Schwaebische Zeitung (Wangen)

Das Kinderlach­en hat er noch im Ohr

Der langjährig­e Leiter Rudi Blaul blickt auf den Eisenbahn-Waisenhort in Lindenberg zurück

- Von Claudia Goetting

LINDENBERG - Er hat kaum Unterlagen und Fotos. Die sind alle im Archiv in Ludwigshaf­en. Und dennoch kann Rudi Blaul stundenlan­g erzählen – vom Eisenbahn-Waisenhort „Haus auf der Alpe“in Lindenberg. Schließlic­h hat der heute 76-Jährige die Einrichtun­g fast drei Jahrzehnte geleitet. Wenn er mal nicht weiter weiß, blättert der frühere Sozialarbe­iter in der Broschüre „Freizeit – Heiterkeit – Freiheit“, die er zum 60. Jubiläum im Jahr 1996 erstellt hat. Heuer hätte der Waisenhort 80-jähriges Bestehen feiern können. Im Jahr 2003 – ein paar Monate nachdem Rudi Blaul in den Ruhestand gegangen ist – wurde der Kurbetrieb allerdings eingestell­t. Heute ist auf dem Gelände das Humboldt-Institut untergebra­cht.

Rudi Blaul und seine Frau Ingrid schauen aus dem Fenster. Seit 1987 leben sie im früheren Pförtnerhä­uschen, das sie sich nach ihren eigenen Vorstellun­gen umgebaut haben. Auf der einen Seite schweift der Blick Richtung Berge, auf der anderen lässt sich fast ganz Lindenberg überblicke­n. „Es gibt keinen schöneren Platz“, sagt das Paar. Genau an diesem Ort haben jahrzehnte­lang mehrere Zehntausen­d Kinder unbeschwer­te Tage und Wochen verbracht, konnten den Alltag oder schwere Schicksals­schläge zumindest zeitweise vergessen. Auch wenn er mit dem Eintritt in den Ruhestand das Kapitel Berufslebe­n geschlosse­n habe und sich intensiv seinen vielen Hobbys widmet, tut es Rudi Blaul auch 13 Jahre später noch im Herzen weh, dass der Betrieb 2003 eingestell­t und das Gelände kurz darauf verkauft worden ist. Aus finanziell­er Sicht habe es keinen Grund dafür gegeben, sagt der 76-Jährige. Weil aber die Belegungsz­ahlen immer weiter zurückgega­ngen seien, habe die Stiftung beschlosse­n, nur noch den zweiten Eisenbahn-Waisenhort in Zinnowitz auf der Ostseeinse­l Usedom zu betreiben. „Leider haben wir keinen juristisch­en Dreh gefunden, das Haus anderweiti­g zu füllen“, sagt Blaul. Die Satzung der Stiftung habe es verboten, Teile des Geländes zu vermieten, beispielsw­eise an die Musikschul­e, oder auch andere Patienten, die nicht der Bahn oder ihrer Nebenund Tochterges­ellschafte­n angehören, aufzunehme­n.

Ganz verschwund­en ist der Eisenbahn-Waisenhort allerdings nicht aus Lindenberg. In der Jägerstraß­e gibt es seit 2004 eine sozialpäda­gogische Wohngruppe, die „Hobbits“. Kinder von aktiven oder ehemaligen Beschäftig­en im Bahnbereic­h finden in bestimmten Umständen (Tod eines oder beider Elternteil­e, schwierige Familiensi­tuation) eine kurzzeitig­e Aufnahme zur Kriseninte­rvention oder eine neue, dauerhafte Familie in den Wohngruppe­n der Stiftung.

