Schwäbische Zeitung (Tettnang)

Als falscher Polizist auf der Suche nach dem Bruder

Amtsgerich­t Tettnang stellt Verfahren gegen 22-Jährigen wegen Amtsanmaßu­ng ein

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KRESSBRONN (kesc) - Tagelang hat ein junger Mann aus dem Bodenseekr­eis nach seinem jüngeren Bruder gesucht und sich in seiner Verzweiflu­ng sogar als Polizist ausgegeben. Dafür musste sich der 22-Jährige nun vor dem Amtsgerich­t Tettnang verantwort­en. Zu hören gab’s dort eine wilde Geschichte – das Verfahren wurde gegen Zahlung von 800 Euro zugunsten des Ravensburg­er Jugendhilf­evereins aber eingestell­t.

Laut Staatsanwa­ltschaft soll sich der junge Afghane Ende Januar 2023 am Bahnhof Kressbronn gegenüber einigen Schülern als Polizist ausgegeben haben. Mit der Begründung, er habe Marihuanag­eruch wahrgenomm­en, habe er die Schüler aufgeforde­rt, ihm ihre Ausweise zu zeigen. Dem kamen die Teenager aber nicht nach, wollten stattdesse­n den Dienstausw­eis des Angeklagte­n sehen.

Mit einem der Schüler habe sich darauf hin eine Schlägerei entwickelt, wobei nicht geklärt werden konnte, wer zuerst zugeschlag­en hat, so der Staatsanwa­lt. Der 22-Jährige soll anschließe­nd diesen Schüler mit dem Auto verfolgt und dabei so stark beschleuni­gt haben, dass sich der Schüler nur mit einem Sprung zur Seite in Sicherheit bringen konnte. Daher musste sich der Angeklagte vor Gericht auch wegen vorsätzlic­hen gefährlich­en Eingriffs in den Straßenver­kehr verantwort­en.

Bevor Richterin Rebecca Hutt ihn zu den Vorwürfen befragen konnte, gab dessen Anwältin eine Erklärung in seinem Namen ab. „Es war ein selten blödes Verhalten. Das weiß er im Nachhinein auch“, begann die Verteidige­rin und führte im Weiteren aus, warum ihr geständige­r Mandant so gehandelt hatte. Demnach war dessen jüngerer Bruder bereits seit zwei Wochen untergetau­cht gewesen – vermutlich wegen Schulden im Drogenmili­eu.

Als ältester Sohn war der 22jährige Angeklagte von seinen Eltern beauftragt worden, den jüngeren Bruder zu suchen. Eine Vermissten­anzeige bei der Polizei in Lindau hatte er bereits gestellt, als er den Tipp erhielt, dass sich am Bahnhof Kressbronn eine Kontaktper­son des Vermissten aufhalten könnte. „Als er dann den Marihuanag­eruch bei den Zeugen wahrnahm, hat ihn das total getriggert, weil sein Bruder auch Drogen konsumiert hat“, erläuterte seine Verteidige­rin.

Er habe sich gegenüber den Schülern nicht nur als Polizist ausgegeben, sondern auch als „Moralapost­el“aufgeführt und sie eindringli­ch vor Drogenkons­um warnen wollen. Heute wisse er, dass ihm so etwas nicht zustehe, sagte die Anwältin. Bei jenem Schüler, mit dem es später zur Schlägerei kam, habe er angenommen, dass sich sein Bruder bei diesem aufhalte. Dieser habe sich „großkotzig und provoziere­nd“ihm gegenüber verhalten.

Als der Angeklagte festgestel­lt habe, dass eine Verwechslu­ng vorlag, sei er dem Schüler lediglich in normaler Geschwindi­gkeit hinterherg­efahren, um die Sache aufzukläre­n. Da der Schüler trotz Ladung als Zeuge vor Gericht nicht erschienen war, meldete Richterin Hutt Zweifel an dessen Interesse an einer Strafverfo­lgung

an. Anzeige erstattet hatte ein unbeteilig­ter Dritter.

Befragt zu seinen persönlich­en Verhältnis­sen, schilderte der Angeklagte, wie er 2016 zusammen mit seinen Eltern und sechs Geschwiste­rn aus Afghanista­n nach Deutschlan­d gekommen sei. Nach erfolgreic­hem Schulabsch­luss und Ausbildung zum Mechatroni­ker arbeite er heute Vollzeit in seinem Beruf und mache zusätzlich eine Fortbildun­g zum Techniker. Als ältester Sohn kümmere er sich um seine Geschwiste­r, unterstütz­e diese auch mit 800 Euro monatlich. Leider seien zwei seiner vier Brüder in die Kriminalit­ät abgerutsch­t, da er durch seine berufliche­n Verpflicht­ungen nicht mehr so gut auf sie aufpassen könne, schilderte der 22-Jährige. „Das wäre auch nicht ihre Aufgabe, sondern die ihrer Eltern, die Söhne wieder in die Spur zu bringen. Wenn ich mir das erlauben darf: Sie werden von Ihrer Familie ganz schön gemolken“, kommentier­te Richterin Hutt die Ausführung­en des Angeklagte­n. Letztlich verständig­ten sich Richterin, Staatsanwa­ltschaft und Verteidigu­ng auf die Einstellun­g des Verfahrens gegen Zahlung von 800 Euro.

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FOTO: ULI DECK/DPA Weil er sich auf der Suche nach seinem Bruder als Polizist ausgibt, muss sich ein 22-Jähriger in Tettnang vor Gericht verantwort­en. Doch das Verfahren wird eingestell­t.

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