Ne­ben Ge­bim­mel stört nun auch Gestank

Im Kuh­glo­cken-Streit wird Bäue­rin aus Bay­ern jetzt we­gen Gül­le und In­sek­ten ver­klagt

Schwaebische Zeitung (Wangen) - - JOURNAL - Von Sa­bi­ne Do­bel

HOLZKIRCHEN (dpa) - Lau­tes Ge­bim­mel, schlech­te Ge­rü­che – und dann auch noch läs­ti­ge In­sek­ten: Ein Ehe­paar kauf­te im ober­baye­ri­schen Holzkirchen ein Häus­chen in idyl­li­scher La­ge, doch mit sei­nen tie­ri­schen Nach­barn kommt es nicht klar. Schon lan­ge ver­su­chen die bei­den, die Kuh­glo­cken – oder bes­ser noch die Kü­he selbst – von der be­nach­bar­ten Wei­de weg­zu­kla­gen. Auch den Gestank beim Dün­gen mit Gül­le wol­len sie nicht mehr dul­den – und die auf ihr Grund­stück flie­gen­den In­sek­ten möch­ten sie eben­falls nicht ha­ben. Jetzt gibt es ei­nen zwei­ten Pro­zess um den tie­ri­schen Streit.

Nach­dem die Kla­ge des Ehe­manns in ers­ter In­stanz ab­ge­wie­sen wor­den war und er nun auf die zwei­te In­stanz vor dem Ober­lan­des­ge­richt München war­tet, klagt jetzt sei­ne Frau. Am Fei­tag be­gann der neue Pro­zess vor dem Land­ge­richt München II. Dort sag­te die Frau, an­fangs ha­be man die Land­wir­tin „ganz freund­lich“, „ganz in Ru­he“und „ganz höf­lich“ge­be­ten, „ob sie bit­te die Glo­cken ab­neh­men“kön­ne. Die Bäue­rin ha­be zu Ohro­pax ge­ra­ten.

„Die gan­ze Zeit bim­melt es – Tag und Nacht“, sagt der An­walt des Paars, Pe­ter Hart­herz. Der Ehe­mann hat­te in sei­nem Pro­zess er­klärt, er und sei­ne Frau lit­ten un­ter Schlaf­lo­sig­keit und De­pres­sio­nen.

An die Bäue­rin ge­wandt, frag­te die Rich­te­rin jetzt: „Wo­für ha­ben Sie denn Kuh­glo­cken?“Die Bäue­rin: „Für den Fall, dass sie (die Kü­he) aus­bre­chen – dann man sie hört bei der Nacht.“

Das An­we­sen be­fin­de sich in ei­nem Wohn­ge­biet, es ge­be auch „kei­ne Orts­üb­lich­keit der Wei­de­hal­tung“, macht der An­walt gel­tend. Im Üb­ri­gen sei es Tier­quä­le­rei und ver­sto­ße ge­gen den Tier­schutz, Kü­hen ei­ne lau­te Glo­cke um­zu­hän­gen. Im Flach­land sei das auch gar nicht nö­tig.

Das Paar, das seit 2004 in Holzkirchen (Land­kreis Mies­bach) lebt, hat­te das in bes­ter La­ge idyl­lisch lie­gen­de Haus 2011 er­wor­ben und dann lie­be­voll und auf­wen­dig her­ge­rich­tet. Gera­de weil die bei­den Ein­hei­mi­sche sei­en und die mög­li­chen Be­ein­träch­ti­gun­gen durch die Land­wirt­schaft kann­ten, hät­ten sie sich vor dem Kauf ver­si­chert, wie es rund um das neue Heim aus­se­he. „Es gab vor­her dort nie Wei­de­vieh­hal­tung, und es gab nie Acker­bau. Es war im­mer ei­ne ein­fa­che Wie­se, wo man Heu macht“, sagt Hart­herz.

Zwar sei auch frü­her ge­düngt wor­den, und da­mit ha­be das Paar auch kein Pro­blem. Nun aber ha­be die Bäue­rin „ei­nen Tep­pich von Gül­le“aus­ge­bracht, sagt Hart­herz, der zum Be­weis ein Fo­to mit ei­ner brau­nen Wie­se zu den Ak­ten gab. „Das ent­spricht nicht den Vor­ga­ben der Dün­ge­ver­ord­nung. Das ist ei­ne Um­welt­saue­rei son­ders­glei­chen“, meint der An­walt. Al­les in al­lem ha­be sich auch der Wert der Im­mo­bi­lie ver­rin­gert – um 40 000 bis 50 000 Eu­ro.

Für den Holz­kirch­ner Bür­ger­meis­ter Olaf von Lö­wis (CSU) hat der Fall grund­sätz­li­che Be­deu­tung. „Es geht um die De­fi­ni­ti­on der sach­ge­rech­ten Land­wirt­schaft“, sagt er. Im­mer­hin ha­be das Paar auf dem traum­haft ge­le­ge­nen An­we­sen ei­nen un­ver­bau­ba­ren Blick in al­le Rich­tun­gen. „Da­für muss man halt in Kauf neh­men, dass da­ne­ben Land­wirt­schaft statt­fin­det.“Für die Bäue­rin in­des ge­he es um ih­ren Brot­er­werb.

GPS-Glo­cken ab­ge­lehnt

Der dörf­li­che Frie­den scheint in Ge­fahr. „Ich ha­be nicht den Ein­druck dass es den Men­schen ir­gend­wie dar­um geht, in die dörf­li­che Ge­mein­schaft in­te­griert zu wer­den“, sagt von Lö­wis. Ver­su­che zu ei­nem Me­dia­ti­ons­ge­spräch, so der Bür­ger­meis­ter, sei­en nicht an­ge­nom­men wor­den. Ein An­ge­bot des Ehe­paars, auf des­sen Kos­ten – laut­lo­se – GPSKuh­glo­cken an­zu­schaf­fen, stieß bei der Bäue­rin nicht auf of­fe­ne Oh­ren.

Der Ehe­mann war mit sei­ner Kla­ge we­gen der Kuh­glo­cken vor dem Land­ge­richt München zu­nächst ge­schei­tert. Grund da­für war ein Ver­gleich zwi­schen ihm und der Land­wir­tin. Dem­nach wur­de die Wie­se zwei­ge­teilt – auf dem nä­her bei dem An­we­sen lie­gen­den Teil soll­ten nur Kü­he oh­ne Glo­cken wei­den. Erst im ent­fern­te­ren Teil der Wie­se soll­ten die Kü­he – meist sind das fünf bis sie­ben Jung­tie­re – wei­ter mit Glo­cke gra­sen und bim­meln dür­fen.

Doch der Ver­gleich ha­be den Lärm kaum ein­ge­dämmt, sagt An­walt Hart­herz. Nun hofft das Paar, über die am Ver­gleich nicht be­tei­lig­te Ehe­frau und de­ren ei­ge­ne Kla­ge mehr zu er­rei­chen.

FO­TO: DPA

Be­schäf­tigt die Ge­rich­te: nein, nicht die Kuh, aber ih­re Glo­cke.

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