Eigener Bahnhalt für den Hort

Für das Heftchen zum 60-jährigen Bestehen hat sich Blaul intensiv mit der Geschichte befasst. „Bis zu 300 Arbeiter haben zwei Jahre lang täglich auf dem zehn Hektar großen Grundstück – mit Blick auf die Allgäuer Berge, zum Bregenzer Wald und in die Schweiz – gearbeitet.“Mit 1100 Waggonladu­ngen sei das Material auf der damaligen Bahnstreck­e Röthenbach – Lindenberg herbeigesc­hafft worden. Es sei sogar ein Lift errichtet worden, um das Material von den Gleisen nach oben zu bringen. Viele wüssten heute gar nicht mehr, dass es sogar einen eigenen Bahnhalt „Eisenbahn-Waisenhort“gegeben hat. „Die Kinder sind mit dem Zug angekommen und dann mit ihren Koffern den Berg hochgelauf­en“, erinnert sich Blaul.

Zur feierliche­n Einweihung und offizielle­n Übergabe an die Heimleitun­g am 23. Mai 1936 seien 500 geladene Gäste mit drei Sonderzüge­n der Reichsbahn aus Berlin, München und Augsburg nach Lindenberg gekommen.

In der Anfangszei­t - und teilweise auch noch nach dem Krieg – habe im Waisenhort das Motto „Zucht und Ordnung“geherrscht. „Als ich 1974 die Leitung übernahm, hatte ich den Auftrag, das Haus mit einem neuen Geist zu erfüllen“, erzählt Blaul. Das galt nicht nur in pädagogisc­her Hinsicht und sei nicht von allen gerne gesehen worden. Auch baulich habe sich einiges verändert. So seien beispielsw­eise die großen Schlafsäle in Viererzimm­er umgebaut worden.

Der Waisenhort war viele Jahre komplett abgeschott­et vom gesellscha­ftlichen Leben in Lindenberg. Niemand, bis auf das Personal, Handwerker und die Kinder, durfte auf das Gelände. Ein paar Jahre nach Blauls Dienstantr­itt fand das erste Kinderfest rund um das „Haus auf der Alpe“statt, zu dem auch die Bevölkerun­g eingeladen war. „Über 5000 Gäste kamen. Das war der Wahnsinn. Die Leute haben scheinbar nur darauf gewartet, dass sie mal zu uns rauf dürfen. Die Stadt hat uns kostenlos ein Karussell zur Verfügung gestellt, die Stadtkapel­le hat gespielt und die Geschäfte haben Preise für die Tombola gespendet“, erzählt der ehemalige Leiter.

Auch wenn Rudi Blaul bis auf das Jubiläumsh­eft keine Unterlagen hat, spätestens wenn er aus dem Fenster des früheren Pförtnerhä­uschens blickt, werden Erinnerung­en wach. Dann hört er wieder das Lachen Tausender Kinder, die hoch über Lindenberg unbeschwer­te Tage und Wochen genossen – und er bedauert ein wenig, dass es heuer kein Fest zum 80-jährigen Bestehen gibt.

 ?? ARCHIVFOTO: OLAF WINKLER ?? Etwas abseits in Ellgassen liegt das große alte Haus, das vielen Lindenberg­ern noch als der Eisenbahn-Waisenhort bekannt ist. Vor 80 Jahren – im Mai 1936 – fand die feierliche Einweihung statt. 2003 wurde die Einrichtun­g geschlosse­n. Seit 2004 gehört...
ARCHIVFOTO: OLAF WINKLER Etwas abseits in Ellgassen liegt das große alte Haus, das vielen Lindenberg­ern noch als der Eisenbahn-Waisenhort bekannt ist. Vor 80 Jahren – im Mai 1936 – fand die feierliche Einweihung statt. 2003 wurde die Einrichtun­g geschlosse­n. Seit 2004 gehört...
 ?? FOTO: GOETTING ?? Rudi Blaul mit dem Heft zum 60-jährigen Bestehen des Eisenbahn-Waisenhort­s.
FOTO: GOETTING Rudi Blaul mit dem Heft zum 60-jährigen Bestehen des Eisenbahn-Waisenhort­s.

Newspapers in German

Newspapers from Germany