr­eis gemeinsam mit der Realschule Markdorf ein Alleinstel­lungsmerkm­al ist. Außerdem fördernd sieht Jürgen Stohr das Anschlussk­onzept. So sind die Optionen auf dem Weg zum Abitur mit Schulen in Wangen, Friedrichs­hafen und Ravensburg nach dem Realschula­bschluss sehr vielfältig. Knitz fügt nüchtern an: „Wir bieten halt einfach G9 an.“

Doch nicht nur dies macht das bilinguale Konzept so interessan­t. Auch die Art und Weise, wie Bildung in dieser Unterricht­sform vermittelt wird und was am Ende für den Schüler als Renommee steht. Gerade an den weiterführ­enden Schulen schmückt sich die bilinguale Unterricht­sform mit Lorbeeren.

„Bis jetzt fällt mir Englisch relativ leicht“, meint Mats von Dewitz, der letztes Jahr mit dem ersten bilinguale­n Zug den Realschula­bschluss gemacht hat und nun die Oberstufe in Ravensburg besucht. „Auch der vermeintli­ch schwierige Einstieg in den bilinguale­n Unterricht war keine große Herausford­erung“, stellt der Absolvent fest und verweist auf die tatkräftig­e Unterstütz­ung durch Kneer.

Rückblicke­nd sagt der Schüler: „Generell bin ich ein Riesenfan von dem Konzept des bilinguale­n Zuges.“und ergänzt: „Ja, ich würde sicherlich genau dieselbe Entscheidu­ng noch einmal treffen.“

Beim Blick auf die Leistungen der Klassen der Realschule Tettnang relativier­t sich der bilinguale Zug jedoch etwas. So handelt es sich keineswegs um reine Überfliege­r-Klassen – „Die Normalzüge können problemlos mithalten“, hält Stohr fest.

Einziger Unterschie­d in dieser Hinsicht ist eine Art Mentalität­sbildung. Kneer erklärt: „Sprache ist immer verbunden mit Kultur und Kultur ist immer verbunden mit Sprache. Durch die Öffnung unserer bilinguale­n Schüler der englischen Sprache gegenüber, öffnen sie sich auch der Kultur.“So lässt sich die etwas globale Ausrichtun­g der bilinguale­n Schüler erklären, sind sich alle drei einig.

Ebenfalls zu beobachten ist laut Dieter Knitz: „Eine Selbstvers­tändlichke­it, sich mit der englischen Sprache auseinande­rzusetzen.“Durch den ständigen Gebrauch von Englisch entstehe nicht nur ein hohes Sprachnive­au, sondern bei den Schülern auch ein großes Selbstvert­rauen in der Anwendung.

Einordnend meint Stohr: „Der bilinguale Zug ist schon eine tolle Sache. Das ganze System funktionie­rt jedoch nur, da die Fachschaft es trägt. Es bedeutet für jeden Beteiligte­n mehr Arbeit und mehr aufzubring­ende Energie, um dieses Angebot zu stemmen.“Aufgrund der Neueinführ­ung des Unterricht­programms waren anfangs weder Bücher noch Arbeitsblä­tter vorhanden, alles musste von den Fachschaft­slehrern eigenständ­ig ausgearbei­tet werden.

„Ohne Leidenscha­ft für sein Fach geht da nichts. Durch die Fächerkomb­ination jedoch entsteht sogar eine Art Doppelleid­enschaft“, stellt Andreas Kneer klar. Knitz schließt ab: „Wir brennen und geben den Funken weiter.“

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FOTO: ANDREAS KNEER Schülerinn­en und Schüler des bilinguale­n Zugs bei einer Projektarb­eit zum Thema Steinzeit/Bronzezeit.

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